POLITIK
09/11/2018 11:57 CET | Aktualisiert 09/11/2018 12:37 CET

Gregor Gysi zum 9. November: “Die Ostdeutschen haben den Umgang mit Muslimen nicht gelernt”

In der HuffPost äußern sich ehemalige DDR-Bürger zum Jahrestag des Mauerfalls dazu, wie sich ihre Heimat seither verändert hat.

Pacific Press via Getty Images

In seiner Fraktion ist Gregor Gysi zum Hinterbänkler geworden: wortwörtlich. In Sitzungen des Deutschen Bundestags nimmt Gysi dieser Tage gerne einen der Plätze am Ende des Saales ein.

Seine Karriere im deutschen Parlament klingt aus. Seine politische Strahlkraft hat Gysi aber nicht verloren. Gerade im Osten Deutschlands gehört er weiterhin zu den wichtigsten politischen Stimmen. 

Die HuffPost hat Gysi zum 29. Jahrestag des Mauerfalls nach den Erfolgen und Misserfolgen der deutschen Einheit gefragt – und danach, wie “Wir sind das Volk” vom Ruf nach Freiheit zu einer Kritik der Flüchtlingspolitik wurde.

Gregor Gysi: “Berlin hat sich enorm verändert”

Geboren wurde Gysi im Jahre 1948, drei Jahre nach Ende des Kriegs, in der heutigen Bundeshauptstadt Berlin. Sein ganzes Leben verbringt er hier.

“Berlin hat sich enorm verändert”, sagt der Linken-Politiker. “Berlin war eine gespaltene Stadt. Beide Teile Berlins wurden einmal durch die Bundesregierung und zum anderen durch die DDR-Regierung privilegiert und besonders gefördert.” Trotzdem habe die Stadt provinzielle Züge gehabt.

“Als die Einheit der Stadt hergestellt wurde, versäumte man die Tatsache zu nutzen, dass sie die einzige Stadt in Europa war, die sowohl zu West- als auch zu Osteuropa gehörte”, sagt Gysi.

Dieses Versäumnis habe sich vor allem wirtschaftlich niedergeschlagen. 

“Es gab Ingenieure, die Englisch, Französisch, Spanisch oder Portugiesisch sprachen und es gab solche, die Russisch, Polnisch, Ungarisch, Tschechisch oder Rumänisch sprachen.” Doch für den Wirtschaftsstandort Berlin sei lange nicht ausreichend geworben worden.

Erst kürzlich habe Berlin wieder einen Vorreiterrang zurückerobert: “Inzwischen ist Berlin zu einer internationalen Metropole geworden. Das verdanken wir auch und gerade Klaus Wowereit. Davon konnte früher keine Rede sein.”

“Die Ostdeutschen wurden Deutsche zweiter Klasse”

Gysi betont die großen Erfolge der Wiedervereinigung: “Das Beste ist natürlich, dass es einen Krieg zwischen zwei deutschen Staaten nicht mehr geben kann, dass die Mauer weg ist, dass niemand, der die frühere Grenze überschreitet, erschossen wird. Es gibt deutlich mehr Freiheit und Demokratie.”

Doch es gebe weiterhin auch große Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen von West und Ost.

Die jüngere Generation von heute wachse zwar offenkundig zusammen. Bei der älteren Generation sei dies aber schwierig. “Die Ostdeutschen empfinden sich als Verlierer der Geschichte, denn sie hatten die sowjetische Besatzungsmacht. Die DDR war eine geschlossene Gesellschaft, so dass sie den Umgang mit Menschen muslimischen Glaubens kaum lernten”, warnt Gysi.

Bei der Herstellung der Einheit seien die Ostdeutschen Deutsche zweiter Klasse gewesen, was sie bis heute demütige.

 

Ein weiteres Problem: Solange immer noch geringere Löhne bei gleicher Arbeit und längerer Arbeitszeit im Osten und eine geringere Rente bei gleicher Lebensleistung gezahlt werde, sei die Einheit nicht vollendet.

Gysi kritisiert “Wir sind das Volk”-Rufer

Gysi findet: “Auch das Argument, dass die Mieten und Restaurantpreise im Osten günstiger sind, zählt nicht. Die Mieten und Restaurantpreise sind auch in der bayerischen Stadt Hof günstiger als in München, aber niemand kommt auf die Idee, deshalb dort geringere Löhne und geringere Renten zu bezahlen oder eine längere Arbeitszeit zu verlangen.”

Die Menschen, die heute wieder “Wir sind das Volk” rufen, kritisiert der Politiker.

Er stellt klar: “Der Ruf ‘Wir sind das Volk’ diente 1989 dem Widerstand gegen die Führung. Es war eine Diktatur. Dagegen wandten sich die Menschen”.

Heute bedeute der Spruch dagegen die Ausgrenzung Menschen anderer Nationalität. “Er hat also eine völlig andere Bedeutung. Das Anliegen ist auch gegen das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gerichtet.”

“Wir sind das Volk”: HuffPost-Aktion zum 9. November

 

Zum Jahrestag des Mauerfalls spricht die HuffPost mit Zeitzeugen, die die friedliche Revolution in der DDR miterlebt haben. Sie blicken zurück auf die Wendezeit und wie sich Ostdeutschland seitdem entwickelt hat. Unter diesem Link findet ihr den Überblick mit allen Zeitzeugen. Das sind die einzelnen Beiträge:

 

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(ben)