LIFE
16/08/2018 12:54 CEST | Aktualisiert 16/08/2018 16:27 CEST

Generation Y und Z haben keine Lust mehr auf Karriere – schuld sind die Chefs

Generationenforscher Hurrelmann sagt: Chefs machen aktuell fatale Fehler.

vgajic via Getty Images
"Im Gegensatz zu den älteren Generationen sind die Generation Y und Z mit den digitalen Medien aufgewachsen", sagt der Experte – was den Generationen einen Vorteil verschaffe. 

“Es ist zum Verrücktwerden mit den jungen Menschen”, klagte die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” schon 2012 in einem Generation-Y-Verriss – und bezeichnete die Vertreter der Generation Y als “Generation Weichei”. Weil sie Freizeit und Familie über den Beruf stellen. Das belegen schließlich auch Studien.

Aus mindestens einer Studie zitieren zu können, soll ja dabei helfen, um seine Meinung über eine Generation verbreiten zu dürfen. Zum Beispiel aus der am Sonntag erschienenen Studie der Unternehmensberatung Ernst&Young. Die hat zum wiederholten Male deutsche Studenten befragt, um zu belegen, was ohnehin schon alle wissen: Der Generation Y und Z ist Familie und Freizeit wichtiger als ihr Beruf.

Zur Erinnerung: Zur Generation Y zählen diejenigen, die im Zeitraum der frühen 1980er bis frühen 2000er geboren wurden. Die Mitglieder der Generation Z kamen etwa 1995 bis 2010 zur Welt. 

Diese Generationen streben offenbar keine große Karriere an. Nur noch 41 Prozent der befragten rund 2.000 Studenten messen einer Karriere eine hohe Bedeutung bei. Vor nur zwei Jahren hatten immerhin noch 57 Prozent der Studenten Karriere-Ambitionen.

Jetzt werden es immer weniger. Die Gründe liegen scheinbar auf der Hand: Egoistische Selbstoptimierung bei gleichzeitigem Matcha-Latte-Lifestyle sind diesen jungen Leuten wichtiger als ein anspruchsvoller, fordernder Job.

Möglicherweise ist das tatsächlich so. Schuld daran ist aber nicht die angebliche Faulheit, falscher Optimismus und der Egoismus der neuen Generationen – schuld daran sind vor allem auch die Chefs. 

Das sagt Generationenforscher Klaus Hurrelmann. “Studien belegen: Es mangelt den jungen Studenten nicht an Interesse. Sie wollen arbeiten, sie sind motiviert”, erklärt er der HuffPost. Das Problem sei vielmehr, “dass die Unternehmen und Führungskräfte sich nicht modernisieren, um den wandelnden Bedürfnissen der Berufseinsteiger gerecht zu werden”.

Und das heißt nicht nur, frische Avocados in den Obstkorb zu integrieren und laktosefreie Milch bereitzustellen.

Die Unternehmen müssen sich ändern und anpassen 

Die Unternehmen sollten sich nicht nur über die Generationen wundern, sondern stattdessen auch sich selbst hinterfragen, kritisiert Hurrelmann. 

Motivierte Berufseinsteiger würden nicht optimal eingesetzt und gefördert werden, vor allem in einem Bereich: der Digitalisierung. 

Hurrelmann dazu: 

“Gerade in diesem Bereich könnten junge Menschen, die zumeist noch Berufseinsteiger sind, so viele Entwicklungen anschieben und sicher viele Ideen einbringen. Im Gegensatz zu den älteren Generationen sind die Generation Y und Z mit den digitalen Medien aufgewachsen. Sie kennen sich oft perfekt aus. Das nutzen die Unternehmen zu wenig. Stattdessen schieben sie Dinge, von denen sie selbst nicht die beste Ahnung haben, lieber vor sich her.” 

Und: “Das Verständnis von einer Führungskraft muss sich dringend modernisieren”, sagt Hurrelmann. “Ist es wirklich noch zeitgemäß, dass eine Führungskraft hierarchisch über den Mitarbeitern steht, auf alle Fälle mehr arbeiten muss, dafür aber oft nicht einmal bedeutend besser bezahlt wird?”

Mehr zum Thema: Deutsche leisten Milliarden Überstunden – und kriegen oft nichts dafür

Sinnvoller sei es seiner Meinung nach, Mitarbeiter in leitenden Positionen besser auszubilden, ihnen eine klare Funktion und klare Aufgaben zu vermitteln – und für mehr Leistung auch besser zu bezahlen. 

Denn Studien zeigen auch:Die Generationen Y und Z sind nicht mehr dazu bereit, sich ausnutzen zu lassen. Sie arbeiten, aber wollen dafür eine angemessene Vergütung – und trotzdem eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Bekommen sie diese in ihren Augen nicht, verzichten sie sogar lieber auf den Karrieresprung. 

Laut einer Umfrage des Firmennetzwerks PricewaterhouseCoopers erwarten mehr als zwei Drittel der Millenials, in den nächsten fünf Jahren ihren Job zu wechseln. 

Generationenforscher Hurrelmann: “Große Chance vertan”

Den Berufseinsteigern bei ihren Forderungen nicht entgegen zu kommen, sei falsch, sagt Hurrelmann. Gerade die, die neu in ein Unternehmen kommen, seien besonders wichtig. 

“Die Berufseinsteiger denken nicht in den eingefahrenen Strukturen des Unternehmens, sondern gegen den Strich”, erklärt er. “Darin steckt eine große Chance, dass gerade sie kreativ werden und die Zukunft des Unternehmens mitgestalten könnten.”

Vor allem Führungskräfte aus der Generation der Babyboomer, also der zwischen 1965 und 1980 Geborenen, sollten die Berufseinsteiger aus den Y- und Z-Generationen deshalb nicht unterschätzen. 

Am Ende gilt es vielleicht auch, sich zu fragen, ob es tatsächlich Faulheit und Egoismus ist, sich einem Karrieresprung zu verweigern, der dem Arbeitnehmer nicht mehr Zufriedenheit oder Lebensqualität, nicht einmal mehr Geld verspricht. 

Hurrelmann zumindest hat einen anderen Begriff dafür gefunden. 

“Die neuen Generationen haben etwas, das eigentlich sehr wertvoll ist und Unternehmen anerkennen sollten”, sagt er. “Ich nenne es: die Burn-Out-Sperre.”

(ll)