POLITIK
02/04/2018 22:54 CEST | Aktualisiert 02/04/2018 23:02 CEST

Generation Parkland

Teenager in den USA zeigen gerade, wie die junge Generation die Welt verändern kann

Jonathan Ernst / Reuters
Überlebende der Schießerei an der US-Highschool in Parkland, darunter Tyra Hemans (Mitte, links) and Emma Gonzalez (Mitte, rechts)

In den USA wird gerade eine neue Generation erwachsen.

Manch ein Erwachsener mag immer noch glauben, dass diese Jugendlichen „handysüchtig“ seien, unter sozialer Vereinsamung litten und überhaupt eine viel zu kurze Aufmerksamkeitsspanne hätten. Das könnte ein epochaler Irrtum werden.

Denn wie viel politische Veränderungskraft in diesen jungen Leuten steckt, zeigt sich derzeit in der Auseinandersetzung zwischen den Überlebenden des Parkland-Massakers in Florida und der Waffenlobby um die National Rifle Association (NRA).

Jahrzehntelang kämpften liberale Politiker im ganzen Land gegen die US-Waffenlobby an. Präsident Barack Obama brach im Januar 2016 bei der Vorstellung einer neuen Initiative zur Verschärfung des Waffenrechts sogar in Tränen aus.

Er ahnte, wie sinnlos sein Vorhaben sein würde.

Ken Cedeno via Getty Images
Barack Obama mit Tränen in den Augen während einer Pressekonferenz im Januar 2016

Mehr Schusswaffenopfer als US-Gefallene in allen Kriegen des 20. Jahrhunderts  

Die Teenager aus Parkland wurden zu Opfern der politischen Ignoranz in den Vereinigten Staaten. Sie wuchsen in einer Welt auf, in der sich die Erwachsenen nicht um tatsächliche Missstände kümmerten, sondern sich in ideologischen Gefechten verhakten. Und so haben sie eine Welt geerbt, gegen die es sich zu rebellieren lohnt.

Jedes Jahr kommen in den USA 30.000 Menschen durch Waffengewalt ums Leben. Seit dem Columbine-Massaker von 1999, einem der ersten verheerenden Amokläufe an einer amerikanischen Highschool, kamen mehr US-Bürger durch Schussverletzungen ums Leben als in allen amerikanischen Kriegen des 20. Jahrhunderts zusammen.

Insgesamt 187.000 Schüler wurden in den vergangenen 19 Jahren Zeugen von Schießereien an ihrer Schule. Etwa 10.000 pro Jahr also.

Und weil die Politik sich nicht auf schärfere Waffengesetze einigen konnte, mussten viele Million junge Amerikaner ihre Schulzeit mit strengen Waffenkontrollen und Anti-Amoklauf-Übungen verbringen. Das Leben in einer amerikanischen Schule hat heute kaum nicht etwas mit der lässigen Atmosphäre der Highschool-Filme aus den 1980er oder 1990er Jahren zu tun.

Aber die Teenager von Parkland wollen nicht in einem Land aufwachsen, in dem wegen der ideologischen Verbohrtheit seiner Entscheidungsträger jeden Tag unschuldige Menschen sterben. Und sie wissen, wie man das anstellen muss. Das liegt auch daran, dass ihre Highschool versucht hat, sie zu mündigen Bürgern zu erziehen.

Doch das ist noch nicht alles. Wir haben sehr lange schon über die „Medienkompetenz“ von jungen Menschen gesprochen. Diese Generation ist nun die erste, die komplett mit den sozialen Medien aufgewachsen ist. Wer heute in den USA seinen Highschool-Abschluss macht, war vier Jahre alt, als Facebook gegründet wurde.

Die nächste Generation hat bereits sehr früh gelernt, wie man Protest für die elektronischen Medien inszeniert.

Aufwachsen ohne Grenzen

Barack Obamas großartige Wahlkampfreden im Jahr 2008 dauerten meistens eine halbe Stunde oder sogar noch länger. 

Emma Gonzalez beschränkte sich bei ihrer Rede beim „March For Our Lives“  auf eine Länge von 6:40 Minuten – das war in etwa die Zeit, in der 17 ihrer Mitschüler in Parkland von einem Gewalttäter erschossen wurden. Den Großteil ihrer Zeit stand sie am Pult und sagte nichts. Dennoch verbreitete sich das Video ihrer Rede binnen Stunden millionenfach.

Diese nächste Generation hat zudem keine Angst mehr vor dem Einfluss von Prominenten. Junge Menschen wachsen heute ohne die Mittlerfunktion der Massenmedien auf. Sie folgen ihren Vorbildern auf Instagram, Twitter oder Facebook. Das schafft Nähe.

David Hogg, ein Mitstreiter von Gonzalez, wurde von der bekannten konservativen Fernsehmoderatorin Laura Ingraham auf Twitter für seinen gescheiterten College-Aufnahmetestest gemobbt.

Hogg rief daraufhin zwölf Firmen auf, keine Werbung mehr in Ingrahams Sendung zu schalten. Neun folgten dem Appell. Und Ingraham entschuldigte sich öffentlich.

Die „March For Our Lives“-Bewegung konnte wohl nur in den USA so groß werden. Denn die Gesellschaft dort ist derart gespalten, dass ein rechtradikaler Politiker ins höchste Amt des Landes gewählt werden konnte.

US-Präsident Donald Trump ist ein Symptom für die Zersetzungsprozesse der amerikanischen Demokratie, die spätestens mit dem “Krieg gegen den Terror” unter George W. Bush an Geschwindigkeit gewonnen haben.

Die Vereinigten Staaten rüsten auf

In dieser Zeit lebten 50 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung, während der Verteidigungshaushalt auf gut 700 Milliarden Dollar aufgepumpt wurde. Seit 2002 haben die USA 9,6 Billionen Dollar für ihre Streitkräfte ausgegeben. Mit dem Geld hätte man jedem US-Bürger – vom Baby bis zum Greis – zweieinhalb Jahre lang ein Grundeinkommen von 1.000 Dollar monatlich finanzieren können.

Doch auch in Deutschland gibt es wachsende Ungleichheit. Auch hier gibt es ideologische Scheingefechte und ungelöste Probleme, die entweder nicht angepackt oder geflissentlich ignoriert werden. Während es junge Deutsche aus bildungsfernen Schichten heute schwer haben, eine Aufsteigerkarriere zu machen, müssen sie sich von den Babyboomern und der Generation Golf – also ihren Eltern – als daddelnde Volltrottel verspotten lassen.

Zur Erinnerung: Wer in den 1960er- oder 1970er-Jahren aufgewachsen ist, der hatte zumindest im Westen Deutschlands nicht nur das Glück, zur wahrscheinlich wohlhabendsten Generation in der Geschichte dieser Republik zu gehören.

Es waren diese Leute, die sich nur wenig um die steigende Schuldenlast Deutschlands kümmerten, die in den 1990er-Jahren den Neoliberalismus für eine gute Idee hielten und die heute den Populisten in Scharen nachlaufen.

Gegen solche Leute lohnt sich der Protest tatsächlich.

(mf)