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13/04/2018 18:37 CEST | Aktualisiert 13/04/2018 18:37 CEST

Wir haben ein Gewaltproblem an Schulen – mit Migranten hat das nichts zu tun

Es gibt eine gesellschaftliche Veränderung, die bis hin zu einer emotionalen Verwahrlosung der Kinder geht.

Norbert Michalke via Getty Images
Deutschland diskutiert wieder über Gewalt an Schulen. (Symbolbild)

Ein Streit unter Kindern auf dem Schulhof ist eigentlich keine außergewöhnliche Sache. Anders ist es hingegen, wenn ein Schüler einen anderen niederschlägt und ihm auf den Kopf springen will. Das habe ich letztens beobachtet.

Ich arbeite seit Jahrzehnten als Lehrer an Grundschulen in Brennpunktbezirken. Im Moment bin ich an einer Schule im Berliner Stadtteil Marzahn, davor war ich über 20 Jahre lang an einer Grundschule in Neukölln.

Und ja – es lässt sich beobachten, dass Gewalt und Brutalität an Grundschulen zugenommen haben. Doch anders, als es gerade von einigen Lehrern und Experten behauptet wird, liegt das nicht an Migranten. Es ist leicht zu sagen, dass das der Grund ist. Doch das ist falsch. Denn diese Probleme haben wir schon immer.

Die Brutalität hat eine neue Dimension

Gewalt an Schulen ist kein aktueller Trend. Schon zu meiner Schulzeit vor über 40 Jahren haben wir uns geprügelt. Damals ging es um Hierarchien, auch oft um Mädchengeschichten, die wir körperlich ausgetragen haben, um uns zu beweisen.

Doch die Brutalität, die ich im Moment an unseren Schulen erlebe, hat eine andere Dimension. Wie der Junge, der dem anderen auf den Kopf springen wollte. Das machte er nicht etwa, weil er das Kind schwer verletzen wollte. Sondern weil er, wie viele andere Schüler, im Fernsehen und im Internet Wrestling-Videos sieht. Und denkt, dass Menschen nichts passiert, wenn man ihnen auf den Kopf springt.

Für mich hat das Privatfernsehen sehr viel zu dieser Verschärfung der Gewalt beigetragen. Da brauchen die Schüler gar keine Online-Enthauptungsvideos auf dem Schulhof zu sehen. Denn die klassischen Medien sind oft schlimmer. Da wird schon im Nachmittagsprogramm in so gut wie jeder Sendung an die niedrigsten Instinkte appelliert.

So ändert sich überhaupt nichts

Wir müssen uns klar machen, dass es gerade eine gesellschaftliche Veränderung gibt – die bis hin zu einer emotionalen Verwahrlosung der Kinder geht.

Es ist der erste Schritt, diese Gewaltzunahme als Problem wahrzunehmen. Und das ist schon schwierig, denn jede Schule versucht das kleinzuhalten – niemand will eine schlechte Schlagzeile.

Doch falsch ist es, jetzt in einer reinen Empörungshaltung zu verharren, wie es in zahlreichen Medienberichten aktuell geschieht. Denn so ändert sich überhaupt nichts.

Wir müssen uns anschauen, welche Maßnahmen wir ergreifen können, um das Problem in den Griff zu bekommen. Welche Sanktionen es gibt aber auch, wie wir den betroffenen Kindern helfen können, dass sie sich ihr Leben nicht selbst zerstören.

Gerade an Brennpunktschulen lässt sich eine Zunahme von Gewalt beobachten. Natürlich – denn hier sind besonders häufig Kinder, die aus niedrigen sozialen Schichten kommen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Migrantenfamilien handelt oder nicht.

Und Kinder, die zuhause Gewalt erleben – egal ob psychisch oder physisch, was in diesen Familien häufiger vorkommt, neigen auch eher zu Gewalt.

Es gibt viel zu wenige Sozialarbeiter

Jegliche Gewalterfahrung prägt Kinder ungemein. Und auch viele Kinder, die keine körperliche, sondern seelische Gewalt erlebt haben, tendieren eher dazu, sich körperlich durchsetzen zu wollen.

Und diese Kinder sind zwar in erster Linie Täter – aber zugleich auch Opfer. Sie brauchen dringend Hilfe. Nicht umsonst setzt unter Strafrecht erst mit 14 Jahren ein.

Es gibt allerdings wundervolle Erziehungsmaßnahmen, die diesen Kindern sehr gut helfen können. Doch besonders an Brennpunktschulen haben wir dafür zu wenig Personal. Es gibt zwar Sozialarbeiter, aber es sind viel zu wenige. Wir bräuchten an Grundschulen in bestimmten Bezirken doppelt so viele wie es aktuell sind.

Und leider dauert es oft noch viel zu lang, bis Behörden aktiv werden. Wir können die Vorfälle ja auch nur melden, aber dann wechseln wieder die Zuständigkeiten oder es gibt neue Sozialarbeiter und wenn dann endlich etwas in Gang kommt, ist es oft zu spät. Dabei könnten wir das Problem in Griff bekommen, wenn wir bei auffälligen Kindern rechtzeitig handeln würden.

Es sollte jeden Preis wert sein

Die brenzligen Situationen entstehen meistens, weil die Kinder emotional ticken und die Frustrationstoleranz extrem niedrig ist. Wenn etwas nicht klappt, dann sind die Schüler so leicht frustriert, dass es zu emotionalen Zusammenbrüchen kommt – und der Schüler ausflippt und auf einen Lehrer oder Mitschüler losgeht.

Das einzige was uns hier hilft, ist mehr Personal. Mehr Menschen, die diesen Kindern helfen. Ihnen helfen, dass sie nicht zu straffälligen Erwachsenen werden. Dass sie die Gewalt und ihre Wut in den Griff bekommen.

Das wird eine Menge Geld kosten. Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen, sollte aber jeden Preis wert sein.

Und wer immer noch glaubt, hier sparen zu müssen, dem möchte ich sagen: Das kostet uns jetzt vielleicht etwas mehr Geld, spart unserem Staat in Zukunft aber Millionen an Hartz-IV-Leistungen und den Kosten, die anfallen, wenn jemand straffällig wird.

Das Protokoll wurde von Katharina Schneider aufgezeichnet.