POLITIK
15/05/2018 06:50 CEST | Aktualisiert 15/05/2018 10:50 CEST

"Hart aber fair": ZDF-Journalist streitet mit Israeli, es endet bitter

"Die Palästinenser wurden von der eigenen Führung beschissen", sagt ein Gast bei "Hart aber fair".

  • Zu Beginn der Sendung streiten die Gäste bei “Hart aber fair” über den Nahost-Konflikt.
  • Dabei wird klar: Dessen Lösung scheint nach der Botschaftsverlegung der USA nach Jerusalem weit, weit weg zu sein.
  • Oben im Video: Die Sendung wurde von den schrecklichen Bildern aus dem Gaza-Streifen überschattet.

Eigentlich wollte ARD-Moderator Frank Plasberg mit seinen Gästen über die Frage diskutieren: Warum gibt es immer noch Antisemitismus in Deutschland?

Doch seine Sendung “Hart aber fair” wurde am Montagabend von den schrecklichen Bildern aus dem Gaza-Streifen überschattet: Bei heftigen Demonstrationen sind über 50 Palästinenser von der israelischen Armee erschossen worden. 

Die Grenze zwischen Israel und dem Palästinensergebiet im Gaza-Streifen – sie war in Blut getränkt anlässlich des 70. Geburtstags des Staates Israel.

Die Fragen bei “Hart aber fair” lauteten daher:

Wieso findet die Region keinen Frieden? Und wo ist der Unterschied zwischen Antisemitismus und Kritik an der Politik Israelis? Im Verlaufe des Abends sollten so einige bittere Wahrheiten ausgesprochen werden. 

Die Gäste bei “Hart aber fair”:

► Melody Sucharewicz, israelische Politikberaterin

Gil Ofarim, Musiker

Lamya Kaddor, islamische Pädagogin

Dietmar Ossenberg, ehemalige ZDF-Korrespondent in Kairo

Uwe-Karsten Heye, Vorstand des Vereins “Gesicht zeigen!” 

Ist der Friedensprozess vorbei? 

Eine dieser bitteren Wahrheiten war für ZDF-Mann Dietmar Ossenberg: Mit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels habe US-Präsident Donald Trump den Friedensprozess im Nahen Osten begraben. “Es ist vorbei”, konstatierte er. 

► Der israelische Präsident Benjamin Netanjahu habe betont, es werde keine Zwei-Staaten-Lösung geben, also keinen souveränen Staat für die Israelis und einen für die Palästinenser.

Die Amerikaner wiederum hätten nun “die Realitäten anerkannt”, wie in der Sendung mehrfach zu hören war. Gemeint war damit: Jerusalem ist und wird die Hauptstadt Israels sein.

Anderer Meinung als Ossenberg in der Runde waren hier die Politikberaterin Melody Sucharewicz und der deutsche Musiker jüdischen Glaubens, Gil Ofarim. 

Screenshot / ARD
Die ehemalige Sonderbotschafterin Israels Sucharewicz bei "Hart aber fair".

“Ich glaube, dass es zur Zwei-Staaten-Lösung keine Alternative gibt”, betonte Sucharewicz. Auch wenn es gerade an einem Tag wie diesen schwer sei, daran zu glauben bei all der Gewalt. “Auch der größte Optimist hat heute seine Zweifel, und dazu zähle ich mich”, stellte sie klar. 

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Im Grunde war damit die Ausgangslage der Diskussion schon umrissen: Journalist Ossenberg trat als Pessimist auf und hatte die Hoffnung auf einen stabilen Frieden längst aufgeben. Die jüdische Seite dagegen hatte noch Hoffnung – wenn auch nicht viel. 

Für Musiker Ofarim änderte die Botschaftsverlegung der USA, die die Gewalt wohl zusätzlich angeheizt hatte, nichts an den Schwierigkeiten im Nahost-Konflikt: “Das sind doch nur vier Wände. Das ist ein viel, viel tiefliegender Konflikt.”

Dem stimmte auch Ossenberg zu. In der Folge analysierten die Gäste bei “Hart aber fair” diesen Konflikt. Und sie taten das auf eine wohltuend unaufgeregte Weise. 

“Die Palästinenser haben jedes Mal ‘Nein’ gesagt”

Journalist Ossenberg, der an diesem Tag offenbar den Auftrag hatte, schlechte Nachrichten zu überbringen, sprach zunächst über die Ohnmacht der Europäer. “Alle beteiligten Länder orientieren sich nur an Amerika, sie orientieren sich mehr und mehr an Russland, aber nach Europa guckt niemand.”

► Sucharewicz betonte, es gebe Lösungen für den Konflikt. Aber: “Bis heute haben die Palästinenser jedes Mal ‘Nein’ gesagt. Nach den Camp-David-Gesprächen kam es zur zweiten Intifada.”

2000 sprach der damalige US-Präsident Bill Clinton mit dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak.

Die Israelis boten den Palästinensern etwa Teile Ost-Jerusalems an und ein in Zonen unterteiltes Staatsgebiet im Westjordanland an – doch Arafat lehnte ab. 

Wer hat den Frieden unmöglich gemacht?

Sucharewicz sagte: “Ich weiß nicht, ob dieser Diskurs, Israel schafft Fakten, die einen palästinensischen Staat unmöglich machen, nicht eine völlige Verdrehung der Geschichte und der geopolitischen Fakten ist.”

Ossenberg gab ihr in Teilen Recht. “Die Palästinenser haben hunderte von Chancen verpasst, eine Friedenslösung anzunehmen, die ihnen auf dem Tablett serviert wurde.”

Aber das eigentliche Problem bleibt für ihn bestehen: “Die Palästinenser haben keine Möglichkeit mehr, in diesen Prozess einzugreifen.”

Die eigentlichen “Player” seien die USA und die israelische Regierung. “Ich schätze Ihre Hoffnung”, sagte Ossenberg dann zu Sucharewicz, “aber tun wir doch nicht so, als dass wir die Lösung noch erleben werden.”

Sucharewicz wollte noch ergänzen: Die Palästinenser seien untereinander zerstritten. Es gebe die Autonomiebehörde, die radikal islamische Hamas – aber keine Regierung. 

Hier schaltete sich Ofarim ein: “Es ist ein unfassbar großes finanzielles Geschäft für viele, viele Menschen da unten, Nein zu sagen.” Gemeint war damit die Führungsriege der Hamas, “schwer reiche Männer, die in Katar sitzen und es sich gutgehen lassen, während ihr eigenes Volk verhungert”.

Screenshot / ARD
Sucharewicz und Ofarim bei "Hart aber fair".

Diese Menschen hätten kein Interesse an einer friedlichen Lösung, meinte Ofarim. Sie würden den Konflikt weiter anstacheln, die Proteste wie am Montag anheizen und Kinder und Frauen an die israelische Grenze schicken, um diese zu stürmen.

“Und am Ende heißt es, Israel erschießt kleine Kinder”, empörte sich der Musiker. 

Also tragen die Palästinenser die Hauptverantwortung dafür, den Friedensprozess an die Wand gefahren zu haben?

ZDF-Mann: Der Friedensprozess ist tot 

Ossenberg gab Ofarim Recht. Natürlich seien die radikalen Kräfte unter den Palästinensern ein Problem. “Aber wir müssen doch eines einsehen: Das palästinensischer Volk ist von seiner eigenen Führung beschissen und spielt im gesamten Prozess keine Rolle mehr.”

► Daher sei der Friedensprozess “für lange, lange Zeit tot. Aus. Vorbei”, betonte er.

Ofarum entgegnete noch: “Ich weiß nicht, ob er weiter weg als sonst ist. Also ganz ehrlich. Es macht heute keinen Unterschied.” Bei diesem pessimistischen Eingeständnis war es still im Studio. 

Der Nahost-Konflikt scheint so zerfahren und so gefährlich wie lange nicht mehr. Eine Lösung aber hatten auch die Gäste im Studio natürlich nicht parat.

Immer wieder gelangte die Diskussion an diesen Punkt, wo Meinung gegen Meinung stand – was ausweglos wirkenden Debatte einen bitteren Geschmack verlieh. 

(jg)