BLOG
03/12/2018 19:53 CET | Aktualisiert 09/12/2018 18:55 CET

Ich habe mit den "Gelbwesten" demonstriert – und gelernt, was sie antreibt

Sie haben mir ihre Sorgen anvertraut – und verraten, woher ihre Wut stammt.

getty
Ein Demonstrant der "Gelbwesten"-Bewegung in Paris. 

Ether Benbassa ist Historikerin und sitzt für die Partei Europe Écologie-Les Verts, die französischen Grünen, im Senat. Am Samstag, als Proteste der “Gelbwesten” in Paris in Gewalt endeten, hat sie mit Demonstranten der Bewegung gesprochen, um herauszufinden: Wer geht hier auf die Straße? Und warum?

Am Samstag, gegen 13 Uhr, bin ich zusammen mit den “Gelbwesten” in Paris marschiert.

Ich hatte so viel von Rechtsextremen gehört, die in deren Reihen mitmarschieren, dass ich erst zögerte, als Politikerin der Grünen, mit den “Gelbwesten” zu demonstrieren. Auch die Regierung hatte diese Nachricht von den Rechten mit gelben Warnwesten verbreitet, die Medien griffen es auf.

Am Ende ignorierte ich diese Berichte aber und schloss mich am Bahnhof Saint-Lazare einer Gruppe von “Gelbwesten” an. 

Am Bahnhof sammelten sich Studenten, linke Aktivisten, die man als Berufsdemonstranten bezeichnen könnte, Eisenbahner, Krankenschwestern, prekär beschäftigte Intellektuelle und junge Menschen, Angestellte und viele andere aus sehr unterschiedlichen, bescheidenen Verhältnissen. Sie waren freundlich – und friedlich. 

Die “Gelbwesten” aus anderen Teilen Frankreichs waren nicht am Bahnhof, sie hatten sich stattdessen dem Marsch auf den Champs-Élysées angeschlossen. Auch als unsere bereits große  Gruppe in Richtung der Oper marschierte und an den großen Pariser Kaufhäusern vorbeikam, änderte sich die Stimmung nicht: Es gab keine Gewalt.

Wir gingen, wir redeten, wir tauschten uns aus. Eine Musikkapelle spielte. Einige riefen Parolen. Das war es auch schon.

Mehr zum ThemaNach den “Gelbwesten” protestieren nun Schüler gegen Macron

Warum ich die “Gelbwesten” treffen wollte

Am vergangenen Donnerstag hatte ich versucht, mich mit einigen “Gelbwesten” im Senat zu treffen, ihre Beschwerden zu hören, sie zu einem Dialog mit mir und anderen Politikern linker Parteien zu bekommen. Sie weigerten sich zu kommen, was ich verstehen kann. Also entschied ich mich, sie zu treffen.

Zugegebenermaßen zögern die Parteien der Opposition immer noch, sich den “Gelbwesten” anzuschließen oder sich klar über sie zu äußern.

Wir haben nicht über den “Präsidenten der Republik” gesprochen, sondern über den “König”.

Der Grund: Wir Politiker haben nicht schnell genug verstanden, was da überhaupt passiert. Wir waren nicht in der Lage, die Bedeutung dieser Wut und des Zorns zu begreifen, die nicht wie sonst von der politischen oder intellektuellen Elite ausging oder der etablierten Gewerkschaftsbewegung.

Es war nicht wie so oft ein kleiner Protest, sondern eine echte Volksbewegung. Der Ausdruck eines allgemeinen Die-Schnauze-Voll-Habens, der sich an dem Ärger über die Erhöhung der Treibstoffsteuer entzündet hatte.

Auf dem ganzen Weg vom Bahnhof in die Pariser Innenstadt erzählten mir die “Gelbwesten” vom “Königskopf”, den sie wollten: Macrons. Der Ton war hart, wütend, unversöhnlich.

NurPhoto via Getty Images
Ein Demonstrant am Samstag in Paris. 

Wir haben nicht über den “Präsidenten der Republik” gesprochen, sondern über den “König”. Einige Demonstranten hatten Kartonscheren gebastelt, um ihren Willen mit der notwendigen Klarheit zu verdeutlichen.

Ich fragte mich: Wie ist Macron in so kurzer Zeit dahin gekommen, so gehasst zu werden?

Warum Macron so unbeliebt ist

Es ist gar nicht so kompliziert, das zu verstehen: In den Augen vieler Menschen ist Macron zum Sprecher der Reichen geworden, die das Volk verachten und ohne Mitgefühl oder Wohlwollen von oben zu den Menschen sprechen. Macron ist nicht mehr der vom Volk gewählte Präsident, sondern ein König, den das Volk “enthaupten” will.

Bei den Demonstranten schien es einen kollektiven Wunsch nach einer Revolution zu geben. Die “Gelbwesten”, mit denen ich marschierte, erzählten mir von ihrem schlechten Leben, ihren Schwierigkeiten am Ende des Monats, wenn das Geld nicht mehr reichte, dem Mindestlohn, der es ihnen und ihren Familien nicht erlaube, ein erfülltes Leben zu führen.

Dann sprachen sie über den Aufwand, mit dem sie Kreisverkehre blockierten. Sie waren sich der Wut einiger Autofahrer bewusst. Die wütenden Fahrer, die Pendler, die Geschäfte, die ihre Waren nicht erhielten, die Lastwagen im Stillstand... Es gibt keinen Aufstand ohne Schaden.

Wie kann man es nicht ernst nehmen, wenn jungen Menschen in gelben Westen mit Ehrfurcht von den Opfern ihrer Eltern für die Finanzierung ihres Studiums erzählen? Wenn Rentner sich über hohe Sozialabgaben beschweren? Wenn die Krankenschwester mit ihren Kindern zur Demonstration kommt, um auf ihre Lebensbedingungen aufmerksam zu machen?

Was die “Gelbwesten” wollen

Niemand in dieser Gruppe beschwerte sich, dass er oder sie Steuern zahlen muss. Die Demonstranten beschwerten sich nur darüber, dass ihnen diese Steuern keine angemessenen öffentlichen Dienstleistungen in ihren Gemeinden garantierten, wie etwa einen brauchbaren öffentlichen Nahverkehr.

Die Menschen, mit denen ich marschierte, hatten es satt, hohe Steuern zu zahlen, sie hatten die Erniedrigung von Macron satt, der laut ihnen mit Verachtung zu ihnen sprach, keine Pläne für die Zukunft hat. Und sie hatten es satt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Leute, die ich traf, wollten nichts kaputt machen, zerstören oder verbrennen. Ist ein anständiges Leben zu viel verlangt? 

Warum haben die Medien nicht über diese friedliche Demonstration berichtet? Sie war wahrscheinlich nicht  aufregend genug, um die Aufmerksamkeit der Journalisten zu erregen. Die Demo lieferte keinen spektakulären Bilder, keine brennenden Autos oder demolierte Wahrzeichen. Klar, es gab an anderen Orten in Paris an diesem Tag Gewalt. Aber ist das ein Grund, die ganze Bewegung auf diese Gewalt zu reduzieren?

Die Wut ist zu groß und kommt aus allen politischen Lagern

Als ich ein Bistro betrat, um mich vor dem Regen zu schützen, traf ich eine Gruppe aus Brest, die mit dem Bus gekommen war. Eine Lehrerin, eine ehemalige enttäuschte Macron-Wählerin, hatte die Miete für den Bus im voraus bezahlt.

Zusammen mit ihrem Mann verdient sie 4000 Euro im Monat. Davon bezahlt sie die Ausbildung ihrer ältesten Kinder, die nicht mehr Zuhause leben. Bleiben 2000 Euro um sie, ihren Mann und ein weiteres Kind durchzubringen. Die Freundin, die sie begleitete, hat sechs Kinder und verdient 1100 Euro. Sie verdient ihre 1100 Euro aber lieber durch Arbeit, als von Sozialhilfe zu leben, die ihr mehr bringen würde. Lidl ist der einzige Ort, an dem diese beiden Frauen einkaufen können. Sie gehen nie “aus”.

Macron wollte die Parteien überflüssig machen. Und er hat es geschafft. Aber auf die gefährlichste Art und Weise.

Beide fordern Respekt von der Regierung, und dass ihnen jemand zuhört. “Braun, rot oder grün”, die Farbe ihrer Mitreisenden spielt für sie keine Rolle. Es ist ihnen egal.

Diese Menschen mit ihren Schicksalen konfrontieren uns, die sogenannten linken Politiker, mit unseren Misserfolgen. Was haben wir getan, um ihr Leben zu verbessern? Wir dachten, ihnen genügt es Steuern zu zahlen und ab und an wählen zu gehen. Jetzt wollen sie nicht mehr abstimmen.

Macron wollte die Parteien überflüssig machen. Und er hat es geschafft. Aber auf die gefährlichste Art und Weise. Sogar die politische Identität ist verschwunden. Ob rechts oder links, egal. Beide gehen zusammen auf die Straße.

Die einzige Identität, die sich dem Angriff Macrons widersetzt hat, ist die Wut. Macron wird sich ihr stellen müssen. Und zwar nicht in seiner Art als Vorzeigeschüler und in sich selbst verliebter Politiker. Das Volk ist wütend auf Macron. 80 Prozent der Franzosen unterstützen die “Gelbwestem”.

Am Ende des Abends, kam der Kellner des Bistros diskret zu uns und sagte: “Das konnte nicht gut gehen!”

Was, wenn er Recht hat?

Dieser Text erschien zuerst bei der französischen Ausgabe der HuffPost und wurde ins Deutsche übersetzt und angepasst.