POLITIK
22/03/2018 10:53 CET | Aktualisiert 22/03/2018 19:07 CET

Mediendeal in der Türkei: Der letzte echte Widerstand gegen Erdogan ist Geschichte

Auf den Punkt gebracht.

Das größte Medienunternehmen der Türkei soll verkauft werden und an einen Geschäftsmann gehen, der hinter Präsident Recep Tayyip Erdogan steht. Für die letzten Reste der Demokratie im Land ist das fatal. 

Die Medienkrise in der Türkei auf den Punkt gebracht.

Wie sich die Medienlandschaft in der Türkei ändert:

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Dogan-Gründer Aydin Dogan gilt als Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan

► Die Dogan-Mediengruppe ist die größte der Türkei. Zu ihr gehören die wichtige Nachrichtenagentur Dogan News Agency und führende Zeitungen des Landes, wie etwa die “Hürriyet”, sowie Fernseh- und Rundfunkstationen wie der CNN-Ableger CNN Turk. Der Konzern wird von Arzuhan Dogan Yalcindag geführt, der Tochter des inzwischen mehr als 80 Jahre alten Gründers Aydin Dogan. 

Auch deutsche Unternehmen sind an der Gruppe beteiligt. Axel Springer hält sieben Prozent an der TV-Holding und wird sich laut einer Sprecherin “komplett zurückziehen”, wie die “Süddeutsche Zeitung” berichtet. Ex-Bild-Chef Kai Diekmann sitzt im Aufsichtsrat der “Hürriyet” und werde sich überlegen, was er nun mache.

Burda – zu dessen Tochterfirma Burda Forward auch die HuffPost Deutschland gehört – betreibt mit Dogan den Zeitschriften-Verlag Dogan Burda. Burda kommentiert Fragen zur Zukunft des Joint Ventures derzeit nicht.

Die Dogan-Mediengruppe galt bislang als verhältnismäßig liberal und hatte sich gegen Angriffe auf die Pressefreiheit von Seiten der türkischen Regierung gewehrt. 

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Die "Milliyet" berichtet Erdogan-freundlich

► Die Dogan-Gruppe teilte am Donnerstag mit, dass sie nun für rund 1,1 Milliarden US-Dollar (890 Millionen Euro) an den Konzern Demirören geht. Zu Demirören gehören die auflagenstarken Tageszeitungen “Milliyet” und “Vatan”, aber auch Teile des Gasverteilnetzes und ein Einkaufszentrum in Istanbul. Der Konzern gehört dem fast 80-jährigen Erdogan Demirören.

Die Berichterstattung der Demirören-Zeitungen gilt als ausgesprochen Erdogan-freundlich.

► Derzeit liegt die Türkei in Sachen Pressefreiheit auf einem miserablen Platz 155 von weltweit 180 im Ranking von Reporter ohne Grenzen.

Durch die Fusion wird die kritische Berichterstattung auf absolute Nischenmedien eingedampft.

Als kritisches Printprodukt bekannt ist nur noch die Tageszeitung “Cumhurriyet”, deren prominenter früherer Chefredakteur Can Dündar heute in Deutschland im Exil lebt. Außerdem gibt es noch einige Online-Portale, die Erdogan nicht gänzlich nach dem Mund schreiben.

Der politische Hintergrund:

► Der frühere Ministerpräsident und heutige Staatspräsident Erdogan geht schon lange, ganz massiv aber seit dem Putschversuch im Sommer 2016, gegen Kritiker vor. Wer sich, in welcher Form auch immer, öffentlich gegen Erdogan äußert, riskiert hohe Haftstrafen.

Selbst der Verdacht, eine Person sympathisiere mit Erdogans Gegnern, kann dazu führen, dass deren ganze Familien ihre Arbeit oder Freiheit verlieren.

Um diesen Kurs durchzusetzen, hat Erdogan auch im Justizapparat unabhängige Personen entlassen und durch Gefolgsleute ersetzt.

► Die Spannungen zwischen dem Unternehmen Dogan und dem türkischen Staatsoberhaupt sind seit 2009 bekannt. Damals bekam Dogan Media eine Strafe von 2,5 Milliarden Dollar, weil es Steuern nicht gezahlt habe. Infolgedessen musste das Unternehmen die beiden Zeitungen “Milliyet” und “Vatan” an Demirören verkaufen.

Kritiker hatten bereits die Strafen als Schikane Erdogans gewertet.

2014 war ein Telefonat öffentlich geworden, in dem Erdogan seinem Justizminister befohlen hatte, er solle für ein hartes Urteil gegen Dogan sorgen.

► Demirören dagegen steht auf Erdogans Seite. Aus einem abgehörten Telefongespräch zwischen beiden geht hervor, dass sich Erdogan 2014 über einen Text in “Milliyet” beschwerte. Zum Schluss soll Demirören geweint haben darüber, in was er da hineingeraten sei. Und feuerte den “Milliyet”-Chefredakteur, der Erdogan ein Dorn im Auge war.

► Über den Grund des jetzigen Mediendeals ist derzeit offiziell nichts bekannt. Allerdings hatte die türkische Polizei in den vergangenen Monaten Dogans Mitarbeitern Verbindungen zum Prediger Fethullah Gülen unterstellt, den Erdogan für den Putschversuch im vergangenen Jahr verantwortlich macht und Razzien durchgeführt.

Ein Zusammenhang zu dem massiven Druck liegt also nahe.

Die Medienkrise auf den Punkt gebracht:

Erdogan ist nun einen großen, schlimmen Schritt weiter auf dem Weg zu einer Diktatur und der Gleichschaltung der türkischen Medien.

Mit Material von dpa

(jg)