BLOG
23/04/2018 09:57 CEST | Aktualisiert 23/04/2018 15:43 CEST

Warum wir alle unseren Kindern Harry Potter vorlesen sollten

Väter sollten gesetzlich dazu verpflichtet werden.

bwzenith via Getty Images
"Väter sollten dazu verpflichtet werden, ihren Söhnen Harry Potter vorzulesen" - Arne Ulbricht

Es gibt natürlich tausend tolle Bücher zum Vorlesen. Bevor ich zum aufregendsten aller Vorleseabenteuer komme, hier ein paar Vorlesetipps für verschiedene Altersstufen:

Pixibücher gibt es schon für Kinder ab eins – die Rittersport aller Kinderbuchreihen. Passen in jede Hosentasche, und es gibt immer wieder vollkommen durchgeknallte kleine Heldinnen und Helden, die sich vom langweiligen Petzibär oder von der noch langweiligeren Conni abheben.

Mein Lieblingstitel hieß übrigens: “Prinzessin Horst – Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat” – das ist echte Vorleseweltliteratur!

Habe ich meinen Kindern zum ersten Mal im Alter von anderthalb vorgelesen und dann noch gefühlte achthundertmal. In dem Buch geht es, salopp gesagt, von Seite eins an um Kacke. Herrlich.

Wenn es das Buch als Fünfhundertseiten-Roman für Erwachsene gäbe, würde ich ihn sofort kaufen.

Die Klassiker der Kinderliteratur

Astrid Lindgren geht immer. Mein Sohn hat mit dreieinhalb geweint, als ich ihm “Guck mal, Madita, es schneit” vorgelesen habe, und ich hätte fast mitgeweint, weil ich mir immer vorgestellt habe, dass dieses kleine Mädchen, das sich im Schneegestöber im Wald verirrt, mein eigenes Kind ist.

Dann kommen die Michel-Geschichten, später “Ronja Räubertochter”, “Die Brüder Löwenherz”. Selbst “Kalle Blomquist” ist trotz seiner altertümlichen Ermittlungsmethoden noch unfassbar spannend und deshalb unbedingt vorlesenswert.

Mehr zum Thema: Vorlesen: Video zeigt, was zehn Minuten am Tag im Leben eines Kindes ausmachen

“Der Räuber Hotzenplotz” ist und bleibt unsterblich und wird selbst dann noch vorgelesen werden, wenn es keine Bücher mehr gibt. Allein die Namen sind der Knaller: Auf Petrosilius Zwackelzahn muss man erstmal kommen. Und Väter: lest diesen Hotzenplotz ganz, ganz, ganz knurrig.

Das bringt Spaß! Und eure Kinder werden toben vor Begeisterung. Super geeignet für Kinder ab sechs, und mit zehn liest man ihnen dann das düstere “Krabat” vor.

Ich könnte auch noch viel über Michael Ende, Cornelia Funke, Paul Maar und sogar Karl May und ihre Werke schreiben, aber das tue ich an dieser Stelle nicht. 

Harry-Potter-Vorlesen ist ein abendliches Projekt

Stattdessen komme ich nun zum oben erwähnten ultimativsten Vorlesevergnügen, das es gibt: Ich komme zu Harry Potter!

Harry Potter-Vorlesen ist wie eine Reise. Und diese Reise ist eine atemberaubende Weltreise. Es ist tatsächlich so, dass Harry Potter vorzulesen kein abendliches Ritual ist, das nach ein paar Wochen sein vorläufiges Ende findet, es ist ein abendliches Projekt.

► Denn die sieben Bände haben in der Hardcoverausgabe über 4300 Seiten. Rufus Beck hat 8216 Minuten gebraucht, um den gesamten Harry Potter einzulesen.

Das entspricht ziemlich genau 137 Stunden.

Der klassische Fernsehserieneffekt funktioniert bei Harry Potter nicht nur, bei Harry Potter beginnt die Vorfreude auf die abendliche Vorlesesession bereits am Morgen.

Das Kind wird auf Ewigkeit jegliche Angst vor dicken Büchern verlieren

Auch Bücher machen also süchtig. Und während des Frühstücks reden Vater und Sohn dann nicht über irgendeinen verschossenen Elfmeter von Hinz oder Kunz, sondern über Harrys Streit mit Ron.

Das Kind wird auf Ewigkeit jegliche Angst vor dicken Büchern verlieren. Denn eigentlich ist ja selbst “Der Orden des Phönix” mit seinen über 1000 Seiten viel zu kurz.

Wenn man es schafft, das Kind eine Zeitlang von den Filmen fernzuhalten, dann trifft auf Harry Potter in extremen Maße der überstrapazierte Slogan “Lesen ist Abenteuer im Kopf“ zu: Zu gern hätte ich in den Kopf meiner Kinder, in dem sich eine Zeitlang Elfen, Hippogreife und Werwölfe tummelten, reingeguckt.

Mehr zum Thema: Das passiert mit Kindern, denen jeden Tag vorgelesen wird

Und dann, im sechsten Band, steht dem Vater und dem Sohn ein ganz besonderes, emotionales Erlebnis bevor. Denn der Sohn wird in Tränen
ausbrechen, wenn Dumbledore stirbt. Er wird es tun! Und als Vater möchte man am liebsten selbst heulen, aber das geht ja irgendwie nicht.

Väter sollten gesetzlich dazu verpflichtet werden, Harry Potter vorzulesen

Also bleibt einem nichts anderes übrig, als den Sohn fest an sich zu drücken und ihm zu erzählen, wie man selbst beim Fernseh-Tod von Winnetou dreißig Jahre zuvor in Tränen ausgebrochen ist.

Und auch der härteste Neunjährige wird Harry Potter ab dem vierten Band angemessen gruselig und später sogar grausam finden, und das ist für viele Jungs mit Sicherheit ein Grund, Harry Potter cool zu finden.

Und auch wenn es manch ein Vorlesetheoretiker am liebsten leugnen würde – der Coolnessfaktor ist wichtig, um vor allem bei Jungs eine Begeisterung für Bücher zu entfachen.

Aus all diesen Gründen sollten Väter, die nicht freiwillig vorlesen, gesetzlich dazu
verpflichtet werden, ihren Söhnen Harry Potter vorzulesen.

Und sie sollten auch ganz ohne gesetzliche Verpflichtung ihren Töchtern vorlesen – allerdings haben es Mädchen oft nicht so nötig wie Jungs.

In seinem Buch “Mama ist auf Dienstreise” schildert Arne Ulbricht seine Erfahrungen als Hausmann und Vollzeitvater ausführlich. Derzeit ist Ulbricht mit seinem Roman “Maupassant” auf Buchtournee. Mehr über den Autor erfahren Sie auf www.arneulbricht.de.