POLITIK
13/03/2018 21:19 CET | Aktualisiert 14/03/2018 07:08 CET

Neue Eiszeit: Die unabsehbaren Folgen des Nervengas-Anschlags von London

Auf den Punkt gebracht.

Mikhail Metzel via Getty Images

Was derzeit in Großbritannien und Russland passiert, erinnert an einen überdrehten Agenten-Thriller.

Der russische Ex-Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter werden bewusstlos auf einer Parkbank in England gefunden. Jemand wollte sie mit einem Nervengift töten.

► London macht Moskau verantwortlich und setzt ein Ultimatum. Russland lehnt das ab und kündigt Großbritannien Konsequenzen an.

► Obendrein wurde am Dienstagabend der Tod des im britischen Exil lebenden Putingegners Nikolai Glushkov bekannt.

Wie geht es nun weiter? Die Entwicklungen zum Nervengas-Anschlag in London auf den Punkt gebracht.

Was wir über den Nervengas-Anschlag wissen:

► Skripal (66) und seine Tochter Yulia (33) waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden.

► Sie befinden sich in einem kritischen, aber stabilen Zustand.

► Bei dem Attentat war das in der früheren Sowjetunion produzierte, extrem gefährliche Nervengift Nowitschok verwendet worden.

Was Russland zu den Vorwürfen sagt:

Moskau hat alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte in Moskau: “Russland ist nicht schuldig.”

Er forderte einen kompletten Zugang zu den Ermittlungen und zu den Proben, um eine eigene Analyse der verdächtigen Substanz vorzunehmen. “Ansonsten sind alle Aussagen Londons sinnlos”, betonte der Außenminister.

ullstein bild via Getty Images
Russlands Außenminister Lawrow.

Moskau habe bereits eine offizielle Anfrage dazu gestellt. Russland sei bereit, mit Großbritannien im Rahmen der Organisation für das Verbot chemischer Waffen zusammenzuarbeiten. Alle Chemiewaffen wurden nach eigener Darstellung zwischen 2002 und 2017 vernichtet.

Das Vorgehen Moskaus, alle Vorwürfe zurückzuweisen, hat bereits Routine.

► Ähnlich wie bei den US-Anschuldigungen, die US-Präsidentenwahl 2016 beeinflusst zu haben, sprechen russische Politiker von “russophobem Fake” und unangebrachter Hysterie.

► Außenamtssprecherin Maria Sacharowa nannte die Vorwürfe “Märchen aus dem Königreich”. Russische Funktionäre behaupten sogar, London habe den Fall selbst geplant und ausgeführt.

Welche Reaktionen von London auf den Giftmord-Anschlag nun zu erwarten sind:

Die britische Regierung lässt keinen Zweifel daran, dass sie am Mittwoch Sanktionen verkünden will – falls Moskau nicht einlenken sollte und bis Mitternacht zur Aufklärung des Attentats beiträgt.

Welche Strafen könnten das sein?

Bislang hat May nur damit gedroht, keine Regierungsvertreter zur Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer nach Russland zu schicken.

► Aber es kursieren Spekulationen: Britische Medien wie die Zeitung “The Times” halten sogar eine Cyberattacke für möglich.

► Demnach könnte Großbritannien Server des Kreml angreifen, über die Fake-News verbreitet werden. Eine andere Maßnahme wäre die Ausweisung von Diplomaten.

► London könnte für reiche Russen ungemütlich werden: Denn auch finanzielle Maßnahmen gegen die Oligarchen mit Immobilienbesitz in der britischen Hauptstadt aus dem Umfeld des russischen Präsidenten Wladimir Putin sind denkbar.

... und was Moskaus Antwort darauf sein könnte:

► “Jegliche Drohungen, Russland mit Strafmaßnahmen zu belegen, werden nicht unbeantwortet bleiben”, teilte das Außenministerium in Moskau mit.

► Darauf müsse sich Großbritannien gefasst machen.

Welche Folgen der Anschlag auf der Verhältnis zwischen Moskau und London hat:

Auch, wenn der Anschlag noch nicht vollständig aufgeklärt ist – das Verhältnis zwischen den beiden Ländern hat sich deutlich verschlechtert. Zu keinem anderen EU-Land sind Russlands Beziehungen so schlecht wie zu Großbritannien.

dpa
Der damalige russische Geheimdienstoffizier Alexander Litwinenko.

► Spionagefälle hier wie dort und die Ermordung des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko 2006 mit radioaktivem Polonium in London verhindern eine Annäherung.

Damals folgte die gegenseitige Ausweisung von Diplomaten in den Monaten nach Litwinenkos Tod.

► Hinzu kommt: Moskaus Verhältnis zum Westen ist wegenmutmaßlicher Wahlbeeinflussung und Hackerangriffen extrem gespannt. Gerade Großbritannien ist innerhalb der Europäischen Union einer der schärfsten Kritiker des russischen Vorgehens gegen die Ukraine.

Warum der Brexit die Lage weiter verschärft:

Großbritannien steht derzeit ganz besonders unter Druck. Die Lage im Land ist wegen des bevorstehenden Brexits angespannt, das Verhältnis zur EU wegen der zähen Verhandlungen schwierig.

► May regiert seit einer desaströsen Neuwahl nur noch mit hauchdünner Mehrheit. Ihr Kabinett ist in vielen Fragen zerstritten, ihr Person in der eigenen Partei umstritten. May muss Stärke zeigen – dabei könnte das entschlossene Vorgehen gegen Russland helfen.

Auf den Punkt gebracht:

► Die Stimmung erinnert ein wenig an düstere Zeiten wie im Kalten Krieg. Der Nervengas-Anschlag hat das Verhältnis zwischen London und Moskau weiter verschlechtert.

► Beide Länder sehen sich obendrein gezwungen, Stärke zu zeigen – Großbritannien durch den Brexit, Russland durch die anstehenden Wahlen.

(ll)