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09/02/2019 15:09 CET | Aktualisiert 09/02/2019 15:09 CET

Grundeinkommen in Finnland: Teilnehmer berichten, wie das Experiment ihr Leben veränderte

“Wenn du dich frei fühlst, bist du kreativ, und wenn du kreativ bist, bist du produktiv."

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Helsinki. 

Ende 2016 nahm das Leben von Tuomas Muraja eine unerwartete Wendung. Alles fing an mit einem Brief. Darin teilte ihm die finnische Regierung mit, dass er zwei Jahre lang einen monatlichen Betrag von 560 Euro ohne weitere Bedingungen erhalten würde.

“Es war eigentlich wie ein Lottogewinn”, sagt Muraja. Er war einer von 2000 Teilnehmern des finnischen Grundeinkommens-Projekts, das größte Projekt dieser Art in Europa. Die Teilnehmer wurden zufällig aus einem Pool von 175.000 arbeitslosen Finnen im Alter von 25 bis 58 Jahren ausgewählt. 

Seitdem Muraja 2013 seine Festanstellung als Journalist verlor, hat er Mühe, einen neuen festen Job zu finden. Er versuchte jeden Monat, das Geld für seine Miete durch Aufträge als freier Journalist zusammenzukratzen. Das Geld kam sporadisch – und oft zu spät.

Das Grundeinkommen der Regierung gab ihm Freiheit. Er konnte das Geld behalten, auch wenn er Arbeit fand. Und er musste sich nicht mit der Bürokratie des komplexen finnischen Sozialsystems herumschlagen.

“Wenn du dich frei fühlst, bist du kreativ, und wenn du kreativ bist, bist du produktiv, und das hilft der gesamten Gesellschaft”, sagt Muraja. Er hat auch ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben.

Finnlands Test eines Grundeinkommens kostete die Regierung rund 20 Millionen Euro. Das Sozialversicherungsinstitut Kela entwarf das Projekt und führte es durch.

► Das Ziel des Experiments: Die Regierung wollte erproben, wie sie auf den Wandel unserer Arbeitsweise reagieren könnte. Die Arbeitslosigkeit in Finnland lag beim Start des Tests bei rund acht Prozent. Würde es gelingen, diese Menschen wieder in den Arbeitsmarkt zurückzubringen?

Grundeinkommen in Finnland: ein Test mit gemischten Ergebnissen 

Der Test endete im Dezember. Während die endgültigen Resultate erst 2020 vorliegen werden, veröffentlichte Kela am Freitag die vorläufigen Ergebnisse.

Was den Arbeitsmarkt angeht, zeigte der Test keine signifikanten Auswirkungen im ersten Jahr der Studie.

Die Vorteile des Grundeinkommens liegen woanders. Laut einer Umfrage unter den 2000 Teilnehmern, steigerte sich bei ihnen das Wohlbefinden und die Gesundheit. Die Ergebnisse wurden auch mit einer Kontrollgruppe von 5000 Arbeitslosen, die kein Grundeinkommen bezogen, verglichen. 

EMMI TULOKAS
Tuomas Muraja.

Die Teilnehmer wiesen im Vergleich zur Kontrollgruppe “deutlich weniger Stresssymptome und Konzentrations- und Gesundheitsprobleme auf”, sagt Minna Ylikännö, die leitende Forscherin des Kelas. Die Ergebnisse zeigten auch, dass die Menschen mehr Zuversicht und einen stärkeren Glauben an ihre Fähigkeit hatten, die Zukunft beeinflussen zu können.

“Ständiger Stress und finanzieller Druck – das ist auf lange Sicht unerträglich. Wenn wir den Menschen einmal im Monat Geld geben, wissen sie, was sie bekommen”, sagt Ylikännö. “Es waren nur 560 Euro im Monat, aber es gibt dir Sicherheit. Sicherheit für die Zukunft ist immer entscheidend für das Wohlbefinden.”

Olli Kangas ist der wissenschaftliche Leiter des Programms und Professor an der Universität Turku. Er weiß, dass die ganze Welt beobachtet, wie das Grundeinkommens-Projekt abschnitt. 

Daher ist er vorsichtig und weist daraufhin: “Die ganze Wahrheit ist viel komplexer, wir brauchen viel mehr Studien und Forschung, um das herauszufinden.”

Das Grundeinkommen hat viele Unterstützer – und Kritiker

Die Idee eines Grundeinkommens gibt es seit Jahrhunderten. Es gibt verschiedene Definitionen, aber in seiner reinsten Form bedeutet das Grundeinkommen: Geld zu beziehen, unabhängig von Vermögen, Einkommen oder Beschäftigungsstatus und Bedingungen zu sein.

Die Idee hat Unterstützer auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Linke Politiker sagen, dass das Grundeinkommen Armut bekämpfen, ökonomische Ungleichheit verringern und den Menschen helfen kann, wenn ihre Arbeitsstelle durch eine Maschine ersetzt wird. Konservative sehen das Grundeinkommen als attraktive Option, um komplexe Sozialhilfe-Systeme zu vereinfachen und die Größe des Staates zu reduzieren.

Aber das Grundeinkommen ist auch hochumstritten. Da wären erstens die Kosten. Laut einer Studie der OECD würde ein bedingungsloses Grundeinkommen die soziale Ungleichheit wohl eher verschärfen, auch wenn die Staaten ihr komplettes bisheriges Sozialbudget dafür ausgeben.

Im Durchschnitt läge dieses bedingungslose Grundeinkommen knapp 50 Prozent unter der Armutsgrenze”, schrieb der deutsche Ökonom Marcel Fratzscher über die OECD-Studie für “Zeit Online”

Andere Kritiker das Grundeinkommen als teure Darreichung, die den Arbeitsmarkt nur behindert und Faulheit fördert.

Macht das Grundeinkommen faul? 

Doch dieses hartnäckige Vorurteil der “faulen” Grundeinkommens-Bezieher entbehrt laut der 31-jährigen Tanja Kauhanen, einer weiteren Teilnehmerin des Programms, jeder Grundlage. Zwar haben die bisherigen Ergebnisse keine Verbesserung am Arbeitsmarkt offenbart.

Aber Kauhanen glaubt dennoch, dass das Grundeinkommen Menschen in Schwierigkeiten hilft. Selbst schlecht bezahlte Jobs wirkten wie eine “Karotte” vor der Nase der Arbeitslosen, um sich damit das Einkommen aufzubessern, sagt sie. 

SANNA KROOK
Tanja Kauhanen.

Kauhanen nutzte das Geld und die dadurch entstandene freie Zeit, um einen Job im Telemarketing anzunehmen. 

Die Bezahlung war niedrig, wurde aber durch das Grundeinkommen ergänzt und verbesserte ihre Lebensqualität erheblich. Das Geld half ihr, endlich ihre Finanzen zu regeln, nachdem sie jahrelang Lebensmittelgeschäfte nach dem billigsten Brot, Milch und Käse durchsucht hatte. “Ich konnte in ein Restaurant gehen und ein normales Abendessen genießen, ohne daran zu denken, dass ich mir den Rest des Monats lang nur noch Nudeln leisten konnte”, sagt sie.

Das Ende des Programms nun sei ein Schock für alle Teilnehmer. “Wir alle sind jetzt in großen Schwierigkeiten, um ehrlich zu sein, denn was würde mit dir passieren, wenn dein Einkommen um 600 Euro sinken würde?”, sagt Kauhanen.

Sie hat immer noch ihren Job, macht aber bereits Schulden – und sucht nun wieder verzweifelt nach einer besser bezahlten Stelle.

Auch weitere Grundeinkommensprojekte werden eingestellt 

Das Ende des Projekts war auch ein Schlag für diejenigen, die gehofft hatten, dass es erweitert und verlängert werden würde. Politiker “vergeuden die Gelegenheit ihres Lebens, eine Studie durchzuführen, wie sie finnische Sozialpolitiker jahrzehntelang vorab recherchiert hatten”, sagt Antti Jauhiainen, Direktor des Think Tanks Parecon Finland.

Er ist der Meinung, dass die Regierung nie wirklich hinter dem Experiment gestanden habe, weil sie “gleichzeitig darauf drängt, die bestehenden Leistungen zu kürzen und die Überwachung und Kontrolle der Arbeitslosen zu verstärken”.

Die liberal-konservativ-rechtsnationale Regierung in Finnland hat nun ein sogenanntes “Aktivierungsmodell” eingeführt, das Arbeitslose dazu verpflichtet, sich zu bewerben oder an Maßnahmen teilzunehmen, um die volle Leistung zu erhalten.

Die Ankündigung, dass Finnland das Grundeinkommens-Projekt nicht verlängern würde, folgte auf die Absage eines weiteren Grundeinkommens-Projekts in Ontario in Kanada.

Hier war der Test April 2017 gestartet. 4000 Menschen mit niedrigem Einkommen nahmen teil. Einzelpersonen bekamen bis zu 13.000 Kanadische Dollar pro Jahr, Paare bis zu 18.000 Dollar. Die Zahlungen wurden allerdings um 50 Cent für jeden Dollar, den sie durch Arbeit verdienten, gekürzt.

Das Programm wurde 2018 nach der Wahl des rechten Politikers Doug Ford eingestellt. Die Regierung nannte die “außerordentlichen Kosten für die Steuerzahler in Ontario” als Grund. Alle Zahlungen werden bis März eingestellt.

Aber es gibt weitere noch laufende Experimente: Ein Programm in Kenia zum Beispiel, das von der Wohltätigkeitsorganisation GiveDirectly durchgeführt wird. Mehr als 21.000 Menschen in Dörfern im ganzen Land erhalten hier in einem auf 12 Jahre angelegten Test umgerechnet rund 18 Euro im Monat. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich das Wohlbefinden der Teilnehmer steigerte.

Mehr zum Thema: Dieses Grundeinkommens-Experiment in Kenia könnte die Entwicklungshilfe revolutionieren

Noch weitere Experimente sind geplant. Im US-Staat Kalifornien sollen 100 Familien mit niedrigem Einkommen 500 Dollar pro Monat bekommen. Und in Oakland beabsichtigt der Tech-Konzern Y Combinator, in diesem Jahr eine Grundeinkommens-Studie zu starten. Hier sollen 1000 Menschen in zwei US-Bundesstaaten 1000 Dollar im Monat ohne Bedingungen für drei Jahre erhalten. 

“Ich habe die Erfahrung mit dem Grundeinkommen geliebt”

Die Idee des Grundeinkommens ist also nicht tot, auch wenn das Vorzeige-Projekt in Finnland nun von der Regierung des Landes eingestellt wurde. 

“Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen als praktikabel angesehen wird, hängt natürlich von den Ergebnissen dieser Art von Experimente und von der politischen Situation ab”, erklärt Matt Bruenig vom Thinktank People’s Policy Project. “Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es in den Vereinigten Staaten bereits ein Grundeinkommens-Programm gibt, das seit rund 40 Jahren läuft: der Alaska Permanent Fund.” Alaska gibt seinen Einwohnern jährlich zwischen 1000 und 3000 US-Dollar ohne Bedingungen.

In Finnland stehen nun in zwei Monaten Wahlen an. Einige hoffen, dass das Grundeinkommen dann wieder diskutiert wird – so wie die ehemalige Teilnehmerin Kauhanen.  

“Ich habe die Erfahrung mit dem Grundeinkommen geliebt”, sagt sie, “und ich wünschte, es gebe das Grundeinkommen für alle Menschen in Finnland. Ich weiß, dass es teuer ist, aber ich denke, dass es in kleinerem Rahmen genau das ist, was wir brauchen. Denn im Moment sind es in Finnland die Armen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind.”

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost US und wurde von Leonhard Landes übersetzt und editiert.