POLITIK
06/03/2018 05:50 CET | Aktualisiert 06/03/2018 18:47 CET

"Hart aber Fair“: Als CSU-Mann GroKo-Sozialpolitik lobt, rastet Tafel-Chef aus

"Das stimmt nicht, was Sie sagen!"

  • Streit um Essener Tafel: Im ARD-Talk wird der Verantwortliche schnell ausgemacht
  • Ein Tafel-Chef, die Linke-Vorsitzende und Obdachlosenhelfer Frank Zander kritisieren die Politik für ihr Versagen
  • Wie sie in der Sendung die Politik für ihr Scheitern kritisieren, seht ihr im Video oben

Ein längst überfälliger Hilferuf oder blanker Rassismus? Die Entscheidung der Essener Tafel, auf begrenzte Zeit keine Ausländer mehr aufzunehmen, sorgt weiter für Diskussionen.

Auch im ARD-Talk “Hart aber Fair“ am Montagabend war die Tafel-Kontroverse das Thema. Es wurde eine hitzige Debatte – nicht jedoch vorrangig darüber, ob Migranten in der Causa Essen eine Schuld zukommt. Nein: Vor allem ging es in der Runde von Moderator Frank Plasberg um die Versäumnisse des deutschen Staates. Die Versäumnisse, die Einrichtungen wie die Tafeln überhaupt nötig machen. 

Zu Gast:

Katja Kipping, Linke-Parteichefin

Stephan Mayer, Innenpolitischer Sprecher der Union

Manfred Baasner, Chef der Wattenscheider Tafel

Frank Zander, Berliner Musiker, engagiert sich für Obdachlose

Michael Hüther, Wirtschaftswissenschaftler beim IW in Köln

Linke-Chefin Kipping setzte früh zu Beginn der Sendung den Ton für die Debatte, als sie CSU-Regierungspolitiker Mayer forsch anpatzte: “Dass es Tafeln braucht, war ein Versagen aller bisherigen Bundesregierungen. Und da sind auch Sie dran schuld.“

Dass es trotz wachsender Bedürftigkeit nicht zu solchen drastischen Entscheidungen kommen muss wie in Essen, stellte der Chef der Tafel in Wattenscheid, Baasner, klar. “Wir haben mehr Erfahrung“, sagte der 71-Jährige – ohne die Kollegen aus dem benachbarten Essen kritisieren zu wollen.

In Wattenscheid habe man früh auf die Herausforderung einer hohen Zuwandererzahl reagiert. Mit einem Ampelsystem, das ein Nacheinander der Essensausgabe regele, viel Dialog und Integrationsangeboten. Sogar Freundschaften seien so zwischen bedürftigen Ausländern und Helfern der Tafel entstanden.

Zander: “Das tut schon wirklich weh”

Auch Frank Zander, Berliner Kult-Musiker, der mit seinem Verein seit Jahren Obdachlosen hilft, fand, dass die öffentliche Debatte zu schnell in eine „Ausländer gegen Deutsche“-Diskussion abgedriftet war. “Es ist wirklich schade, dass wir jetzt darüber reden müssen. Es ist arm gegen arm“, machte Zander deutlich.

Seine eigene Erfahrung in der Arbeit mit den Ärmsten der Armen schilderte er unter großem Beifall des Studiopublikums.

Zander berichtete: “Hinter dem Bahnhof Zoo riecht es nach Urin. (...) Die schlafen da unter der Brücke. Und das tut wirklich ganz schön weh. Wir müssten 6000 oder 12.000 annehmen, die irgendwie runtergefallen sind. Vorsicht! Es geht ganz schnell.“

Sein Verein würde sogar Professoren betreuen. Die seien abgestürzt, hätten keine Freunde mehr. “Die kommen in die Kneipe, da drehen sich alle um, weil sie peinlich sind, weil sie kein Geld mehr haben.“

Hüther: “Wir haben ein Verteilungsproblem” 

Auch Linke-Chefin Kipping wollte Essen nicht als Regelfall akzeptieren. Sie stehe in engen Kontakt mit der Tafel in ihrer Heimatstadt Dresden. “Ich hab aus Dresden ganz andere Dinge gehört. Da hätte auch mal eine Talkshow drüber reden müssen“, sagte sie etwas genervt. Dort nämlich hätten Flüchtlinge sich früh gut integriert und würden selbst dabei helfen, den Tafelbetrieb zu stemmen.

Die wirtschaftswissenschaftiche Analyse des Gesagten lieferte IW-Fachmann Hüther: “Wir sehen, was wir für ein großes bürgerschaftliches Engagement haben. Aber wir haben ein Verteilungsproblem.“

Damit war Angriffen auf CSU-Politiker Stephan Mayer stattgegeben. Der innenpolitische Sprecher der Union ist nach vielen Jahren in der Regierung für die soziale Lage der Bundesrepublik mitverantwortlich.

Baasner: “Sie wissen nicht, was Armut ist”

Als Mayer anfangen wollte, die Grundrente als wirksames Instrument zur Bekämpfung von Armut zu preisen (“Wer mindestens 35 Beitragsjahre hat, wird einen Zuschlag von 10 Prozent zur Grundsicherung bekommen”), war es Tafel-Chef Baasner, dem der Kragen platzte. “Das stimmt doch gar nicht, was Sie sagen”, fuhr er dem CSU-Mann in die Parade.

Sie wissen gar nicht, was Armut ist! Tafel-Chef Baasner zu Regierungspolitiker Mayer

Er wütete: “Ich habe den Eindruck, Sie wissen gar nicht, was Armut ist. Zu uns kommen Menschen, die haben keine 600 Euro. Die schämen sich, zum Amt zu kommen.”

Und Zander sprang ihm vor dem etwas bedröppelt dreinblickenden Mayer zur Seite: “Sie müssten echt mal dahin kommen und helfen.”

Auch Kipping kritisierte die Grundrente als völlig unzureichend. 35 Jahre Beiträge in die Rentenkasse einzuzahlen, eine Voraussetzung für die Grundrente, würden viele Menschen schlicht nicht schaffen. “Besonders in Ostdeutschland, wo viele Lücken im Lebenslauf haben.“

Plasberg will nicht über Hartz-IV sprechen

Kipping sieht vor allem die Hartz-IV-Sanktionen für die Misere verantwortlich. Aber Moderator Plasberg würgt sie ab, weil er lieber über einen Artikel aus dem “Neuen Deutschland“ sprechen will, der das Tafel-Wesen kritisiert hatte.

Der Tenor: Die Bedürftigen würden in Tafeln mit ihrer Würde zahlen, sie dürften keine Ansprüche stellen, da alle Leistungen von Freiwilligen erbracht werden würden. Es sei ein rechtsfreier Raum, ein System der Unterdrückung.

Mehr zum Thema – Katja Kipping in der HuffPost: Im EU-Vergleich zeigt sich, wie Deutschland seine Ärmsten im Stich lässt

Kipping wollte sich auf solche Thesen nicht einlassen.

Und der Wattenscheider Tafel-Gründer war vollends bedient: “Da platzt mir gleich der Hut. So etwas Verrücktes habe ich noch nie gehört.“ Seine Einrichtung habe am Anfang nicht einmal Spenden entgegengenommen.

Wieder bekam Baasner viel Beifall. Sein Engagement wurde gewürdigt. Auch das war eine Lehre dieser Sendung. 

(jg)