POLITIK
08/03/2019 14:27 CET | Aktualisiert 08/03/2019 16:15 CET

Grünen-Abgeordnete Henfling: "Die schenkelklopfende Männerkultur ist überall"

Sie erstritt, dass sie ihr Baby mit in Plenarsitzungen bringen darf. Doch damit ist der Kampf noch nicht vorbei.

dpa / HuffPost

Sie löste das “Babygate” aus: Die Grünen-Abgeordnete Madeleine Henfling sorgte im vergangenen Sommer für Wirbel im Thüringer Landtag, als sie ihren kleinen Sohn Joshua mit in eine Plenarsitzung nahm.

Landtagspräsident Christian Carius (CDU) hatte etwas dagegen und warf Henfling schlussendlich aus dem Saal. Nicht nur in Thüringen sorgte das für Diskussionen – über den Umgang mit Politikerinnen und Müttern an sich, über die Vereinbarkeit von Kind und Karriere und die hohen Hürden, die diese noch immer behindern.

Heute kann Henfling sagen: Ihr Auftritt hat etwas bewirkt. In Thüringen sind Kinder im Parlament mittlerweile geduldet. 

Das dahinterliegende Problem – gesellschaftlich wie politisch – ist allerdings noch längst nicht behoben. Noch immer haben Frauen es weit schwieriger in Beruf und Politik Fuß zu fassen – besonders dann, wenn sie Kinder haben.

Wir haben mit Henfling über das “Babygate”, Frauenquoten und Stammtischrunden gesprochen. 

HuffPost: Als Sie im vergangenen Sommer aus dem Plenarsaal geworfen wurden, weil Sie Ihr Baby mit ins Parlament genommen haben, das gab einen ganz schönen Aufschrei. Rückblickend muss man sagen: Die Streiterei hat sich gelohnt, oder?

Henfling: Ja, auch wenn das damals gar nicht meine Absicht war. Aber ja: Natürlich hat es sich gelohnt, hart zu bleiben und darauf zu bestehen, dass auch Mütter im Thüringer Landtag ganz normal ihrer Arbeit nachgehen können.

Welche Reaktion haben Sie damals in persönlichen Gesprächen nach dem Vorfall bekommen – von weiblichen und von männlichen Kollegen? 

Von Kolleginnen und Kollegen aus der Koalitionsfraktion waren die Reaktionen durchweg positiv. Auch über die Ländergrenzen hinweg habe ich viele Rückmeldungen bekommen, die mich in meiner Haltung bestärkt haben.

Mit der CDU hat es allerdings durchaus eine Kontroverse gegeben. Dort gibt es noch immer einige Abgeordnete, die der Meinung sind, dass Kinder im Plenarsaal nichts zu suchen haben.

Aber mittlerweile werden sie geduldet. Wie kann man sich diese neue Situation vorstellen? Bringen nun viele Mütter ihre Kinder mit? Vielleicht sogar Väter?

Zunächst: Wir haben nun ja eine neue Landtagspräsidentin. Die ist zwar auch in der CDU, zeigt aber deutlich mehr Verständnis für die Situation der Mütter und ist proaktiv auf uns zugekommen, um darüber zu reden, wie wir den Landtag kinderfreundlicher machen. Ich bin nun auch nicht mehr die einzige Abgeordnete, die manchmal ihr Kind mitbringt. Männer sind aber nicht dabei.

Warum ist das so?

Die Hauptlast liegt in den ersten Monaten nach der Geburt bei den Frauen. Einmal natürlich, weil sie stillen. Andererseits gibt es aber natürlich in vielen Fällen noch eine sehr klassische Rollenvorstellung.

Ich unterstelle, dass gerade einige Männer im konservativen Lager dankbar sind, dass Frauen die Betreuung übernehmen – nicht nur im ersten Jahr. Wobei man fairerweise sagen muss, dass auch Männer dasselbe Problem haben wie die Frauen im Parlament: Sie können keine Elternzeit nehmen.

Haben wir in Deutschland eine Doppelmoral? Auf der einen Seite werden Eltern, die Beruf und Kind unter einen Hut bekommen, ja gerne bejubelt. Auf der anderen Seite werden ihnen Steine in den Weg gelegt.

Definitiv. Nach außen tun wir gerne so, als fänden wir es total dufte, wenn Eltern versuchen, Kinder und Karriere nebeneinander zu managen. Auf der anderen Seite kann man es als Eltern und vor allem als Mutter faktisch niemandem Recht machen.

Wenn man trotz Kind arbeitet, ist man eine Rabenmutter, wenn nicht, vernachlässigt man sein eigenes Leben und gibt seine Selbstständigkeit auf. Es gibt hierzulande keine Kultur, die beides zusammendenkt.

Die Familienpolitik in Deutschland ist unterentwickelt, wenn es um Eltern und Kinder geht – auch zum Beispiel, wenn wir über Kinder reden, die ihre Eltern pflegen. Auch sie bekommen vom Staat oft längst nicht die nötige Unterstützung.

Anderes Thema: In Thüringen soll ein Paritätsgesetz kommen – eine Frauenquote für die Wahllisten des Landtages. Kritiker sagen: Demokratisch ist das nicht. Und wo zieht man die Grenze? Müsste es dann nicht etwa auch eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund geben? Auch die sind ja durchaus unterrepräsentiert.  

Die Grundlage dieses Gesetzes ist ja das Grundgesetz. Dort heißt es, dass Männer und Frauen gleichgestellt sein müssen. Und natürlich ist dieser Verfassungsgrundsatz gegen andere Verfassungsgrundsätze abgewogen werden. Aber ich finde Frauen, die die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, müssen auch gleichberechtigt in der Politik repräsentiert sein.

Ich sehe da gar keine verfassungsrechtlichen Probleme. Eine Quotierung lässt ja auch Spielraum für Ausnahmeregelung. Wenn sich jetzt zum Beispiel eine reine Männerpartei gründen würde – aus welcher Motivation auch immer – könnte man die davon ausnehmen. Man muss sich auch fragen, was man mit Diversen macht, die sich weder als Frau noch als Mann definieren. Aber das ließe sich Problemlos in einem Paritätsgesetz regeln.

Macht man es sich bei einer Quote nicht auch zu einfach? Das Problem beginnt ja nicht, sondern endet höchstens mit der Liste. Das Problem ist doch eher das teilweise toxische Umfeld, in dem sich Frauen in der Politik bewähren müssen.

Ja. Aber ich denke, das eine bedingt das andere. Die Quote kann nur eines von mehreren Instrumenten sein, wir halten es für eine Krücke – aber eine notwendige. Natürlich müssen sich Parteien darüber hinaus selbst weiter öffnen und Politik frauenfreundlicher gestalten. Aber indem wir die Quote einführen, zwingen wir sie da ein Stück weit zu: Denn plötzlich brauchen sie eine große Anzahl qualifizierter Frauen, die bereit sind, sich zur Wahl zu stellen. 

Beendet man so die lange Tradition von Stammtisch- und Männerrunden?

Gerade auf kommunaler Ebene ist das noch ein massives Problem. Da ist diese Mentalität der schenkelklopfenden Männerkultur noch überall. Frauen leiden zudem viel stärker unter der Doppelbelastung zwischen Familie und Beruf und können sich weniger engagieren. Der Kampf dagegen fängt bei einfachen Dingen an: Wir brauchen zum Beispiel Kinderbetreuung während Sitzungen.

Sie haben kürzlich bei Twitter Markus Lanz kritisiert, weil dieser im Umgang mit ihrer Parteichefin Frau Baerbock “Mansplaining“ betrieben habe – wo fängt so etwas in Ihren Augen an?

Das ist ein kontroverser Begriff. Was mich in dem konkreten Fall gestört hat, ist, dass Markus Lanz von Anfang an deutlich gemacht hat, dass er lieber Robert Habeck da gehabt hätte und nicht Anna-Lena. Sie wurde zur Ersatzgeschichte degradiert. Diese Art und Weise der Gesprächsführung fand ich extrem schwierig. Ebenso, dass Lanz ihr so übergriffig erklären wollte, wie bestimmte persönliche Fragen zu bewerten sind. Das erlebt man leider immer noch relativ häufig: Frauen wird erklärt, wie sie ihren Job zu machen und ihr privates Lebensumfeld zu gestalten haben.

(jg)