POLITIK
23/04/2018 22:27 CEST | Aktualisiert 24/04/2018 11:01 CEST

Nackte Hintern: Bei diesem Foto läuft "Hart aber fair" aus dem Ruder

Der Kampf der 68er – bei "Hart aber fair" wurde er am Montagabend wieder lebendig.

  • Bei “Hart aber fair” hat Moderator Plasberg mit seinen Gästen über die Errungenschaften der 68er-Bewegung diskutiert
  • Die CSU-Politikerin Dorothee Bär geriet dabei mit dem Alt-Hippie Rainer Langhans einander
  • Im Video oben: So eskalierte die Situation, als es in der Sendung vor zwei Wochen um Islamisten ging

Es hatte so gesittet begonnen. “Unter grauen Haaren der Muff von 50 Jahren – Streit um’s Erbe der 68er” – so lautete das Thema in der ARD-Talkshow “Hart aber fair” am Montagabend.

Moderator Frank Plasberg wollte mit seinen Gästen erkunden, was übrig geblieben ist von der wilden Zeit der Studenten, Hippies und Freidenker. Nach einem eher zaghaften Beginn kam es jedoch bald tatsächlich zu einem “Streit”, wie im Sendungstitel angekündigt.

Mittendrin waren eine CSU-Politikerin und ein bekannter Alt-Hippie.

Die Gäste bei “Hart aber fair”:

Dorothee Bär, CSU-Staatsministerin
Rainer Langhans, Filmemacher und Mitglied der Kommune I
Michael May, Schauspielerin
Klaus Wowereit, ehemaliger SPD-Bürgermeister Klaus Wowereit
Stefanie Lohaus, Mitherausgeberin des “Missy Magazine”
Jan Fleischhauer, “Spiegel”-Kolumnist

Das Skandal-Foto der Kommune I 

Der Streit brach aus, als Plasberg seinen Gästen ein berühmtes Foto zeigte: Sieben Erwachsene und ein kleines Kind, an die Wand gestellt und nackt. Die Aufnahme zeigte die Bewohner der Kommune I. Das Bild sollte das Image der Wohngemeinschaft prägen wie kein anderes.

Screenshot / ARD
Das berühmte Bild der Kommune I sorgte für Streit bei "Hart aber fair".

Rainer Langhans gehörte zu den Mitgründern dieser politischen Wohngemeinschaft in Westberlin. Die Kommune bestand von 1967 bis 1969.

“Wir wollten nachstellen, wie wir damals behandelt wurden”, erklärte Langhans zu dem Foto in der Sendung.

Gemeint war damit: die Unterdrückung durch die Gesellschaft, vor allem durch den Staatsapparat und die Polizei. Daher hätten sich die Mitglieder der Kommune an die Wand gestellt, um den Moment des “Erschossenwerdens” zu inszenieren.

Wichtiges Element sei aber auch die Nacktheit gewesen. Keine Kampfanzüge zu brauchen, das wollte man zeigen, sagte Langhans.

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Bär findet das Foto “unverantwortlich”

Das Foto der Kommune I erzürnte allerdings die CSU-Politikerin Dorothee Bär. Die hatte schon zuvor deutlich gemacht, was sie von der 68er-Bewegung hält.

Die Bewegung habe damals die Meinungsfreiheit und die Toleranz “wie eine Monstranz” vor sich hergetragen. Aber wenn eine Frau sich entschieden habe, zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern, sei die Toleranz der sogenannten Freigeister bald zu Ende gewesen.

► “Deswegen haben die 68er null gebracht. Das ist die Verklärung eines Mythos, den es so nie gab”, schimpfte Bär. “Das ist eine Hammerthese”, legte Moderator Plasberg nach.

Das Foto der Kommune I hielt sie für “unverantwortlich”. Das kleine Kind habe auf so einem Bild nichts zu suchen, sagte Bär. “Das war einer der Fehler der Zeit: Das Kinder wie kleine Erwachsene behandelt wurden.”

“Wieso darf das kleine Kind nicht daneben stehen?”, fragte Langhans und lachte.

Bärs Argument: “Weil das ein Kind verstört, neben sieben nackten Erwachsenen zu stehen. Das ist abstoßend.”

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Ein Journalist findet das nicht lustig

Deutliche Worte, die einen Streit in der ganzen Runde provozierten.

► “Spiegel”-Kolumnist Jan Fleischhauer legte nach und erzählte, die Kinder, die in der sogenannten Kommune II lebten, hätten die Zeit in der Wohngemeinschaft später als “die schlimmste Zeit ihres Lebens” beschrieben. “Das ist nicht lustig”, stellte er klar.

► Der ehemalige Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, war da anderer Meinung: Er stellte die Errungenschaften der 68er-Bewegung heraus. Mehr Toleranz gegenüber Minderheiten und die Emanzipation gehörten für ihn unter anderem dazu.

An die CSU-Politikerin gerichtet sagte Wowereit: “Frau Bär mit ihrem Gesellschaftsbild dürfte dann gar nicht hier sitzen.” Die 40-Jährige arbeitet als Staatsministerin für Digitalisierung im Kanzleramt.

Screenshot / ARD
"Hart aber fair": Klaus Wowereit ist ebenfalls erzürnt.

Ab wann begann 68?

“Was wissen Sie von meinem Gesellschaftsbild?”, gab Bär empört zurück.

Wowereit legte noch einmal dar, wie er die Gesellschaft der 60er und 70er Jahre in der Bundesrepublik sah. “Das war Repression”, fasste er die geistige Haltung der damaligen Zeit zusammen. Homosexuelle – wie er selbst – seien damals unterdrückt worden. Mit dem Paragraf 175 wurden sexuelle Handlungen zwischen Männern bis 1969 unter Strafe gestellt.

► Hat die 68er-Bewegung also nichts erreicht? “Das zu leugnen ist doch völlig abstrus”, stellte Wowereit fest.

An diesem Punkt widersprach wieder Journalist Jan Fleischhauer. “Das ausgerechnet Sie als Sozialdemokrat das sagen”, schimpfte Fleischhauer. Er wies daraufhin, dass schließlich der SPD-Politiker Willy Brandt von 1966 bis 1969 Vize-Kanzler war. Dass damit die Vorherrschaft der Konservativen in der Bundesrepublik also bereits durchbrochen war.

Es habe eine soziale Entwicklung in Deutschland gegeben, die weit vor den 68ern begonnen habe. “Adenauer war schon tot, den Mann gab es gar nicht mehr”, sagte Fleischhauer über das Feindbild der Hippies und linken, den ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer.

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Bär und die konservative Revolution

Aktuell wurde die Debatte in der Sendung, als Plasberg die CSU-Politikerin Bär nach der “konservativen Revolution” fragte. Die hatte ihr Parteikollege Alexander Dobrindt Anfang des Jahres in einem Gastbeitrag in der “Welt” gefordert – und damit eine hitzige Debatte ausgelöst.

“Allein die Reaktionen auf diesen Artikel zeigen, dass der Artikel völlig ins Schwarze getroffen hat”, befand Bär. Sie sprach von der “Schnappatmung” der Medien. Die Menschen würden sich nach konservativen Werten sehnen, sagte Bär. Die Menschen sehnten sich nach Heimat, darum sei es gut, dass nun Horst Seehofer ein um das Thema Heimat erweitertes Bundesinnenministerium führe.

Die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Stefanie Lohaus wies Bär daraufhin, welch dunkle Geschichte der Begriff der “konservativen Wende” hinter sich habe. Das Wort sei von Rechtsextremen in der Weimarer Republik verwendet worden.

Bär lachte nur. “Völlig hanebüchen”, sagte sie. Den Begriff der “konservativen Revolution” gebe es auch in Brasilien.

Sie mag damit Recht haben. Dass Wörter in der deutschen Geschichte aber oftmals einen bitteren Beigeschmack erhalten, das wollte Bär nicht einsehen.

So zeigte “Hart aber fair” an diesem Abend, dass die Konflikte der 68er noch heute ausgefochten werden.

Von den Konservativen, die Werte wie ein bestimmtes Familienbild bewahren wollen. Und von Linken, die für mehr Freiheit und Toleranz eintreten wollen. Und gegen den “Muff” der Nazi-Vergangenheit ankämpfen, auch an Stellen, wo der Vorwurf Fehl am Platz ist, wie im Fall von Bär.

Das Erbe der 68er war in dieser Sendung also mehr als lebendig.

(mf)