POLITIK
28/11/2018 18:44 CET | Aktualisiert 29/11/2018 15:19 CET

Bei Brexit ohne Einigung: Zentralbank warnt vor massiven Einbruch der Wirtschaft

Die Brexit-Szenarien und ihre wirtschaftlichen Folgen – auf den Punkt gebracht.

Barcroft Media via Getty Images
Großbritanniens Premierministerin Theresa May kämpft um ihren Brexit-Deal.

Großbritanniens Premierministerin Theresa May kämpft erbittert um Unterstützung für ihr Brexit-Abkommen. Brüssel und die EU-Mitgliedsstaaten haben den Deal bereits am Wochenende abgesegnet, doch das britische Parlament muss der Einigung noch zustimmen. Darüber entschieden wird am 11. Dezember.

Für May wird es alles andere als ein leichtes Unterfangen: Hinter den Kulissen warnen die Brexit-Hardliner aus Mays Partei vor einer Verschwörung der oppositionellen Labour-Partei. Die Tories sind aber selbst tief gespalten, etliche Hinterbänkler in Mays Partei wie auch der Koalitionspartner, die nordirische DUP, wollen gegen das Abkommen stimmen.

Scheitert May, droht ein sogenannter harter Brexit, ein EU-Ausstieg komplett ohne Vereinbarungen.

Hintergrund – das umfasst Mays Brexit-Deal:

  • Das ausgehandelte Brexit-Paket umfasst einen knapp 600 Seiten starken Austrittsvertrag.
  • Darin sind die Bedingungen der Trennung festgeschrieben – etwa die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und Schlusszahlungen des Vereinigten Königreichs an die EU von schätzungsweise rund 45 Milliarden Euro.
  • Vorgesehen ist außerdem eine Übergangsfrist bis Ende 2020, diese könnte noch bis Ende 2022 verlängert werden. In dieser Zeit soll sich für die Wirtschaft und die Bürger beider Seiten praktisch nichts ändern.

Vor so einem Szenario warnt nun die britische Zentralbank eindrücklich. Demnach könnte ein No-Deal-Brexit in Großbritannien die heftigste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg auslösen.

So steht es in einem Bericht, den die Bank of England am Mittwoch vorgelegt hat – und der als Mahnung an die Abgeordneten gelesen werden kann. Wie die drei unterschiedlichen Szenarios der Zentralbank aussehen, auf den Punkt gebracht.

Szenario 1: No-Deal-Brexit

Die britische Wirtschaft dürfte ohne eine Einigung mit der EU und ohne eine Übergangszeit innerhalb eines Jahres um acht Prozent schrumpfen, schreibt die Notenbank in ihrem Bericht zum Brexit. Ein solches Szenario sei eine größere Bedrohung für die britische Wirtschaft als der katastrophale Finanzcrash von 2008.

Die Folgen:

► Das britische Pfund könnte ein Viertel seines Wertes im Vergleich zum US-Dollar verlieren.

► Die Inflation könnte auf 6,5 Prozent ansteigen (derzeit beträgt sie 2,75 Prozent), genauso die Arbeitslosigkeit auf 7,5 Prozent (derzeit liegt sie bei 4,1 Prozent), wie es in der Analyse des Worst-Case-Szenarios der Zentralbank heißt.

► Preise für Privatwohnungen würden voraussichtlich um 30 Prozent fallen, während die Preise für gewerbliche Immobilien sogar um 48 Prozent zurückgehen würden.

► Viele Briten würden außerdem das Land verlassen.

Bank of England
Die mögliches Szenarien und ihre Auswirkungen auf die britische Wirtschaft.

Szenario 2: Ein gestörter Brexit

Auch im Falle eines gestörten Brexits –  ein Ausscheiden aus dem Staatenbund, ohne das alle Details geregelt sind – wären die negativen Auswirkungen weitreichend.

Die Folgen:

► Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) würde wohl um drei Prozent sinken.

► Die Arbeitslosenquote könnte auf 5,75 Prozent, die Inflation auf 4,25 Prozent steigen.

► Die Hauspreise könnten um 14 Prozent, die Preise für gewerbliche Immobilien um 27 Prozent sinken.

► Das Pfund könnte gegenüber dem US-Dollar um 15 Prozent auf 1,10 US-Dollar fallen.

Szenario 3: Mays Brexit-Deal:

Mays Brexit-Vereinbarung habe das Potenzial, für eine Belebung des Wirtschaftswachstums in den kommenden fünf Jahren im Vergleich zu ihrer derzeitigen Prognose zu sorgen, erklärte die Zentralbank. Sie schränkte aber ein, dass dies nur passiere, wenn Großbritannien enge Handelsbeziehungen zur EU unterhält.

Am selben Tag wie die Bank of England hat auch die britische Regierung einen Bericht vorgelegt, der Schätzungen zu den Auswirkungen zum gegenwärtig diskutierten Abkommen enthält. Diese fallen deutlich zurückhaltender aus, als die der Bank of England.

Die Folgen:

► Demnach werde jedes Szenario Großbritannien ärmer machen und das Land in jedem Fall an Wachstum verlieren

► Das BIP wird unter den Bedingungen des ausgehandelten Deals im Jahr 2035 um bis zu 3,9 Prozent kleiner sein als ohne den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.

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Pro-EU-Demonstranten auf der Westminster Bridge in der Nähe des britischen Parlaments.

Wie sich die britischen Banken auf den Brexit vorbereitet haben:

► Die britischen Großbanken verfügen über “ein hohes Maß an Kapital und Liquidität, um auch einem schweren wirtschaftlichen Schock standzuhalten, der mit einem ungeordneten Brexit verbunden sein könnte”, heißt es in dem Bericht der Bank of England. 

► Sie betonte: Das britische Bankensystem sei “stark genug, um auch im Falle eines ungeordneten Brexits weiterhin britische Haushalte und Unternehmen zu bedienen”.

Wie die britische Politik auf die Brexit-Berichte reagiert: 

► Die Analyse zeige, “dass unser Deal der bestmögliche für Arbeitsplätze und unsere Wirtschaft ist”, sagte Premierministerin May am Mittwoch bei einer Fragestunde im Parlament.

► Schattenkanzler John McDonnell von der Labour-Partei betonte laut HuffPost UK: “Die Zentralbank hat bestätigt, was uns auch andere unabhängige Berichte in dieser Woche gesagt haben: Ein No-Deal-Brexit könnte noch schlimmer sein als die Finanzkrise vor zehn Jahren – und das Land steht nach dem Deal von Theresa May viel schlechter da.”

► Der Labour-Abgeordnete Wes Streeting, der eine Volksabstimmung über das endgültige Abkommen unterstützt, sagte: “Jede Art von Brexit wird uns schlechter machen.” 

► Brexit-Hardliner Jacob Rees-Mogg, der eine Gruppe von Tory-Rebellen anführt, spielte die Warnungen herunter. Er sagte: “Vor dem Referendum wurde uns mit einer Froschplage gedroht. Jetzt warnen sie vor dem Tod des Erstgeborenen.” Die Bank of England sei “hysterisch geworden”.

► Finanzminister Philip Hammond gestand in einem BBC-Interview, dass Großbritanniens Wirtschaft besser dran wäre, würde das Land in der EU bleiben: “Wenn man nur die Wirtschaft betrachten würde, dann zeigt die Analyse (der Regierung, Anm. d. Red.) deutlich, dass in der EU zu bleiben ein besseres Ergebnis für die Wirtschaft bringen würde.” Dabei nicht berücksichtigt seien “politische Vorteile”, die man durch den EU-Austritt habe.

Mit Material von dpa.

(vw)