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19/02/2018 18:40 CET | Aktualisiert 19/02/2018 18:40 CET

Griechenland: Eine Geschichte über Sirtaki, Vorurteile und Klischees

Peter Gridley

Kurz vor der Wende geboren und kurz nach der Wende zum ersten Mal in einem griechischen Lokal essen gewesen. Im ersten griechischen Restaurant, welches nach der Wiedervereinigung im ehemaligen Osten Deutschlands eröffnete – so sagt man. Wahrscheinlich nahm das Schicksal so seinen Lauf. Nun reise ich seit meiner Kindheit fast jedes Jahr mindestens einmal nach Griechenland. Zwar durfte ich in dieser Zeit auch viele andere Regionen der Welt erkunden, doch zog mich keiner dieser Orte so in seinen Bann.

Andere Mittelmeerländer – von Portugal bis Kroatien – haben alle ihre tollen Besonderheiten, individuell-leckeres Essen und ein angenehmes Klima. Ferne Länder, wie die Inselwelten der Malediven, bieten ihren Urlaubern im wahrsten Sinne ein „Paradies“ – doch fasziniert mich das Griechentum am Meisten. Ist es die Geschichte, Mythologie oder dann doch eher die Art der Menschen? Denn allein‘ landschaftlich lässt es sich nicht erklären.

Die Bewegung der Philhellenen ist nichts Neues. Bereits seit den 1820er-Jahren gibt es Anhänger in Europa, aber auch Nordamerika. Dabei spricht man von Personen, welche sich geistig mit Griechenland verbunden fühlen und sich für das Griechentum einsetzen. Bereits in dieser Zeit waren viele Philhellenen mit Auslandsgriechen befreundet – das kenne ich so auch. Doch was macht die Griechen zu dem Volk, was sie sind? Zunächst vielleicht besser anders: Welche Klischees und Vorurteile können wir streichen?

  • Ein ganz großer Klassiker: Der „Nationaltanz Sirtaki“. Ihn gibt es nicht bereits seit der Antike, die Schrittfolge wurde 1964 für den Film „Alexis Sorbas“ erfunden, da der Hauptdarsteller Anthony Quinn mit den griechischen Tänzen wenig anfangen konnte. Gleichzeitig war der Film Segen und Fluch zugleich – auch wenn mehr Touristen angelockt wurden, ist das Bild des typischen Griechen durch „Hollywood“ verschoben wurden.
  • Nur Fleisch in Griechenland: Gyros, Souvlaki, Bifteki. Die griechische Küche war einst von Gemüse, Obst und insbesondere Hülsenfrüchten geprägt – natürlich stets mit regionalem Olivenöl zubereitet – erst heute hält die Ernährung der westlichen Welt Einzug in die tägliche Ernährungsweise der Mittelmeeranrainer. Dazu gehören nun (leider) auch Fast Food und ein durchschnittlich höherer Fleischkonsum.
  • Die Griechen sind faul (und geben das Geld anderer Länder aus). So zumindest von der Bild-Zeitung flankiert. Laut einer Erhebung des statistischen Amtes der Europäischen Union arbeiteten die Griechen im Jahr 2014 rund 44,2 Stunden pro Woche – wir Deutschen etwa 41,5 Wochenstunden. Mehr arbeitet in Europa niemand. „Müßiggang ist aller Laster Anfang.“ schrieb Solon vor weit mehr als 2000 Jahren. Die Arbeit wird also einfach anders angesehen und nicht verherrlicht, sie ist jedoch notwendig.
  • Ganz aktuell: „Griechenland reformiert nicht genug“. Kein Land der EU reformiert mehr als Griechenland und kein anderes Land ist so reformresistent wie Deutschland. Viele Reformversuche bleiben natürlich auch in Griechenland auf der Strecke – wie in allen anderen Ländern der EU.
  • Alle Griechen heißen Nikos, Kostas oder Dimitrios. Das kann nicht sein, ich kenne auch einen Manolis, Michalis, Ioannis, Giorgos und viele mehr. ;) Aber ja, traditionell werden die Vornamen gern von Familienmitgliedern abgeleitet.
  • Die Griechen trinken viel Ouzo. Nein, sie trinken je nach Region viel Tsipouro – oder auf Kreta Raki. ;)

Nach Türken, Italienern und Polen sind Griechen in Deutschland die größte Zuwanderungsgruppe. Sie bilden damit zwar nicht die größte Auslandsgemeinde der Bundesrepublik, haben hierzulande jedoch bereits seit der Antike ihre Kultur verbreitet. Ein späteres, schönes Beispiel ist der Landesname Bayern mit „y“. König Ludwig I. – Philhellene seinerseits – ordnete an, das „i“ von „Baiern“ durch das griechische Ypsilon zu ersetzen.

Nun schreibe ich bereits länger auf www.Kreta-Reise.guru über die Besonderheiten der griechischen Insel Kreta und selbstverständlich auch über die „Eigenarten“ der Bevölkerung. Doch finde ich zumeist nur positive Substantive und Adjektive, mit welchen ich das Leben – oder einen Urlaub – dort beschreibe. Immer wieder kommen mir die Begriffe „Gastfreundschaft“, „Familie“ oder „siga, siga“ (langsam, langsam) in den Sinn. Wahrscheinlich bin ich davon überzeugt, dass die Griechen wissen, wie das Leben funktioniert – Stichwort „Prioritäten richtig setzen“.