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19/08/2018 07:38 CEST | Aktualisiert 19/08/2018 09:11 CEST

DFB-Chef Grindel spricht über Özil und das WM-Aus – er hat nichts dazugelernt

Die HuffPost-These.

Etwas mehr hätte man schon erwarten können.

DFB-Präsident Reinhard Grindel ist aus dem Urlaub zurück und äußerte sich in einem Interview mit der “Bild am Sonntag” ausführlich zum WM-Debakel und zur Özil-Affäre.

Doch was er auf die Fragen der Wochenzeitung antwortete, ist too little, too late – zu spät und zu wenig:

Kurzer Rückblick:

Zur Erinnerung: Die Nationalmannschaft schied als Gruppenletzter in der Vorrunde in Russland aus. 

Darauf entfachte eine bis dahin ungekannte Debatte um den früheren Nationalspieler Mesut Özil, der sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM fotografieren ließ. 

Özil verkündete schließlich in einer Generalabrechnung mit dem DFB seinen Rücktritt.

Was Grindel zu seinem Umgang mit der Özil-Affäre sagt:

► “Ich hätte mich angesichts der rassistischen Angriffe an der einen oder anderen Stelle deutlicher positionieren und vor Mesut Özil stellen müssen. Da hätte ich klare Worte finden sollen. Solche Angriffe sind völlig inakzeptabel. Dass er sich da vom DFB im Stich gelassen fühlte, tut mir leid”, sagte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes in einem Interview der “Bild am Sonntag”

► Grindel wies ebenfalls Özils Rassismus-Kritik am DFB zurück. Ihm sei wichtig zu betonen, dass er sich “zu keinem Zeitpunkt” zu Özils sportlicher Leistung geäußert habe. “Für mich war immer klar, dass wir zusammen gewinnen und zusammen verlieren.”

► Er hätte sich von dem Arsenal-Profi gewünscht, dass er sich wie sein Mitspieler Ilkay Gündogan “klar und nachvollziehbar” äußert. “Das darf aber keinesfalls als Kritik an seiner sportlichen Leistung missverstanden werden. Ich hätte mir eine solche Erklärung auch gewünscht, wenn wir Weltmeister geworden wären.”

Warum das zu wenig ist:

Grindel wiederholt in seinem Interview im Wesentlichen nur das, was er bereits vor fast vier Wochen in einem Statement verkünden ließ. 

► “Rückblickend hätte ich als Präsident unmissverständlich sagen sollen, was für mich als Person und für uns alle als Verband selbstverständlich ist: Jegliche Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar”, sagte er damals.

Erkenntnisgewinn? Null.

► Denn offene Fragen gibt es noch genug. Erst durch das Krisenmanagmenet des DFB wurde die Affäre um das Trikot-Foto zu einem solchen Skandal.

► Schon am Tag danach twitterte Grindel, die Fußballer hätten sich für Erdogans “Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen”. Inhaltlich war das richtig.

Mit einer solchen Wortwahl als DFB-Chef schüttet man jedoch Öl ins Feuer, statt es zu löschen. Grindel hat nicht nur nicht auf die rassistischen Angriffe auf Özil reagiert, er hat sie mitentfacht.

Später reagierten Grindel und der Verband ohne einheitliche Strategie auf den Skandal.

Vor der WM erweckte man den Eindruck, man wolle die Affäre schnell vom Tisch haben.

Nach der WM kritisierte Grindel Özil dafür, dass er sich nicht zu der Affäre geäußert hatte – und gab ihm somit indirekt eine Mitschuld an dem WM-Desaster. Dabei war der Arsenal-Spieler einer der besseren des Teams.

Welche Konsequenzen Grindel aus dem WM-Desaster zieht: 

Im Zuge der angemahnten Reformmaßnahmen kündigte Grindel an, dass der Begriff “Die Mannschaft” abgeschafft werden könnte.

Dieser werde an der Basis “als sehr künstlich empfunden” und sollte “auf den Prüfstand” gestellt werden, sagte er. Eine größere Nähe zu den Fans sollte durch mehr öffentliche Trainingseinheiten oder niedrigere Ticketpreise erzeugt werden, kündigte der 56-Jährige an.

Für den ebenfalls in die Kritik geratenen Teammanager Oliver Bierhoff wird es laut Grindel Entlastung geben durch einen Leiter der neuen DFB-Akademie und einen Nachfolger von Horst Hrubesch als Sportdirektor.

“Ansonsten muss er in den nächsten Monaten selbst überprüfen, ob er das alles leisten kann, das haben wir so auch verabredet”, sagte Grindel über den früheren Nationalstürmer.

Warum auch das zu wenig ist:

Ein anderer Namen schießt keine Tore, öffentliche Trainings auch nicht. 

Mehr als einen Monat nach dem WM-Aus hätte man sich schon deutlichere Worte und mehr Erkenntnis erhofft als das.

In letzter Konsequenz verantworten er und Nationaltrainer Joachim Löw die historische Niederlage. 

Nur ein Rücktritt der beiden könnte als echter Neuanfang gewertet werden.

Dazu sagte Grindel:

An einen Rücktritt habe er nicht gedacht. “Ich habe sehr großen Rückhalt bei den Landesverbänden und in der Bundesliga.” Auf die Frage, ob er bis mindestens zur nächsten Wahl DFB-Präsident bleibe, antwortete er: “Davon gehe ich fest aus.”

Grindel kann gerne seinen Urlaub verlängern. Auch unbegrenzt.

Mit Material von dpa.

(ame)