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04/04/2018 20:12 CEST | Aktualisiert 10/04/2018 17:08 CEST

Ich unterrichte im Brennpunkt: Es ist ganz anders, als alle denken

Derjenige, der schlägt, ist meist das größte Opfer.

Florian Gaertner via Getty Images

Ich bin Grundschullehrerin in einem Brennpunktviertel in Hamburg. In diesem Teil der Hansestadt leben viele Kinder, die aufgrund ihres familiären Hintergrunds kaum Möglichkeiten haben, an Bildung zu kommen.

Den Eltern fehlt es oft an Zeit oder Interesse, ihren Kindern die pädagogische Aufmerksamkeit zu geben, die sie brauchen.

Gegenüber Brennpunktschulen gibt es viele Vorurteile.

Ja, 80 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund. Ich zum Beispiel unterrichte eine Klasse mit vielen polnischen, türkischen und arabischen Kindern.

Und ja, einige von ihnen neigen zu Gewalt. Allerdings ist das die überwältigende Minderheit.

► Von 30 Schülern schlagen vielleicht zwei regelmäßig zu.

In der Regel trifft die Gewalt denjenigen, der gerade in der Nähe ist. Dass ein Schüler das Klassenzimmer durchquert, um gezielt einen bestimmten Klassenkameraden zu schlagen, kommt eher selten vor.

Es stimmt nicht, dass an deutschen Grundschulen religiöse Kriege ausgetragen werden

Die Gründe für Gewalt in der Schule sind vielfältig. Oft ist es der Platzmangel, der die Kinder in die Gewalt treibt. Sei es in der Schule, in den engen Klassenzimmern, oder zuhause, wo sich die Kinder teilweise mit mehreren Geschwistern ein Zimmer teilen müssen.

In anderen Fällen spielt es eine Rolle, dass die Kinder selbst Gewalterfahrungen gemacht haben. Etwa weil ihre Familie aus einem Kriegsgebiet geflohen ist, oder sie zuhause geschlagen werden.

Dass an deutschen Grundschulen religiöse Kriege ausgetragen werden, kann ich basierend auf meinen Alltagserfahrungen nicht bestätigen.

Und ich halte das auch für absurd.

Natürlich gibt es auch an unserer Schule Mobbing, aber es ist kein rassistisch oder religiös motiviertes Mobbing. Im Gegenteil: Als Religionslehrerin beobachte ich immer wieder, dass meine Schüler ein großes Interesse an anderen Kulturen und Religionen haben.

► Das Krasseste, was ich in dieser Hinsicht erlebt habe, war ein Erstklässler, der sagte: “Wenn du nicht an Allah glaubst, liegst du falsch.”

Daraufhin habe ich mit dem Jungen gesprochen. Ich hatte den Eindruck, dass er wusste, dass sein Verhalten falsch war und sich geschämt hat.

Anschließend habe ich seine Eltern über den Vorfall informiert. Sie waren total entsetzt und betonten, dass das nicht ihre Einstellung sei und dass selbstverständlich jede Religion den gleichen Respekt verdiene.

In meinem Klassenzimmer gilt: Jeder Streit endet mit einer Entschuldigung

Wir nehmen Streit sehr ernst. Wenn ein Schüler negativ auffällt, muss sein Lehrer das protokollieren. Und: Schon beim ersten Auffallen werden Maßnahmen ergriffen. Manchmal genügt ein Anruf bei den Eltern, manchmal wird er aber auch bestraft.

Dieses System kostet uns viel Zeit und Mühe, aber es zeigt Wirkung: Die meisten meiner Schüler – die inzwischen die dritte Klasse besuchen – können Streits ohne die Hilfe einer Lehrkraft beilegen. 

Mehr zum Thema: Wie eine Schule in Berlin eines der größten Bildungsprobleme lösen will

Es ist wichtig, in diesen Punkten Haltung zu zeigen. Zu diesem Zweck hängen in meinem Klassenzimmer auch Plakate, die den Kindern vor Augen führen, wie sie sich im Streit zu verhalten haben: nachdenken, aufeinander zugehen, entschuldigen.

Die Kinder wissen also: Egal, wie lange es dauert, bis der Streit beendet ist, es wird immer mit einer Entschuldigung enden.

Wichtig ist mir aber auch, dass akzeptiert wird, wenn Kinder länger in der Wut verharren und es erst zeitversetzt zum Nachdenken und zur Entschuldigung kommen kann.

Ich verurteile kein Kind, das haut

Ich denke, es hilft auch, dass ich seit drei Jahren dieselbe Klasse begleite. Dadurch lernt man die Kinder besser kennen und einschätzen. Man weiß eher, was in ihnen vorgeht und welche Probleme sie mit sich herumtragen.

Deshalb verurteile ich auch kein Kind, das haut. Egal, wie oft es vorkommt. Stattdessen frage ich: “Wie geht’s dir eigentlich gerade?” Erst vor einigen Tagen brach ein Junge daraufhin in Tränen aus. Er stand total unter Spannung und war überfordert. Nur deshalb schlug er zu.

Dass wir auf die Kinder zugehen, wenn sie hauen, zeigt ihnen, dass wir sie und ihre Probleme sehen. Dass wir das Beste aus ihnen herausholen wollen.

Gewalt entsteht immer da, wo Menschen sich nicht gesehen, nicht ernst genommen fühlen. Derjenige, der schlägt, ist meist das größte Opfer.

Das Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet.

(mf)