ELTERN
21/04/2018 19:51 CEST | Aktualisiert 23/04/2018 10:44 CEST

Deutschland: Hunderte Frauen erfahren jährlich Gewalt bei der Geburt

"Ich schrie und heulte, und sie schrie auch: ‘Hör jetzt auf mit deinem Theater!’"

Im Video oben: so lange hat ein Mann die Schmerzen der Geburt ausgehalten

“Ich konnte kaum noch auf den Beinen stehen und kam mir vor wie in einem Horrorstreifen. [...] Meine Hebamme sagte dann, wir müssten jetzt endlich mal voranmachen, und kündigte erneut eine vaginale Untersuchung an, die etwas wehtun könne.

Sie fuhr mit den Fingern in mich rein, und ein stechender Schmerz fuhr mir vom Unterleib bis hoch in den Kopf. Ich schrie und heulte, und sie schrie auch: ‘Hör jetzt auf mit deinem Theater!’ Sie hat mir den Muttermund mit den Fingern geöffnet, ohne Betäubung …”

Tränen, Schmerzen, Angst – so erlebte Nina, eine Mutter aus dem Saarland, die Geburt ihrer Tochter Verena. Von ihren Ärzten und Hebammen erfuhr sie physische und verbale Gewalt.

Die Folge: “Eine schleichende Depression, voll mit Selbstvorwürfen und körperlichen Beschwerden wie Neurodermitis und Verdauungsproblemen. Nach einem Dreivierteljahr war ich so weit, dass ich mich selbst in die Klinik einwies, wo ich stationär eine Therapie machte.”

Ihre Erfahrungen schildert sie im Buch “Gewalt unter der Geburt” von Christina Mundlos.

Doch Nina ist nicht die einzige Mutter, die das erleben musste.

Ein Drittel aller Mütter könnte betroffen sein

► “Es gibt internationale Studien, die zeigen, dass ungefähr ein Drittel der Mütter Gewalterfahrungen bei der Geburt gemacht haben. Das geht von sehr negativen Geburtserlebnissen bis hin zu starken Traumatisierungen”, sagt  Katharina Hartmann der HuffPost.

Hartmann ist die Initiatorin und Frontfrau von “Roses Revolution” in Deutschland, einer Initiative für eine gerechte Geburtshilfe. Außerdem kämpft Hartmann dafür, das Thema mehr in die Öffentlichkeit zu tragen – denn: Kaum jemand kennt die Problematik.

► Allein im vergangenen Jahr haben betroffene Frauen der Stiftung 174 verschiedene klinische Geburtshilfestationen in Deutschland genannt, wo Frauen bei der Geburt ihres Kindes Gewalt ausgesetzt waren. 

Diese Erfahrung musste auch Stefanie aus Sachsen machen. Bei der Geburt ihres Sohnes war sie 28 Jahre alt.

“Da war nur noch Leid und Verzweiflung”

Als ein Arzt ohne Vorwarnung bei ihr den Kristeller-Handgriff anwandte, bei dem Druck auf den oberen Teil der Gebärmutter ausgeübt wird, um den Geburtsvorgang zu beschleunigen, wurde die Wirbelsäule ihres Sohnes beeinträchtigt.

Die Geburt beschreibt sie so:

“Ich hatte große Angst. Das wurde nicht besser, als ich mitbekam, wie der eifrige Assistenzarzt zum Dammschnitt ansetzte. Mein Baby war noch nicht mal durchs Becken gerutscht! Was sollte das?!

Mein Mann erkannte glücklicherweise diesen Irrsinn und hielt den Arzt mit einer strengen Ansage zurück. Ich verlor den Bezug zu meinem Baby und wusste zwischendurch nicht mehr, warum ich dort war. Da war nur noch Leid und Verzweiflung.

Es hätte mir bestimmt geholfen, wenn mich eine der Hebammen mal daran erinnert hätte, dass ich gerade mein Baby bekomme. Das war leider nicht der Fall. [...]

Da ich als Erstgebärende die Zeit aller Anwesenden schon genug eingenommen hatte, beschloss der schon erwähnte Assistenzarzt, mir schwungvoll auf den Bauch zu springen und mein Kind gewaltsam aus mir herauszudrücken (‘Kristeller-Handgriff’).”

Die Umstände einer Geburt frei zu wählen, ist ein Menschenrecht

Laut der Initiative “Gerechte Geburt” zählt dieser unter Geburtshelfern sehr umstrittene Handgriff genauso wie das Festhalten oder Fixieren der Frau, grobe Behandlung, Kaiser- oder Dammschnitt ohne Einwilligung und dem Zwang, unter Wehen still zu liegen, zu körperlicher Gewaltanwendung.

► Und alle diese Dinge würden laut Hartmann viele Frauen während der Geburt erleben. Dabei sei es ein grundlegendes Menschenrecht, die Umstände, in denen eine Frau ihr Kind zur Welt bringt, frei zu wählen.  

Warum werdende Mütter trotzdem so oft Gewalt erfahren, hat mehrere Gründe, erklärt die Expertin:

“Den Frauen wird zum Teil die Zurechnungsfähigkeit während der Geburt abgesprochen”, kritisiert Hartmann. “Zu viele Geburtsmediziner, Hebammen und auch Kinderärzte denken, dass sie es in dem Moment besser wissen als die Gebärende. Sie erkennen nicht an, dass die Frau die Expertin über ihren Körper ist.”

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Geburtshelfer und Ärzte informieren die Frauen teilweise gar nicht darüber, was sie machen, bemängelt sie. “Sie hören ihnen nicht zu. Oder gehen über die Wünsche der Frauen hinweg – schlicht, weil sie ihren Routinen folgen. Nach dem Motto: die dumme Gebärende.”

Oft betreut eine Hebamme vier Gebärende gleichzeitig

Ein weiterer Grund dafür ist der Personalmangel, wie die Initiative “Gerechte Geburt” angibt. Schließlich bieten mittlerweile 70 bis 80 Prozent aller Hebammen in Deutschland keine Geburtshilfe mehr an. 

So betreut eine der wenigen Hebammen, die noch bei einer Geburt dabei sind, oft vier Gebärende gleichzeitigwie die Initiative angibt. Die Folgen: Eine Geburt könne nicht mehr gut betreut werden, die Kommunikation fehle und die Aufklärung falle stark verkürzt aus oder finde gar nicht statt.

Geburtshelfer sehen sich in einer Zwickmühle gefangen

Doch auch die Leitlinien der Geburtshilfe, Notfälle und Extremsituationen seien der Grund dafür, dass Frauen Gewalterfahrungen machen.

Hartmann sagt: “Wir haben Geburts-Leitlinien, die nicht evidenzbasiert sind – auch wenn neue, evidenzbasierte Leitlinien gerade ausgearbeitet werden.” Das heißt, dass bestimmte Maßnahmen und Untersuchungen gemacht werden müssen – egal ob sie notwendig sind oder nicht. 

“Bestimmte Untersuchungen sind in den geltenden Richtlinien vorgesehen. Zum Beispiel vaginale Untersuchungen, die alle zwei Stunden durchgeführt werden sollen”, sagt Hartmann.

► Wenn Mütter diese nicht wollen, müssten Ärzte und Hebammen müssen Ärte diese Untersuchungen trotzdem durchführen, weil das in der Leitlinie steht.

► Problematisch wird es für Ärzte in Notsituationen: Wenn eine Maßnahme ergriffen werden muss, die Gebärende sich jedoch weigert. Das Risiko, dass die Frau ein Trauma davon trägt, ist hoch, wenn sie gegen ihren Willen dazu gezwungen wird – andererseits ist die körperliche Gesundheit von Mutter und Kind gefährdet, wenn die Maßnahme nicht durchgeführt wird.

In diesen Momenten werden auch sanfte Geburtshelfer zu Gewaltanwendern.

“Gewalt ist manchmal ein Teil einer Geburt”

“Die Geburt ist ein gewaltiges Ereignis”, sagt Dr. Wolf Lütje, Chefarzt der Frauenklinik Amalie-Sieveking in Hamburg der HuffPost. “Im Wort ist es schon ersichtlich: Gewalt ist manchmal ein Teil einer Geburt.”

Vor allem dann, wenn es um Leben und Tod geht.

Dazu kommt, dass es schwierig ist, Gewalt zu definieren und einzuschätzen. “Das ist etwas sehr subjektives”, erklärt Lütje.

“Auch ich, als einer der zurückhaltendsten Geburtshelfer Deutschlands, musste schon einmal Gewalt anwenden – kurzerhand einen Dammschnitt ausführen, eine Saugglocke verwenden”, gibt der Chefarzt zu.

“In diesen Situationen ging es eben einfach um das Kind. Es wurde vielleicht als Gewalt wahrgenommen, aber in dem Moment war es einfach notwendig.”

Drei Voraussetzungen garantieren eine traumafreie Geburt

Lütje weiß, dass solche Situationen nicht einfach sind. Deshalb versucht er, bei seinen Patientinnen vorzubeugen.

In unserer Klinik versuchen wir, im Vorfeld möglichst viel über die Frau zu erfahren, um ihre Ängste und ihre Persönlichkeit einschätzen zu können. Nach der Geburt bieten wir an, alles noch einmal durchzusprechen – mit Ärzten und Psychotherapeuten”, erzählt der Chefarzt.

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Für ihn sind es vor allem drei Voraussetzungen, die eine Geburt frei von Traumata garantierten:

► Erstens, müsse die Frau fähig sein, die Kontrolle an ihre Geburtshelfer abzugeben.

► Zweitens müsse die werdende Mutter in der Betreuung und Beratung Kontinuität erfahren.

► Und drittens müsse sie an allen Entscheidungen beteiligt werden.

Der Chefarzt ist sich sicher: “Wenn diese drei Voraussetzungen gegeben sind, dann fühlt sich eine Frau immer gut begleitet.”

Hartmann von “Roses Revolution” ergänzt: “Um die Gewalterfahrungen während der Geburt zu reduzieren, müssen die Frauen ernst genommen werden. Geburtshelfer müssen traumasensibel ausgebildet werden – und dann alle Frauen so behandeln.”

Die Erfahrungsberichte der Mütter Nina und Stefanie sind Auszüge aus dem Buch “Gewalt unter der Geburt” von Christina Mundlos.

Tectum Verlag

(ll)