POLITIK
01/05/2018 07:13 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 14:09 CEST

"Hart aber Fair": FDP-Chef Lindner grüßt Niedriglöhner – dann wird es peinlich

Bei "Hart aber Fair" ging es um Menschen in prekären Jobs – FDP-Chef Lindner wollte sich ganz besonders menschlich zeigen.

  • Im ARD-Talk “Hart aber Fair” diskutieren die Gäste über die Realität von Niedriglöhnern.
  • FDP-Chef Christian Lindner grüßt seine Pizzalieferanten. 
  • Im Video oben seht ihr den Ausschnitt aus der Sendung.

Jeder Fünfte in Deutschland arbeitet im Niedriglohnsektor, fast 8 Millionen Menschen haben einen Mini-Job. Auf der anderen Seite verfügen 45 Superreiche über die Hälfte des Vermögens.

Soziale Ungerechtigkeit mag zur politischen Floskel verkommen sein. Doch dass sie existiert, ist angesichts der Zahlen nicht abzustreiten.

Am Montagabend vor dem Tag der Arbeit wollte Frank Plasberg im ARD-Talk “Hart aber Fair“ deshalb über den “Beruf Niedriglöhner“ diskutieren.

► Die Frage: “Gibt es einen Wirtschaftsboom auf Kosten der Armen?“

Die Gäste:

► Hubertus Heil (SPD), Arbeitsminister
► Christian Lindner, FDP-Chef
► Clemens Fuest, Ifo-Chef
► Anette Dowideit, “Welt“-Journalistin
► Erwin Helmer, Seelsorger

So gespalten wie die deutsche Gesellschaft bei der Lohnverteilung zeigte sich auch die “Hart aber Fair“-Runde bei der Bewertung der Situation.

► Mit Ökonom Clemens Fuest und FDP-Vorsitzendem Christian Lindner nahmen zwei entschiedene Verfechter des freien Marktes Platz auf dem Plasberg-Sofa.

► Mit Journalistin Annette Dowideit, die lange zum Betrug beim Mindestlohn recherchiert hat, und Betriebsseelsorger Erwin Helmer vertraten zwei Gäste die sozial abgehängte Unter- und Mittelschicht.

Und SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil saß dazwischen auf verlorenem Posten.

“Erschütternd, was auf dem Arbeitsmarkt möglich ist”

So musste er zuhören, wie Dowideit über das “Eldorado für Mindestlohnverstösse“, klagte, das es etwa auf dem Bau gebe. Die öffentliche Hand sei oft Auftraggeber, aber es gebe “sieben oder acht Subunternehmer in einer Kettte, und am Ende steht der rumänische Arbeitnehmer, der von der Leiter fällt.“

Es sei “erschütternd, was auf dem deutschen Arbeitsmarkt möglich ist“, kritisierte sie. Heil, dessen SPD sich noch immer für die Einführung des Mindestlohns feiert, zeigte sich mehrfach überrumpelt. Man könne nicht hinter jedem Unternehmen herlaufen, entfuhr es ihm ausgerechnet, als Christian Lindner eine bessere Kontrolle des Mindestlohns forderte.

Mehr zum Thema: FDP-Chef Lindner wird von Studenten niedergebrüllt – seine Reaktion bringt alle zum Schweigen

Ökonom Fuest versuchte sich derweil an schlichtesten Ausflüchten. Er verglich den Betrug beim Mindestlohn mit der Drogenkriminalität. Es gebe ja auch jede Menge Dealer, über die empöre sich aber niemand.

► “Hier in Berlin laufen jede Menge Drogenhändler rum und ich höre nicht, dass wir mehr Polizisten einstellen sollen”, katapultierte Fuest die Debatte in die Sphären der Absurdität. Verstöße würden ohnehin zurückgehen, befand der Ifo-Chef.

Lindner patzt, als er menschlich wirken will

Skurriler wurde es nur, als Plasberg die Pizza-Lieferanten von Unternehmen wie Deliveroo thematisieren wollte. Kurier Orry Mittenmayer wurde dazu geholt, er berichtete: “Ich bin zwischen 70 und 100 Kilometer pro Tag gefahren.”

ARD
Mittenmayer klagte über die Situation bei Deliveroo.

Handy, Flatrate, Fahrrad und Ausrüstung müssten die Boten selbst finanzieren, es gebe lediglich einen geringen “Verschleißbonus”, der jedoch an sehr hohe Bedingungen geknüpft sei. “Ich kenne kaum jemand, der den bekommt”, klagte Mittenmayer.

► Der FDP-Vorsitzende Lindner wollte jetzt menscheln. Er bestelle häufig Essen, wisse über die Situation der Lieferanten. “Ich spreche mit den Fahrern”, sagte Lindner.  “Ich grüße die hier über die Kamera, Foodora in Düsseldorf. Die kriegen von mir zwei Euro, wenn sie kommen”, sagte der FDP-Mann und winkte.

ARD
Lindner winkte den Pizza-Lieferanten zu.

Autsch. 

► Immerhin: Lindner präsentierte zumindest eine vage Antwort für die ausgebeuteten Kuriere. “Die Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht auf Dauer in solchen Jobs arbeiten.” Es müsse Qualifizierungsabgebote geben, sagte Lindner an Heil gerichtet. 

Lindner und Heil geraten aneinander

Am Ende durfte sich Heil dann noch einmal mit Lindner fetzen. 

Der Liberale erklärte: “Wir haben exzellente Rahmenbedingungen. (...) Ich glaube aber, dass unser Sozialstaat wie ein Magnet funktioniert.”

Alleinerziehende Frauen würden häufig, wenn sie arbeiten, weniger Geld herausbekommen als ohne Arbeitsplatz. Auch viele Hartz-IV-Empfänger, die sich Mini-Jobs suchen würden, würde das betreffen.

► Lindner berichtete: “Da kommen sie in die Kneipe, dann sagt der Jupp: Warum arbeitest du? Du hast ja keinen Euro mehr als ich, der die zusätzlichen Stunden nicht macht.” Das sei ein “Anschlag auf unsere Leistungsgerechtigkeit.”

Heil sagte zwar, er sei “sehr dafür, dass man, wenn man arbeitet, mehr Geld in der Tasche hat”. Die Vorstellung, Zuverdienstmöglichkeiten bei Hartz IV oder Grundsicherung zu erhöhen, hält er aber für falsch.

Mindestlohn und tarifliche Bindung seien zwei Antworten. Zudem will der SPD-Minister die Sozialversicherungsabgaben für  “Menschen im unteren Bereich” zu senken, sodass sie netto mehr Geld zur Verfügung hätten.

► “Wir sollten für alle die Sozialversicherungsabgaben reduzieren – auch für die soziale Mittelschicht”, insistierte Lindner.

► Er rief jetzt aufgebracht: “Der Facharbeiter hat es auch verdient.”

Heil verwies darauf, deshalb schaffe die GroKo jetzt den Soli ab. Lindner war aufgebracht: “10 Milliarden macht ihr. Gar nix!” Es gehe der Politik nur noch um die Ränder – nicht mehr um die “breite Mitte”.

Für die blieb an diesem Abend wahrlich keine Zeit. Vielleicht wäre dem FDP-Chef sein kleiner Ausrutscher sonst erspart geblieben.