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22/02/2018 15:05 CET | Aktualisiert 22/02/2018 15:05 CET

Grenzen der Sicherheit – Chancen und Risiken

„Die deutsche Wirtschaft muss sich auf Schwieriges einstellen, wenn sie die Sicherheitsrisiken der kommenden Jahre meistern will“, sagt Caroline Eder, Geschäftsstellenleiterin des Bayerischen Verbands für Sicherheit in der Wirtschaft e.V. (BVSW) in München. Bereits heute ist die Organisierte Kriminalität ein ernst zu nehmendes Problem für die gesamte Wirtschaft. Ziel der Übergriffe ist die Erpressung von Zahlungen in Form von digitalen Währungen sowie das technologische Know-how der Unternehmen. Grundlage für die meisten Übergriffe bildet das „Social Engineering“: Angreifer spionieren ihre potentiellen Opfer im Vorfeld aus und versuchen, möglichst viele Informationen über deren Interessen und Kontakte zu sammeln, um einen Angriff gezielt und individuell vorzubereiten. Das ist das Ergebnis der gemeinsamen Untersuchung von Corporate Trust, dem Bayerischen Verband für Sicherheit in der Wirtschaft e.V. (BVSW) und der Brainloop AG.

Für die Studie Future Report wurden in Österreich und Deutschland über 4.700 Unternehmen befragt und Informationen zu bereits erfolgten Schäden durch Organisierte Kriminalität, Terrorismus, Industriespionage und moderne Propaganda gesammelt.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen gaben an, bereits Opfer eines Angriffs geworden zu sein. Dabei kommen im zunehmenden Maße digitale Methoden zum Einsatz.
  • Die Digitalisierung und die damit einhergehende Vernetzung aller Lebensbereiche wurde von den befragten Unternehmen als besonders risikobehaftet gesehen.
  • Auch die Sozialen Netzwerke können sich zum Sicherheitsrisiko entwickeln, wie sich spätestens seit den Präsidentschaftswahlen in den USA 2017 und der Begriffsschöpfung „Alternative Fakten“ zeigte.
  • Besonders gefährlich sind Fake News, weil sie beispielsweise Börsenkurse beeinflussen und den Ruf eines Unternehmens schädigen können sowie geplante Projekte oder Firmenübernahmen torpedieren.
  • Die größte Bedrohung geht nach Meinung der Unternehmen von den eigenen Mitarbeitern aus, gefolgt von Wettbewerbern und ausländischen Geheimdiensten. Industriespionage gefährdet dabei nicht nur die Existenz einzelner Firmen.
  • Ein wichtiger Zukunftstrend ist die Fusion von IT-Technologie mit menschlicher Biologie - hier entsteht ein völlig neuer Handlungsspielraum für Verbrecher, denn PINs und Passwörter werden durch das unerlaubte Abfangen von Gehirnströmen künftig nicht einmal mehr in unseren Köpfen sicher sein.
  • Spionage und Fake News machen der deutschen Wirtschaft besonders stark zu schaffen.
  • Für den Wirtschaftsstandort Deutschland hängt ein wesentlicher Teil des Wohlstands an der Absicherung sensibler Daten.

Der Future Report und seine Ergebnisse waren die Basis für die Entwicklung des Programms des Sicherheitsgipfels der deutschen Wirtschaft, der vom 7. bis 9. März 2017 am Spitzingsee stattfindet und unter dem Motto „Grenzen der Sicherheit – Chancen und Risiken“ steht. Die 7. Wintertagung des BVSW beschäftigt sich mit folgenden Fragen:

  • Welche Möglichkeiten gibt es, durch neue oder verbesserte Produkte und Dienstleistungen vorhandene und neue Kunden zu gewinnen oder Kunden zu halten?
  • Was passiert, wenn diese Chancen durch innovative Angebote von Wettbewerbern oder durch technologische und wirtschaftspolitische Veränderungen gefährdet werden?
  • Welche Politik, welche Trends und welche Technologien müssen strategisch weiterverfolgt werden, um Branchen zu stärken und zu weiteren Erfolgen zu führen?
  • Welches Personal, welches Image und welches Know-how werden benötigt?
  • Welche Kernkompetenzen sollten beherrscht werden?
  • Welche politischen Entwicklungen werden erwartet, und wie sollten wir darauf reagieren?
  • Welche Trends sind in der in der Arbeitsorganisation zu erwarten: Gibt es den klassischen Sicherheitsmitarbeiter noch im Jahr 2030 oder wird er durch die Digitalisierung ersetzt?
  • Wie können wirtschaftliche und industrielle Prozesse heute fit gemacht werden?

Zu den Referentinnen gehört u.a. Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Institutsleiterin am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls für Innovations- und TechnologieManagement (iTM) Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Im folgenden Interview widmet Sie sich dem zukunftsweisenden Spannungsfeld von Sicherheit und Innovation.

Interview mit der Innovationsforscherin Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, was macht Sicherheit zu einem zukunftsweisenden Spannungsfeld?

Sicherheit ist vor dem Hintergrund der Diskussionen im World Economic Forum ein nicht nur spannendes, sondern angesichts der großen Herausforderungen in der Gesellschaft ein drängendes Thema. Extreme Wetterereignisse, großflächige unfreiwillige Migration, zerstörerische Naturkatastrophen, Terrorattacken oder Datenbetrug beeinflussen die Volkswirtschaften, das Zusammenleben in der Gesellschaft ebenso wie die individuell wahrgenommene Sicherheit.

Sicherheit in Form objektivierter und subjektiven Sicherheiten ist durch komplexe Wirkmechanismen und unterschiedliche Akteure gekennzeichnet und ist sowohl Treiber im als auch konstituierendes Merkmal und Prüfstein des Innovationssystems einer Volkswirtschaft.

Welche aktuellen Entwicklungen gibt es hier?

Aktuelle Überlegungen zu Sicherheitstrends greifen beispielsweise neue Formen der Organisierten Kriminalität, moderne Propaganda im 21. Jahrhundert, Datenschutz in Verbindung mit Big Data, politische und religiöse Agitation in Firmen oder die Digitalisierung der Gesellschaft auf. Die Digitalisierung der Gesellschaft ist ein weitreichender Treiber, um unternehmerische und wirtschaftspolitische Überlegungen anzustellen und sich mit möglichen zukünftigen Konsequenzen und der Ableitung des heutigen Tuns zu beschäftigen. Betrachtet man den damit verbundenen Transformationsprozess in Wirtschaft und Gesellschaft, so wird deutlich, welche erheblichen Potenziale in der Verknüpfung von Digitalisierung und Sicherheit stecken und diese gilt es engagiert zu erschließen. Allein die Tatsache, dass gemäß des Innovationsindikator 2017 Deutschland im Digitalisierungsindex auf Rang 17 von 35 untersuchten Volkswirtschaften liegt, zeigt den enormen Handlungsbedarf auf (vgl. Innovationsindikator 2017, hg. acatech und BDI, S. 7, S. 36).

Was braucht es, um angemessene Lösungen zu finden?

Es sollten vor allem kreative Ideen, realisierbare Entwicklungspfade und Umsetzungsschritte entwickelt werden, die die gesamte Gesellschaft einbezieht. Vordenker und Gestalter der Wettbewerbsfähigkeit im Sinne von Sicherheit und Lebensqualität sind mehr denn je gefragt. Das heißt aber auch, sich den Ängsten der Betroffenen und der möglichen Skepsis technischer Entwicklungen in der Gesellschaft anzunehmen. Hierfür sind Experimentierräume zur Interaktion aufzusetzen, den Dialog und die Partizipation mit der Zivilgesellschaft aktiv methodisch zu gestalten, politische und regulatorische Rahmenbedingungen zu erörtern, die Umsetzung zu begleiten und mit Wirkungsanalysen und -szenarien zu hinterlegen.

Was bedarf es, um dieser - auch unternehmenspolitischen - Bedeutung gerecht zu werden?

Es bedarf vor allem unabhängiger Forschungsinstitutionen, die ergebnisoffen und wissenschaftlich fundiert agieren, Orientierung und Erklärung geben, Debatten anstoßen und handelnde Akteure im „Innovationssystem Sicherheit“ begleiten. Wahrnehmungen, Erwartungen und Gefühle zu Sicherheit in den Phänomenbereichen Kriminalität, Terrorismus, Naturkatastrophen und technische Großunglücke sind zu bewältigende Herausforderungen, die einen systemischen Blick notwendig machen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Wahrnehmung von Sicherheit in die soziale Sicherheit eingebettet ist. Hieraus ergibt sich eine theoretische und empirische Abhängigkeit von einem allgemeinen Sicherheitskonzept sowie von dem Vertrauen in die eigene und gesellschaftliche Fähigkeit zur Bewältigung von Risiken.

Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang Resilienz?

Die Resilienz der Gesellschaft hat heute mehr denn je damit zu tun, die wirtschaftliche Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, indem Handlungsspielräume erhalten werden. Im Vordergrund stehen Reflexions- und Zukunftsfähigkeit im Innovationssystem Sicherheit, die proaktive Auseinandersetzung mit Ungewissheit, mit wahrgenommener Un-Sicherheit, um vorausschauend, flexibel und verlässlich im dynamischen Umfeld agieren zu können.

Was bedeutet das im Unternehmenskontext?

Im Unternehmenskontext bedeutet dies, Entwicklungs- und Produktionsprozesse nachhaltig zu gestalten, aber auch partizipative Verfahren der Technikgestaltung einzusetzen und weiterzuentwickeln. Damit kann das Bestehen von Unternehmen beispielsweise der Sicherheitswirtschaft und die vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereiche in einem sich wandelnden Umfeld langfristig gewährleistet werden. Die Auseinandersetzung mit Foresight und Impact ist im Kontext der Wirtschaft aber auch der Politik und Zivilgesellschaft ein hierfür überaus geeignetes Instrument, um mögliche sozioökonomische Auswirkungen in einem frühen Stadium zu signalisieren.

Der Future Report zeigt wichtige Facetten des Innovationssystem Sicherheit aus der Perspektive der Wirtschaft auf und ist somit ein guter Kompass für Akteure aus Politik, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft, ergebnisoffen zu diskutieren und für Unternehmen und zum Wohl der Menschen wichtige Entscheidungen zur Erfolgs- und Wohlstandssicherung einzuleiten oder vorzubereiten.

Vielen Dank für das Gespräch.