POLITIK
13/03/2018 06:59 CET | Aktualisiert 13/03/2018 14:01 CET

"Hart aber fair": Lobbyist geißelt Grünen als Moralapostel, der wird wütend

"Jemand muss dieses Scheißproblem lösen."

  • Das Thema bei “Hart aber fair”: “Ein Ozean voll Plastik – ertrinken die Meere in unserem Müll?”
  • Grünen-Chef Habeck fordert drastische Maßnahmen – und gerät mit anderen Gästen aneinander
  • Oben im Video seht ihr, was Plastik mit unserer Umwelt anstellt

Manchmal fällt es leicht, die Grünen zu kritisieren. Stichwörter genügen: Verbotspartei, Gutmenschen, Ideologen.

Auch der Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck, fordert am Montagabend in der ARD-Talkshow “Hart aber fair Verbote – und wird prompt von Moderator Frank Plasberg unter Beschuss genommen.

Allerdings machen die Redebeiträge von Habeck in der Sendung ebenso klar: Bei Umweltproblemen wie dem Plastik in den Weltmeeren braucht es drastische Maßnahmen.

“Das Perverse ist doch”, sagt der Grünen-Chef gleich zu Beginn, “dass das langlebigste Material ausgerechnet für Wegwerfartikel gemacht wird. Einweggeschirr, Einwegrasierer, Strohhalme…”

Auch die anderen Gäste bei “Hart aber fair” sehen das so. Harmonisch läuft der Rest der Sendung dann allerdings ganz und gar nicht ab. Mit einem Lobbyisten der Kunststoff-Industrie und einem Wirtschaftswissenschaftler gerät Habeck immer wieder aneinander.

Die Gäste bei “Hart aber fair”:

► Robert Habeck, Grünen-Chef und Umweltminister in Schleswig-Holstein

► Heiko Vesper, CDU, Meeresschützerin

► Dirk Steffens, Wissenschaftsjournalist

► Rüdiger Baunemann, Lobbyist von PlasticsEurope Deutschland

► Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre

► Kerstin Mommsen, Journalistin

Plastik bis zum Mond und zurück

“Ein Ozean voll Plastik – ertrinken die Meere in unserem Müll?”, fragt Plasberg bei “Hart aber fair” seine Gäste.

Eigentlich eine rhetorische Frage. 150.000.000.000 Kilogramm des Materials schwimmen in unseren Meeren. Plastik verletzt Tiere und kann über die Nahrungsaufnahme auch in den menschlichen Körper gelangen.

150.000.000.000 Kilogramm: Wem das zu viele Nullen sind, dem liefert Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens ein eindrucksvolles Bild in der Sendung. “Das ist ein Güterzug, der von der Erde bis zum Mond reicht, und halb zurück. Voll beladen.”

Damit war das Problem klar umrissen. Wie damit umgehen?

Habeck: “Wir können auch auf Autoreifen verzichten, irgendwann”

Habeck sagt: “Ich komme ja von einer Partei, wo es heißt: Verbotspartei. Aber dieses Mikroplastik braucht echt kein Mensch.” 

Steffens wirft ein: “Das sind aber nur ein paar hundert Tonnen in Deutschland. Allein, was von Autoreifen abgerieben wird, sind ungefähr 100.000 Tonnen.”

Und der Grünen-Chef antwortet mit dem nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag: “Wir können auch darüber reden, wie wir auf Autoreifen verzichten, irgendwann mal.”

Plasberg springt ein und will “Politik-Beratung” anbieten. “Jetzt ganz vorsichtig. Grüne und Autoreifen – ganz schwierig.”

Mehr zum Thema: So nimmt jeder täglich eine bedenkliche Menge Plastik zu sich, ohne es zu merken

Plasberg: “Ist das nicht Schwachsinn?”

Einer der Gäste, der Lobbyist für die Kunststoffmaterial Rüdiger Baunemann, schwärmt bei “Hart aber fair” über Plastik. “Ein fantastisches Material”, sagt er.

Als Plasberg ihm eine Packung eingeschweißten Schinken hinhält, wird Baunemann vorsichtig. 30 Gramm Verpackung auf 80 Gramm Schinken. “Ist das nicht Schwachsinn?”, fragt der Moderator. Die Kunden würden das Produkt eben kaufen, sagt der Lobbyist.

Was ihn positiv stimmt, ist die Bilanz in Deutschland beim Recycling. Er lobt eine auf Plastik verzichtende Familie, die “Hart aber fair”. Aus sechs gelbe Müllsäcke monatlich sind dreieinhalb geworden. “Ich bin begeistert”, sagt Lobbyist Baunemann.

Bei der Bio-Gurke wird es laut

Er hält nichts von Verboten oder höheren Steuern für seine Produkte. Auch Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre, sieht das ähnlich.

“Sie können die Verpackung dreimal so teuer machen”, will Roeb Habeck erklären, “da wird sich am Gesamtpreis kaum etwas verändern.” 

Habeck hält dagegen – mit einer Bio-Gurke. “Die Biogurke wird jetzt eingeschweißt, nur damit man sie von der Nicht-Biogurke unterscheiden kann”, schimpft er. 

Hier wird es laut. Der Wissenschaftler Roeb protestiert. Jeder erkenne das Problem, das Plastik darstellt. “Jetzt haben wir über die Hälfte der Sendung damit zugebracht, uns gegenseitig vorzujammern, wie schlimm das da draußen ist!”, wettert er. Und fügt hinzu: “Und jetzt reden wir über Bio-Gurken.”

Habeck stellt klar: Wir reden über Mikroplastik und Verpackungen. “Alles Sachen, die wir sofort verändern können.”

In der Sendung wird klar: Das Plastikproblem haben alle Gäste erkannt. Wie damit umgegangen werden soll, ist aber unklar.

Habeck: “Wir brauchen eine bessere Politik”

Ein Dialog fast am Ende der Sendung verdeutlicht die unterschiedlichen Positionen. Lobbyist Baunemann schimpft über Gebühren und höhere Steuern auf Plastik. “Irgendwann wird das dann auch den Verbrauchern zu viel”, meint er.

Roeb, der Professor für Handelsbetriebslehre, will Konsumentenforschung betreiben, um herauszufinden, wie Verbraucher auf unterschiedliche Maßnahmen gegen Plastikmüll reagieren.

Hier platzt Habeck der Kragen: “Eine Nullantwort. Dann passiert nämlich gar nichts.”

Ohne Maßnahmen für die Industrie würde sich nichts ändern, sagt der Grünen-Chef. “Jemand muss dieses Scheißproblem lösen und von ihnen kommt immer nur ‘Verbraucherstudie’”, wirft er seinen Gesprächspartnern Baunemann und Roeb vor.

Er bringt seine Position auf den Punkt: “Sie sagen: Menschen müssen besser werden, dann lösen wir alle Probleme. Ich sage: Politik muss besser werden! Wir brauchen keine besseren Menschen, sondern eine bessere Politik.”

“Es kommt mir so vor, als ob Sie mit aller Kraft Gesetze machen wollen”, giftet Lobbyist Baunemann. Und kritisiert: Beim Grünen-Parteitag habe es Einwegkaffeebecher gegeben.

Da wird Habeck noch einmal wütend: “Das ist doch gerade ein Argument dafür, dass es Regelungsbedarf gibt.” 

(lp)