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07/04/2018 14:20 CEST | Aktualisiert 07/04/2018 16:04 CEST

Grundschullehrer: Was Eltern alles tun, damit ihr Kind es aufs Gymnasium schafft

Viele Eltern denken, dass sie ihren Kindern damit etwas Gutes tun.

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Seit 15 Jahren arbeitet Ingo Huber an einer Münchner Grundschule (Symbolbild).

Es flossen Tränen. Es gab Zusammenbrüche. Und ich wurde sogar schon bestochen.

Soll das Kind den Übertritt von der Grundschule auf das Gymnasium schaffen, lassen sich Eltern einiges einfallen.

Seit 15 Jahren arbeite ich als Lehrer an einer Münchner Grundschule, größtenteils unterrichte ich die dritte und vierte Klasse. Ich mag meinen Beruf sehr. Die Arbeit mit den Schülern stellt mich oft vor Herausforderungen, aber die lassen sich meistens lösen.

Was jedoch immer schwieriger wird, ist der Umgang mit den Eltern.

Am 2. Mai wird sich das wieder zeigen, dann nämlich gibt es in Bayern die Übertrittszeugnisse. Mit diesen können sich die Grundschüler auf weiterführenden Schulen wie dem Gymnasium oder der Realschule bewerben.

Ich wurde schon mit Geld bestochen

Wenn es um den Übertritt der Schüler geht, drehen manche Eltern einfach durch. Ich musste mir schon die absurdesten Überredungsversuche von Eltern anhören, wie toll und einzigartig ihr Kind doch sei.

Andere wollen versuchen, mit mir eine Note zu verhandeln, um mir auf den letzten Drücker klar zu machen, dass die Note nicht dem entspricht, was ihr Kind wirklich kann.

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Einmal wurde mir ein Umschlag mit Geld zugesteckt. “Das können Sie gleich wieder einpacken”, habe ich dann gesagt. Es standen Eltern vor mir, die mich anflehten, winselten und sogar vor mir zusammenbrachen.

Aber ich kann dann auch nichts mehr machen.

Je nachdem, wie die Durchschnittsnote in der vierten Klasse ausfällt, darf das Kind auf ein Gymnasium gehen oder eben nicht. Das Bizarre: Mit einem Durchschnitt bis 2,33 schafft die Schülerin oder der Schüler den Übertritt auf das Gymnasium noch und mit 3,0 reicht es nur noch für die Mittelschule.

Also ungefähr eine halbe Note entscheidet zwischen Gymnasium und Mittelschule.

Die Mittelschule ist die Resterampe

Die Mittelschule ist für viele Eltern ein rotes Tuch. Ich kann das sogar verstehen. Denn: Wer findet mit einem qualifizierten Hauptschulabschluss heute noch einen Ausbildungsplatz?

Seien wir ehrlich: Die Mittelschule ist die Resterampe. Natürlich sind Eltern da nicht begeistert. Aber letztlich haben sie den Grundstein für ihre Kinder gelegt. Mit ihrer Erziehung. Mit dem, was sie ihren Kindern vorleben.

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Viele Eltern denken, dass sie ihren Kindern etwas Gutes tun, wenn sie sie noch irgendwie aufs Gymnasium bringen. Dabei geht es oft gar nicht um das Wohl des Kindes. Es geht nur um Ansehen. Nach dem Motto: Mein Kind hat es auf das Gymnasium geschafft. Schaut, wie schlau der oder die Kleine doch ist.

Leider hat der Wille der Eltern mittlerweile zu viel Einfluss. Das war vor 15 Jahren noch anders.

Es ist schon absurd. Egal, welchen Notendurchschnitt ich meinen Schülern gebe. Wenn es die Eltern wirklich darauf anlegen und klagen, dann schaffen sie es meist auch, eine bessere Note rauszuschlagen und einen Platz auf dem Gymnasium für ihr Kind zu bekommen. In dem Moment ist meine Arbeit wertlos. Am Ende bekommen die Eltern ihren Willen.

Wenn es hart auf hart kommt, knickt die Schule ein.

 

Unser Schulsystem ist sehr flexibel

Darunter leiden müssen dann die Kinder. Denn meistens werden sie das Niveau auf der höheren Schule nicht halten können – und fallen schließlich durch. Oder müssen sogar die Schule wechseln. Das ist ein viel größerer Schlag ins Gesicht, als eine Nummer kleiner anzufangen.

Was viele Eltern offenbar vergessen: Unser Schulsystem ist viel flexibler geworden. Vom qualifizierten Hauptschulabschluss zum Abitur – das ist durchaus möglich. Nach der Realschule auf die Fachoberschule – auch das ist kein Problem. Oder erst eine Ausbildung und dann die Berufsoberschule.

Es gibt so viele Wege, um auch später noch einen höheren Abschluss zu bekommen. Eltern sollten sich das vor Augen führen, bevor am 2. Mai die Übertrittszeugnisse ausgeteilt werden. 

Protokoll: Katharina Hoch.