GOOD
31/01/2019 14:31 CET | Aktualisiert 31/01/2019 14:31 CET

Gesundheit: Wie Kot fressende Würmer Tausenden Menschen das Leben retten könnten

Weltweit müssen unzählige Menschen sterben, weil es ihnen an etwas mangelt, das in Industrieländern für selbstverständlich erachtet wird.

Jayanta Shaw / Reuters

Man nehme eine Schale voller hungriger, sich kringelnder Würmer und füttere sie ausschließlich mit Fäkalien, die man aus Toiletten zusammengesammelt hat. Sobald die Würmer dann alles verdaut haben, kann man säckeweise Wurmkot einsammeln, um damit sein Essen anzubauen.

Diese Vorstellung klingt nicht gerade appetitlich. Doch andererseits ist es auch nicht besonders angenehm, sich hinter einem Busch verstecken oder sich in einen Straßengraben kauern zu müssen, um sein tägliches Geschäft verrichten zu können. Denn obwohl es das Jahr 2019 ist, müssen noch immer Millionen Erwachsene und Kinder jeden Tag ihr Geschäft in der Öffentlichkeit verrichten. Viele von ihnen haben nicht einmal Zugang zu Abwassersystemen.

Das Start-up Tiger Toilets hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Lösung für diese demütigende Situation zu finden. Dafür hat das Unternehmen die verrückte Idee mit den Würmern entwickelt.

Das Design der Toiletten, die ungefähr 350 US-Dollar (umgerechnet rund 306 Euro) pro Stück kosten, ist nicht sonderlich kompliziert. Wie bei den meisten mobilen Toiletten funktioniert auch die Erfindung von Tiger Toilets mit einem septischen Tanksystem, sprich einer Klärgrube.

Die Würmer leben in den Tiger Toilets

Nach der Benutzung kann man ganz normal die Klospülung betätigen. Doch anstatt den Abfall komplett in den darunterliegenden Tank zu spülen, werden auf einer durchlässigen Ebene über dem Tank die festen Bestandteile aufgefangen.

Auf dieser Schicht befinden sich auch die Würmer. Die gliederlosen, wirbellosen Tiere sind eine Unterart des Kompostwurms, der offiziell unter dem Namen Eisenia fetida bekannt ist und weniger formell auch als Tigerwurm bezeichnet wird.

Diese Wurmart findet man in Indien sehr häufig. Und dort ist auch der Sitz von Tiger Toilets. In Indien haben momentan mehr als 700 Millionen Menschen keinen Zugang zu einfachen Sanitäranlagen – das sind mehr als doppelt so viele Menschen wie die komplette amerikanische Bevölkerung. Angesichts dieser Tatsache hofft das Unternehmen, viele Kunden zu finden.

HuffPost
Ein Tiger-Toilet-Fermenter, voll mit Würmern und etwas Kompost, ist bereit, installiert und mit einer Toilette verbunden zu werden.

In den Industrieländern müssen sich die wenigsten Menschen einen privaten Ort suchen, an dem sie ihr Geschäft erledigen können. Wenn man jedoch in einem Slum oder in einer ländlichen Gegend in einem armen Land lebt, schaut die Sache schon ganz anders aus. Zum Glück versuchen nun einige der genialsten Erfinder der Welt, eine Lösung für dieses Problem zu finden, das von Politikexperten als “offene Defäkation” bezeichnet wird.

Vor allem Frauen und Kinder sollen profitieren

Von den Ideen der Erfinder werden vor allem Frauen und Kinder profitieren. Denn wenn Frauen sich draußen erleichtern müssen, ist die Gefahr sehr groß, dass sie belästigt oder sogar missbraucht werden. Erst vor ein paar Monaten ist eine Jugendliche aus einem Dorf im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu ums Leben gekommen, weil sie beim Gang auf die Toilette Opfer eines grausamen sexuellen Übergriffs geworden ist.

Außerdem sterben Schätzungen zufolge täglich 2.195 Kinder unter 5 Jahren an Durchfall. Dies passiert vor allem in Gebieten, in denen die Menschen keinen Zugang zu hygienischen Toiletten haben.

Zu den bahnbrechendsten Lösungen, die momentan entwickelt werden, um diese enorme Lücke schließen zu können, zählt unter anderem auch die Nanomembran-Toilette, die derzeit von der Cranfield University in Großbritannien entwickelt wird.

Die Toilette funktioniert komplett ohne Elektrizität oder Wasser – zwei Ressourcen, die den ärmsten Menschen in Entwicklungsländern oft nicht zur Verfügung stehen. Anstatt mit Wasser herunterzuspülen, rotiert die Toilettenschüssel, damit der Abfall in einen darunterliegenden Behälter fallen kann. Ein Kratzermechanismus sorgt dafür, dass nichts zurückbleibt.

Sobald der Abfall sich in dem Behälter befindet, kommt die Wissenschaft ins Spiel. Die Flüssigkeit (die größtenteils aus Urin besteht) wird mithilfe von dünnen, hohlen Fasern, die auch als Nanofasern bekannt sind, herausgefiltert.

Der daraus entstehende Wasserdampf wird dann durch eine Membranwand geleitet, die alle Schädlinge und Krankheitserreger aus dem Wasser herausfiltert. Sobald der Dampf wieder zu Wasser kondensiert ist, kann man es zur Bewässerung oder zum Waschen verwenden. Und obwohl das unglaublich erscheinen mag, könnte man das Wasser sogar trinken.

Toiletten, die Strom erzeugen

Die festen Bestandteile der Ausscheidungen werden mithilfe einer mechanischen Schraube in eine separate Aufnahmekammer geleitet. Dort werden sie getrocknet und anschließend in eine Brennkammer weitergeleitet, in der sie zu Asche und Energie umgewandelt werden.

Während die Asche weggeworfen wird, hilft die Energie beim Antrieb des Membranenprozesses. Die Energie, die danach noch übrig bleibt, kann zum Aufladen von Mobiltelefonen oder anderen Niedrigstromgeräten verwendet werden.

Das Design der Nanonmembranen-Toilette und der Tiger Toilets befindet sich jeweils noch in der Pilotphase. Was die beiden Erfindungen jedoch gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie von einem der reichsten Männer der Welt unterstützt werden. Seit 2011 hat der Microsoft-Gründer Bill Gates mehr als 200 Millionen US-Dollar an Fördergeldern bereitgestellt, um eine günstige und technisch einfache Toilette entwickeln zu lassen, die von Menschen genutzt werden kann, die weder sanitäre Anlagen noch Elektrizität zur Verfügung haben.

Als Bill Gates vergangenen November beim Weltgipfel zum Thema Toiletten in China auftrat, berichtete er, dass jedes Jahr fast 500.000 Kinder unter 5 Jahren aufgrund von unsicheren sanitären Anlagen ums Leben kämen. Außerdem würden deshalb Schätzungen zufolge jedes Jahr Kosten in Höhe von 223 Milliarden US-Dollar durch Gesundheitskosten, verlorene Produktivität und Gehälter entstehen. Dies würde für die Länder, die es sich am wenigsten leisten könnten, eine enorme wirtschaftliche Belastung darstellen, so Gates.

ASSOCIATED PRESS
Bill Gates steht neben einem Glas Fäkalien, als er im November 2018 auf der Reinvented Toilet Expo in China vor den Delegierten spricht.

Gates ist überzeugt davon, dass sich aus Fäkalien Gewinn machen ließe. Er geht davon aus, dass das Geschäft mit günstigen Toiletten sich bis zum Jahr 2030 zu einem Markt von 6 Milliarden US-Dollar pro Jahr entwickeln könnte.

Der Milliardär Gates hielt ein Glasgefäß mit schlammfarbenen Fäkalien hoch und erklärte den Delegierten des Gipfels, dass man keine Zeit verlieren dürfe. “Das Problem wird immer schlimmer, wenn wir nichts dagegen unternehmen”, sagte Gates und wies darauf hin, dass in den kommenden Jahrzehnten mit einem rasanten Bevölkerungswachstum, zunehmender Urbanisierung und Wasserknappheit zu rechnen sei.

Bei der Lösung der Herausforderung, Toiletten neu zu erfinden, wie Gates es nennt, geht es jedoch nicht nur um intelligentes Design. Sheila Kibuthu, eine Sprecherin des Sozialunternehmens Sanergy, das sich auf Sanitäreinrichtungen spezialisiert hat, sagte, dass mangelhafte sanitäre Einrichtungen letzten Endes ein “systembasiertes Problem” seien. Es würden sich die Fragen stellen, wie man diese Toiletten finanzieren, wie man sie instand halten und wie den Abfall entsorgen solle.

HuffPost
Einer der Franchisenehmer von Sanergy, bekannt als Fresh Life Operators, befindet sich im Stadtteil Mukuru kwa Njenga im Osten Nairobis, Kenia.

Sanergy ist momentan in elf Vierteln der kenianischen Hauptstadt Nairobi tätig. Die Firma arbeitet mit lokalen Unternehmern zusammen, die die fertigen Gemeinschaftstoiletten installieren und dann von den Benutzern eine Gebühr erhalten. Als weitere Einnahmequelle wird das Nebenprodukt der Toiletten – die Fäkalien – eingesammelt und als Dünger verkauft.

Fäkalien als Dünger und Einnahmequelle

Es sei enorm wichtig, dass die Toiletten erschwinglich seien, sagte Kibuthu. Eine Gemeinschaftstoilette von Sanergy aufzustellen kostet ungefähr 350 US-Dollar (umgerechnet rund 306 Euro). Das ist sehr viel weniger als bei konventionellen Gemeinschaftstoiletten, die bis zu 25.000 US-Dollar kosten können.

Dass die Bürger dieser armen Gegenden wie Kunden und nicht wie Sozialfälle behandelt werden, trage außerdem zum Erfolg von Sanergy bei, sagte Kibuthu. Dies würde beispielsweise bedeuten, dass man auch in Betracht ziehe, “welche Lösungen ihnen selbst am liebsten sind.”

Diese Meinung teilt auch Andrew Foote. Er ist der Gründer von Sanivation, einem anderen Unternehmen mit Sitz in Kenia. Sanivation erzielt seine Umsätze durch das Einsammeln von Fäkalien. Das Unternehmen verwendet seine eigene, patentierte solarthermische Technologie, um die übrig gebliebenen Fäkalien in kohleähnliche Briketts zu verwandeln, die zum Kochen und zur Beheizung von Häusern verwendet werden können. 

Der Erfolg von Sanivation ist ein Vorgeschmack auf die mehrere Milliarden schwere Industrie, die Gates vorausgesagt hat. Momentan betreibt das Unternehmen drei Abfallaufbereitungsanlagen und versorgt mehr als 20.000 Menschen mit seinen Dienstleistungen. Dadurch kann es mehr als 80 Mitarbeiter in Kenia in Vollzeit beschäftigen.

Wir müssen mehr über Fäkalien sprechen 

Ungereinigte menschliche Hinterlassenschaften würden die Umwelt verschmutzen und außerdem die Ausbreitung von Krankheiten fördern, sagt Kelly Ann Naylor, UNICEFs stellvertretende Direktorin für Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene. Kinder seien dabei besonders gefährdet.

Gesundheitsorganisationen und Hilfsorganisationen auf der ganzen Welt würden sich zwar bereits mit diesem Problem beschäftigen, doch Naylor fügte hinzu: “Es müssen noch mehr und andere Schritte unternommen werden – es müssen unbedingt innovative Lösungen gefunden werden, um dieses uralte Problem endlich beseitigen zu können.”

Je mehr Menschen sich dem Vorbild von Bill Gates anschließen und über das eklige Geschäft mit Defäkation sprechen, desto schneller werde man eine effektive Lösung für dieses globale Problem finden, glaubt Foote.

“Wenn menschliche Fäkalien einen Wert bekommen, statt weiterhin ein Thema zu bleiben, über das niemand spricht, kann man den Bereich besser professionalisieren und ihn damit aus seinem Schattendasein herausholen”, erklärte Foote.

Dieser Artikel ist ursprünglich in der HuffPost US erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)