POLITIK
15/01/2018 21:49 CET | Aktualisiert 15/01/2018 22:30 CET

Warum besonders Geringverdiener von den GroKo-Plänen profitieren

Ein Experte rechnet vor.

Sean Gallup via Getty Images
  • Geringverdiener würden finanziell besonders von den GroKo-Plänen profitieren

  • Das zeigen der HuffPost vorliegende Berechnungen eines Finanzexperten

Geringverdiener würden zu den großen Gewinnern einer möglichen Großen Koalition zählen.

Die HuffPost hatte bereits berichtet, dass neben weiten Teilen der Mittelschicht die arbeitende Unterschicht zu den Haupt-Profiteuren einer möglichen Wiederauflage eines Bündnisses aus Union und SPD gehören würde – vor allem, weil die Sozialdemokraten spürbare Entlastungen für einfach Arbeitnehmer bei der Sondierung durchgesetzt haben. 

Ein Überblick:

► Geringverdiener oder Menschen, die wegen der Erziehung ihrer Kinder weniger arbeiten konnten, könnten beispielsweise von der geplanten Mindestrente profitieren – sie würden im Alter dann mehr Geld bekommen als etwa ein Hartz-4-Empfänger, der nie gearbeitet hat.

► Auch von anderen von den Genossen durchgeboxten Maßnahmen wie etwa den geplanten Milliardensummen für den Wohnungsbau oder der angedachten deutlichen Bafög-Erhöhung würden Familien einfacher Arbeitnehmer besonders profitieren.

► Und eine durchaus beachtliche Senkung der Sozialabgaben soll auch Niedriglöhner spürbar entlasten.

► Bei den Beitragszahlungen an die gesetzlichen Krankenkassen soll es eine Rückkehr zur Parität geben.

Das heißt, künftig werden Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder den gleichen Anteil für die Gesundheitsversorgung entrichten – da kommt einiges zusammen. 

► Zudem soll der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um 0,3 Prozentpunkte abgesenkt werden.

► Geringverdiener in Teilzeit sollen gezielt auch durch eine Reform der Midi-Jobs, bei denen die Arbeitnehmer weniger Sozialversicherung zahlen müssen, besonders entlastet werden. Die Grenze bei den Midi-Jobs soll von 850 Euro auf 1300 Euro erhöht werden.

Finanzexperte: “Geringverdiener werden entlastet”

„Die vorgeschlagenen Senkungen der Sozialabgaben sind ein geeigneter Weg, um Geringverdiener zu entlasten“, sagt Finanzwissenschaftlers Frank Hechtner an der TU Kaiserslautern, der HuffPost.

Schließlich zahlten diese wegen bestehender Freibeträge oft kaum oder nur geringe Summen an Einkommenssteuern.

Wie groß die potenziellen Ersparnisse für den Einzelnen sind, zeigen Berechnungen Hechtners, die der HuffPost vorliegen, und über die das „Handelsblatt“ zuerst berichtet hatte.

So viel sparen Arbeitnehmer:

► Demnach kann ein kinderloser Alleinstehender mit 850 Euro monatlichem Verdienst allein durch die Änderungen in der Sozialversicherung im Jahr mit 339 Euro mehr rechnen.

► Wer 2500 Euro brutto bekommt, darf sich den Berechnungen zufolge über rund 200 Euro mehr freuen, bei 2000 Euro Einkommen beläuft sich das Plus auf 175 Euro. 

► Im Einzelfall können die Entlastungen übrigens noch spürbar höher ausfallen. Der TU-Professor hatte für seine Berechnungen den durchschnittlichen Satz bei der Krankenkasse von 15,6 Prozent genommen.

Doch gerade Geringverdiener oder die untere Mittelschicht sind oft nicht bei günstigen Betriebskassen, sondern bei den Großen wie der DAK (16,1 Prozent) versichert – bei letzterer würde mancher Versicherte, wenn die Pläne realisiert werden, dank der SPD schnell noch einmal einen ordentlich Eurobetrag einsparen.

Auch die Mittelschicht würde profitieren

► Natürlich würde auch die Mittelschicht profitieren: 312 Euro würde die Entlastung durch die Senkung der Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung bei einem Brutto-Gehalt von 4000 Euro und einer durchschnittlich teuren Krankenkasse bringen.

Erst wer 4 350 Euro im Monat verdient, hat mit 339 Euro eine so hohe Ersparnis wie derjenige mit 850 Euro Gehalt. 

► Auch Gut- und Topverdiener können sich natürlich über mehr Geld freuen. Wer ein Einkommen von 6 500 Euro im Monat hat, spart 383 Euro im Jahr an Sozialabgaben. Doch hätte sich die Union mit ihren Steuersenkungs-Forderungen durchgesetzt, hätten diese Gruppen weit mehr profitiert. 

Und unter einer Jamaika-Koalition hätte die FDP zudem wohl eine komplette Abschaffung des Solis durchgesetzt – profitiert hätten vor allem Top-Verdiener.

Normalbürger hätten den Preis dafür in Form von Schulden oder weniger Investitionen in die Infrastruktur bezahlt. Doch den Plänen von Union und SPD zufolge sollen die zehn Prozent Topverdiener auch in Zukunft noch den Soli zahlen, während er für die übrigen 90 Prozent in der laufenden Wahlperiode abgeschafft werden soll.

► Sollten die Sondierungsergebnisse tatsächlich von einer künftigen Bundesregierung ungesetzt werden, profitieren die Unter- und Mittelschicht also besonders – zumindest, wenn sie angestellte Arbeitnehmer sind.

Bereits die letzte GroKo hatte vielen Geringverdienern zu einem Einkommensplus verholfen. Der Mindestlohn hatte wesentlichen Anteil daran, dass der Trend von zuvor Jahre lang massiv gesunkenen Gehältern für die untere Hälfte der Gesellschaft endlich durchbrochen wurde.

Gewerkschaften bemängeln soziale Ungerechtigkeit

Seit Jahren bemängeln nicht nur Gewerkschaften oder Linke die zunehmende soziale Ungleichheit in Deutschland.

Sogar wirtschaftsfreundliche internationale Organisationen wie die OECD fordern schon lange Entlastungen bei den Sozialabgaben für Geringverdiener - und das nicht nur der sozialen Gerechtigkeit zuliebe. Wenn ärmere Bevölkerungsgruppen mehr Geld zur Verfügung haben, geben sie dieses zumeist auch wieder aus - was die Wirtschaft stärkt.

Zudem fürchten Wirtschaftsforscher, dass zu große soziale Ungleichheit, den Fleiß von weiten Teilen der Bevölkerung hemmen könnte. Denn so mancher sozial Abgehängte hatte zuletzt das Gefühl, er könne ackern wie er wolle – am Ende würden es seine Kinder ohnehin nicht besser haben als er.