POLITIK
14/09/2018 19:01 CEST | Aktualisiert 14/09/2018 20:24 CEST

Hambacher Forst: Ein Baumhaus-Aktivist erzählt, was ihn in diesen Stunden bewegt

"Es ist erschreckend zu sehen, mit welcher Vehemenz die Polizei hier gegen Menschen vorgeht.”

MARIUS BECKER via Getty Images
Die Polizei räumte auch am Freitag weiter Teile des Hambacher Forsts.

Ganz Gallien ist von Polizisten umstellt.

Doch das von unbeugsamen Aktivisten bevölkerte Dorf hoch in den Wipfeln des Hambacher Forsts hört nicht auf, Widerstand zu leisten:

Den Polizisten in ihren schweren Monturen – und den wohl schon bereitstehenden schweren Geräten des Energieriesen RWE, der hier bald Braunkohle baggern will.

Die Jahrhunderte alten westfälischen Buchen und Eichen sollen weichen. Maria weicht bisher nicht. Zumindest noch nicht. Er sitzt auf einem Baum, als er mich mit seinem Handy anruft.

“Eine Kettensäge nur Zentimeter vom Kopf entfernt”

Maria ist einer von dutzenden Aktivisten, die noch immer in dem zur Rodung freigegebenen Stück Wald ausharren. Vielleicht sind es auch hundert, genau weiß das keiner. Maria spricht von seinen “Freunden und Genossen”. Sie tragen bunte Mützen, Strickjacken, einige sind vermummt.

Maria sagt: “Oaktown wird gerade geräumt. Die Polizisten gehen krass aggressiv vor.” Er spricht bedacht, klingt auch bei scharfen Worten freundlich. Nicht wie jemand, der gerade erbitterten Widerstand gegen die Staatsgewalt leistet.

Wolfgang Rattay / Reuters
Einer der Baumbesetzer im Hambacher Forst.

Oaktown, das ist eine der Siedlungen im Hambacher Forst. Etwa acht größere Baumhäuser gibt es hier – oder es gab sie. “Sie sind einfach mit einer Kettensäge durch eine Hütte gebrochen”, erzählt Maria. “Nur wenige Zentimeter über dem Kopf einer Person.”

Auch gegen die kleinen Bauten am Boden gingen die Polizisten vor. Aktivisten im Haus Simona leisten besonders entschieden Widerstand. Sie haben sich festgekettet, einige angeblich gar in einem Tunnel-System unter der Hütte.

Die Polizei stoppte das nicht. “Schmerzgriffe” hätten sie gegen einige “Genossen” angewandt, sagt Maria. Er ist empört über das Vorgehen. Über das völlig sinnlose Vorgehen, wie es die Aktivisten hier sehen. 

Ein sinnloser Sachzug

Denn Braunkohle ist nicht nur im wörtlichen Sinne ein Fossil.

Die Braunkohle-Förderung ist ein sterbender Wirtschaftszweig. Die Bundesregierung hat den Kohleausstieg längst beschlossen. Die Frage ist nur: Wann ist es soweit?

Die Kommission “Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ soll die Antwort auf Bundesebene erarbeiten. Doch so lang will RWE nicht warten.

Energieexpertin Claudia Kemfert kritisierte das im Deutschlandfunk zuletzt scharf: “Wir können sehr viel schneller aus der Kohle aussteigen, als manche jetzt sagen und je schneller wir das tun, desto weniger muss man auch in Hambach noch roden und Braunkohle abbauen.”

Ihrer Meinung nach wäre es geboten, zu warten, was die Kommission entscheidet. Für RWE allerdings geht es um Geld. Rund 70 Prozent des Stromes, den das Unternehmen produziert, kommt aus Kohlekraft, glauben Experten. 

“Es ist erschreckend”

Für Maria ist die Politik des Energiekonzerns ein Skandal. 

Er glaubt: Auch die normalen Bürger und Nicht-Umweltbewegten beginnen gerade, das zu verstehen. “Frauen und Männer, die hier im Wald spazieren gehen, sagen uns, dass sie auf unserer Seite sind.” Es gehe um Konzerninteressen – nicht um das Wohl der Menschen.

Denn die wollen ihren Wald behalten.

MARIUS BECKER via Getty Images
Polizisten zerren eine halbnackte Demonstrantin aus einem Baum.

Grünen-Politiker Reiner Priggen plädierte daher in der HuffPost zuletzt für einen Kompromiss: “Wir brauchen nicht mehr die ganze Kohle, die dort in der Erde liegt. Da wäre es doch sinnvoll, zu schauen, wo Teile des Waldes stehen gelassen werden können und wo RWE noch weiter baggern darf.”

Einzig: An einen Kompromiss glaubt im Forst niemand mehr. Stattdessen wächst die Wut, auch bei Maria. “Es ist erschreckend zu sehen, mit welcher Vehemenz die Polizei hier gegen Menschen vorgeht.”

Die Polizei wirft indes den Aktivisten vor, Molotowcocktails zu nutzen und Fäkalien auszugießen, um den Einsatz gewaltsam zu unterbinden.

Maria appelliert an alle, die ihn hören

Bis die Aktivisten aufgeben müssen – oder weggetragen werden, ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit. Dann droht auch seltenen Arten wie der Bechsteinfledermaus dem Springfrosch und der Haselmaus, die hier bislang leben, der Tod.

Maria verliert trotzdem nicht den Optimismus.

Er sagt, die Solidarität im Land wachse, immer mehr Menschen würden begreifen, dass hier gerade Unrecht passiere.

Viel Wichtiger aber: Auf allen Ebenen würden gerade Menschen beginnen, sich für ihre Umwelt einzusetzen.

Maria appelliert an sie: “Alle Leute, denen das zu Herzen geht und die das nicht mehr mitmachen sollen, sollen ihren Widerstand zeigen, hier vor Ort oder bei Demonstrationen. Oder sie rufen bei der lokalen Polizeistelle und fragen, wann dieser sinnlose Einsatz endlich ein Ende hat.”

Michael Gottschalk via Getty Images
Ein Polizist im Hambacher Forst.