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07/03/2018 18:38 CET | Aktualisiert 07/03/2018 20:23 CET

Gladbeck: Was bei dem Geiseldrama damals wirklich passiert ist

Am 16. August 1988 hat die Geiselnahme in einer Bank begonnen – erst zwei Tage später konnte sie die Polizei beenden.

dpa
Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen in dem in Bremen gekaperten Linienbus.
  • Der Fall Gladbeck jährt sich zum 30. Mal
  • Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski hatten damals zeitweise mehr als 30 Geiseln

Gladbeck. Die Stadt hat 1988 traurige Berühmtheit erlangt. Hier begann einer der dramatischsten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte.

Nach einem missglückten Banküberfall flohen Hans-Jürgen Rösner, 31 Jahre alt, und Dieter Degowski, 32 Jahre alt, mit ihren Geiseln. Verfolgt von einer hilflos wirkenden Polizei und einer Presseschar wie im Rausch.

Millionen TV-Zuschauer verfolgten das Geschehen live. Drei Menschen sind damals gestorben, bevor das Geiseldrama nach fast zwei Tagen endlich beendet war. 

Der Banküberfall in Gladbeck ging schief

Es begann  laut NDR am 16. August um kurz vor acht Uhr. Rösner und Degowski wollten eine Bank überfallen, doch die Polizei umstellte die Filiale.

► Die Räuber nahmen daraufhin zwei Angestellte als Geiseln und erhielten in der Nacht einen Fluchtwagen. Es war der Beginn einer Irrfahrt.

Zunächst holten sie Rösners Freundin Marion Löblich ab. Irgendwann während der Fahrt haben sie sich dann für Bremen als Ziel entschieden.

In Bremen kaperten Rösner und Degowski einen Bus

Es war bizarr. Anstatt sich zu verstecken, ging das Paar am nächsten Tag in Bremen shoppen, erinnert der Norddeutsche Rundfunk. Degowski blieb unterdessen bei den Geiseln – verliess sie aber für einen Gang auf die Toilette.

Die Polizei hatte die Geiselnehmer da schon aufgespürt, griff aber nicht ein.

Am Abend bemerkten die Bankräuber die Beamten und brachten in Bremen einen Bus der Linie 53 in Gewalt – und damit hatten sie 32 weitere Geiseln.

Die Entführer wollten dem NDR zufolge mit der Polizei verhandeln, doch es fühlte sich offenbar keiner verantwortlich. Währenddessen konnten Schaulustige und Reporter unbehelligt zum Bus und den Geiselnehmern.

Ein 15-Jähriger starb wegen eines abgebrochenen Schlüssels

Die entschieden weiterzufahren. Es ging auf die A1. In der Nacht musste Löblich auf Toilette. Dort nahm die Polizei sie fest. Ihr Freund rastete aus, forderte ihre Freilassung.

Diese verzögerte sich jedoch, der Schlüssel der Handschellen war abgebrochen.

► Degowski schoss dem 15-jährigen Emanuele de Giorgi daraufhin in den Kopf. Reporter durften den Schwerverletzten aus dem Bus tragen und hielten den Kopf sogar in die Kamera. Dramatisch: Vor Ort gab es keinen Rettungswagen. Der Junge starb. 

Der Bus fuhr weiter in Richtung Niederlande. Dort stiegen die Geiselnehmer in einen BMW um, den die Polizei präpariert hatte. Die meisten Geiseln kamen zu diesem Zeitpunkt frei. Silke Bischoff und ihre Freundin Ines Voitle aus Bremen mussten aber weiterhin mit den Verbrechern mitfahren. 

In Köln reden Reporter und Geiselnehmer 

In Köln kam es zur bizarren “Pressekonferenz” aus dem dicht umlagerten Fluchtwagen heraus – die 18-jährige Geisel Silke Bischoff musste Fragen beantworten, während Degowski ihr die Waffe an den Kopf hielt.

Medienvertreter gaben den Tätern Hinweise auf verdeckte Ermittler. Die Polizei konnte das von Reportern und Schaulustigen umringte Fahrzeug nicht stürmen. Ein Journalist stieg ein und lotste die Gangster aus der Stadt. 

Über die A3 sollte es dann nach Frankfurt am Main gehen. Aber das Drama endet bei Bad Honnef. Nachdem der im Auto installierte Zündunterbrecher sich nicht aktivieren ließ, rammte die Polizei mit ihrem Wagen das Fluchtauto.

Eine Geisel konnte im Chaos fliehen, Rösner soll Bischoff erschossen haben.

Während der Flucht war zudem ein Polizist gestorben. 

Was sich nach Gladbeck änderte

Nach Gladbeck überarbeitete die Polizei gundlegend die Einsatztaktik, der Presserat legte fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf.

► 30 Jahre ist das her. Einer der beiden Täter, Dieter Degowski, ist gerade aus der Haft entlassen worden. Der andere, Hans-Jürgen Rösner, sitzt weiter.