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26/11/2018 11:32 CET | Aktualisiert 26/11/2018 11:32 CET

Warum Arbeitgeber jetzt um Baby Boomer werben

Einschränkungen in körperlichen Dimensionen lassen sich vielfach durch Erfahrung, Routinen, Wissen und die effektive Nutzung der vorhandenen Ressourcen kompensieren.

MangoStar_Studio via Getty Images

In den vergangenen Jahren wurde derart viel über die Generation Y (Geburtsjahrgänge ca. 1981-1995) und dann über die Generation Z (Geburtsjahrgänge ca. 1996-2010) geschrieben, dass Arbeitgeber und Führungskräfte mit den Wünschen und Erwartungen der jüngeren Arbeitnehmergenerationen vertraut sein sollten.

Im Wettbewerb um den knappen Nachwuchs aus den Augen geraten ist vielfach die etablierte Generation der Baby Boomer (Geburtsjahrgänge ca. 1956-1965). Mit typischerweise langjährigen Betriebszugehörigkeiten bildet sie unverändert das Rückgrat der deutschen Erwerbsbevölkerung.

Dies dürfte sich schon bald ändern. Denn die geburtenstarken Jahrgänge werden in der kommenden Dekade in ihren letzten Teil der Erwerbsphase treten und dann in den verdienten Ruhestand gehen.

Zahl der älteren Beschäftigten gestiegen

Dem Golden Age Index von PWC zufolge ist die Anzahl der älteren Beschäftigten in Deutschland seit 2003 bereits um rund 30 Prozent-Punkte gestiegen. Gut 80 Prozent der Baby Boomer gehen einer Erwerbstätigkeit nach. Unternehmen sind daher gut beraten, sich schon jetzt Strategien für den Umgang mit dem überproportional gewachsenen Anteil älterer Beschäftigter zu entwickeln.

Ausgedient haben Programme der Frühverrentung, die früher genutzt wurden, um im Zuge von Rationalisierungen die Belegschaft möglichst „sozialverträglich“ zu reduzieren. Da diese Arbeitnehmergruppe rund ein Drittel der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland ausmacht, dürften sich mit ihrem Betriebsaustritt die in einigen Branchen bereits spürbaren Fachkräfteengpässe verschärfen.

Wirtschaft und öffentliche Institutionen können weder auf das Arbeitspotenzial noch auf Qualifikationen und Wissen der Baby Boomer verzichten und sind darauf angewiesen, die älteren Kolleginnen und Kollegen so lange wie möglich zu halten.

Beratungs- und Projektaufgaben nach Renteneintritt

Unternehmen, wie etwa Bosch oder Deutsche Bahn, haben bereits Senior-Experten-Modell etabliert, die es ihnen erlauben, das Fachwissen ihrer Beschäftigten auch jenseits des Renteneintrittsalters zeitlich befristet für Beratungs- und Projektaufgaben zu nutzen.

Verbunden mit einer wachsenden älteren Belegschaft sind neue Herausforderungen. Da sich im Zuge der Digitalisierung die Anforderungen an Arbeitnehmer mit hoher Dynamik ändern, sind Unternehmen gezwungen, deutlich mehr in ältere Beschäftigte zu investieren und Weiterbildung – auch in alter(n)sadäquaten Formaten – bis zum Ruhestand anzubieten, wenn sie von ihren nachhaltig profitieren wollen.

Zudem gilt es das vielerorts noch dominierende Defizitmodell des Alters durch eine kompetenzorientierte Perspektive und somit durch positive Bilder des Alters zu ersetzen. Meta-Studien zeigen einen nicht bedeutsamen oder allenthalben schwachen Zusammenhang zwischen Alter und aufgabenbezogenen Arbeitsleistungen in Bezug auf die Lebensarbeitszeit.

Arbeitsfähigkeit älterer Beschäftigter

Einschränkungen in körperlichen Dimensionen lassen sich vielfach durch Erfahrung, Routinen, Wissen und die effektive Nutzung der vorhandenen Ressourcen kompensieren. Nicht zuletzt wachsen mit dem Alter Selbstsicherheit, Ausgeglichenheit und Einsatzbereitschaft und Verantwortungsgefühl. Während Machterwerb und Aufstiegswille mit tendenziell abnehmen, werden Autonomie, Wertschätzung und Handlungsspielraum für ältere Beschäftigte bedeutsamer.

Studien des FIOH zeigen, dass gerade Führung und Zusammenarbeit maßgeblichen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit von älteren Beschäftigten haben. Dies umfasst eine vorurteilsfreie Haltung gegenüber dem Alter ebenso wie eine alter(n)sgerechte Organisation der Arbeitsabläufe.

Damit hängt es von den Rahmenbedingungen im Unternehmen ab, ob die Beschäftigten bis zum Ruhestand oder gar als Senior Experten darüber hinaus motiviert am Arbeitsplatz bleiben oder von der „Rente mit 63“ Gebrauch machen und vorzeitig das Arbeitsfeld verlassen.

Wichtig sind dabei aber nicht nur Gesundheitsmanagement und die Einrichtung der bereits seit längerem diskutierten alter(n)sgerechten Arbeitsplätze mit Unterstützung durch Assistenzsysteme, wie etwa Exoskelette zur Steigerung von Leistung und Kraft des Bewegungsapparats.

Eine zentrale Rolle spielen gerade auch Flexibilisierungsmöglichkeiten von Arbeitszeit und Ort, etwa zur Pflege und Betreuung von Familienangehörigen oder zur Verfolgung anderweitiger privater Interessen, sowie das Angebot von Entwicklungsoptionen und beruflichen Perspektiven.

Respekt zwischen älteren und jüngeren Beschäftigten

Im Kontext der Zusammenarbeit im Generationen-Mix gilt es, auf Wertschätzung von Alters- und Generationenunterschieden zu setzen und ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in denen sich alle Generationen, nicht nur die aktuell nachrückenden Beschäftigten, wohl fühlen und bereit sind ihren vollen Einsatz zu geben.

Um Respekt zwischen älteren und jüngeren Beschäftigten zu fördern hat Daimler beispielsweise die Initiative YES (Young and Experienced together Successful) ins Leben gerufen. Ein Element ist dabei die aktuell im Gasometer in Berlin zu sehende Ausstellung EY ALTER, die sich als Marktplatz der Ideen beim Demografiemanagement versteht und einen Beitrag zur differenzierten Betrachtung von Mitarbeitern jüngeren und höheren Alters leistet.

Auf Team-Ebene bedeutet es u.a., als Führungskraft Aufgaben so zu verteilen, dass die jeweiligen Kompetenzen der einzelnen Altersgruppen voll zum Tragen kommen, alle Teammitglieder „on the job“ Qualifizierung erfahren und Freude an der gemeinsamen Arbeit empfinden. Dies steigert das Mitarbeiterengagement nachhaltig und fördert die Bindung der Belegschaft.

Unternehmen, die im aktuellen „war for talent“ nicht allein um die jungen Nachwuchskräfte werben, sondern auch ihrer angestammten Belegschaft ebensolche Aufmerksamkeit und Wertschätzung zukommen lassen, sollten zu den Gewinnern im demografischen Wandel gehören.