POLITIK
20/03/2018 07:14 CET | Aktualisiert 21/03/2018 08:03 CET

"Hart aber fair": Als Spahn Probleme kleinreden will, schreitet Plasberg ein

Der Gesundheitsminister blieb klare Antworten auf die Probleme im Gesundheitssystem schuldig.

  • Bei “Hart aber fair” geht es am Montagabend um das Gesundheitssystem – und um Gesundheitsminister Jens Spahn
  • Als er die Probleme des Zwei-Klassen-Systems herunterspielt, wird es so unruhig, dass Moderator Plasberg dazwischengehen muss
  • Im Video oben seht ihr, wie Plasberg in der Sendung einschreitet, als es lauter wird

Es war eigentlich eine ganz einfach Frage: “Warten zweiter Klasse – Was verbessert sich für Kassenpatienten, Herr Spahn?” Doch Gesundheitsminister Jens Spahn blieb in der Sendung “Hart aber fair” in der ARD eine klare Antwort schuldig. 

► Der CDU-Politiker hat sich als Minister zum Ziel gesetzt, die Wartezeiten von Privatpatienten und Kassenpatienten – erstere erhalten sehr viel schneller einen Arzttermin als letztere – anzugleichen.

“Daran muss ich mich messen lassen”, sagt Spahn. Und kündigt dann an, dass er das Ziel in den nächsten Regierungsjahren aber wohl nicht erreichen werde. Irgendwie vermessen. 

Minister ohne Lösungskonzept

So geht es durch die ganze Sendung: Die Gäste, Frank Plasberg und auch Spahn selbst stellen fest, dass es eine große Ungleichheit zwischen privaten und gesetzlich versicherten Patienten im deutschen Gesundheitssystem gibt.

Der verantwortliche Gesundheitsminister schafft es dann aber nicht, ein Konzept zu präsentieren, mit dem er dieses Problem lösen will. 

Die Gäste bei “Hart aber fair”

► Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)

► “Welt”-Redakteurin Anette Dowideit

► Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen

► Hausarzt und SPD-Mitglied Christoph Lanzendörfer

► Gerd Glaeske, Professor für Gesundheitswissenschaft an der Universität Bremen

Irgendwann beginnt Spahn, die Gesundheitsmisere zu relativieren – und bekommt so heftige Widerworte, dass Moderator Plasberg sich gezwungen sieht, sich ins Getümmel zu werfen. 

Spahn: “Das Problem ist nicht nur das Geld”

Gesundheitsminister Spahn hat da gerade begonnen zu erklären, wo er die eigentliche Ursache für die unterschiedlichen Wartezeiten für Patienten sieht: Nämlich in der Konzentration der Ärzte in den großen Städten und der medizinischen Unterversorgung auf dem Land

Dabei lasse sich eben auch in ländlichen Regionen als Mediziner viel Geld verdienen, sagt Spahn. Ärzte finden sich dort dennoch kaum. Wie will Spahn das ändern? Diese Frage beantwortet Spahn nicht konkret. 

Er sagt nur: “Das Problem ist nicht nur das Geld, da sind auch viele andere Faktoren wichtig.” Er meint damit Arbeitsbedingungen, Nacht- und Wochenendschichten.

► “Geld allein löst das Problem nicht”, sagt Spahn. 

Der Gesundheitsprofessor Gerd Glaeske aus Bremen widerspricht da vehement: “Naja, Herr Spahn, der Speck spielt schon noch eine große Rolle.” Es gebe weiterhin wenig ökonomische Anreize für Ärzte, aufs Land zu ziehen. 

► Glaeske sieht noch ein weiteres Problem: “Ich muss mich doch fragen, warum sind die Praxen so voll?”

Der Professor spricht von einem “Strukturfehler”: Es seien doch die zehn Prozent Privatversicherten, die eben auch fast ein Drittel der Umsätze der deutschen Ärzte ausmachten, die einen Großteil der Zeit beanspruchten. 

“Das ist doch lächerlich!”, rutscht es da dem Privatarzt-Lobbyisten Andreas Gassen heraus. Und sofort springt Spahn ihm zur Seite. 

Spahn verteidigt die Zwei-Klassen-Medizin

“Der Glaube, dass wenn zehn Prozent der Patienten nicht mehr kommen, wir für 90 Prozent keine Wartezeiten haben ... mit Verlaub”, sagt Spahn. “Wir haben selbst Unterversorgungen in Regionen, wo es nur fünf Prozent Privatpatienten gibt.” 

Spahns Botschaft: An der Zwei-Klassen-Medizin, also der Aufteilung in Privat- und Kassenpatienten, liegt das Warteproblem nicht.  

Mehr zum Thema: Gesundheitsminister Spahn: Es gibt keine “Zwei-Klassen-Medizin”

Das regt “Welt”-Journalistin Anette Dowideit auf. Sie will von Spahn wissen, warum denn dann manche Ärzte zwei Telefone hätten – eines für privat versicherte Patienten und eines für gesetzlich versicherte? 

► “Wir können jetzt diese große Systemdebatte wieder mit viel Emotion führen”, reagiert Spahn sichtlich genervt. “Oder wir reden darüber, wie wir konkret Versorgung verbessern für gesetzlich Versicherte.” 

Mehr zum Thema: Ärzte packen aus: Das halten wir vor Patienten geheim 

“Ich will nicht immer diese Systemdebatte führen”, setzt Spahn nochmal an. Doch das geht schon in der Aufregung im Studio unter. Glaeske und Dowideit widersprechen Spahns Aussagen vehement und vor allem durcheinander. Immer wieder ruft Spahn dazwischen, dass Systemdebatten keine Probleme lösten. 

Das geht solange, bis Plasberg seinen Moderatorenplatz verlässt und energisch dazwischen geht: “Darf ich auch einfach mal an unsere Zuschauer denken? Immer der Reihe nach.” 

Der kurze Tumult ist damit schnell gelöst. Das Problem mit den Wartezeiten im deutschen Gesundheitssystem jedoch nicht. Das gelingt auch nicht im Rest der Sendung. 

► “Es ist ein Hilferuf, ja”, sagt Spahn ganz am Ende der Sendung noch einmal. “Aber mit Geld alleine schaffen wir das nicht.”

Womit sonst – auch er scheint das nicht zu wissen. 

(sk)