WIRTSCHAFT
11/06/2018 17:17 CEST | Aktualisiert 11/06/2018 19:26 CEST

Generation Loser: Wie Deutschlands Millennials verarmen

Wir sind die erste Generation seit 1945, der es schlechter als ihren Eltern gehen wird.

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4000 Teile am Tag. Fünf Tage in der Woche. Immer die gleiche Handbewegung.

Während meiner Schulzeit arbeitete ich in einer Fabrik, um mein Taschengeld aufzubessern – für etwas mehr als fünf Euro die Stunde.

15 Jahre später ist zwar die Bezahlung besser geworden. Aber das Geld gefühlt nicht viel mehr. Ein Großteil meines Einkommens geht jeden Monat direkt für Miete und laufende Kosten drauf. Das Leben in der teuersten Stadt Deutschlands – München – frisst zuverlässig den Betrag, der übrig bleibt. Beim Blick auf den Rentenbescheid wird mir unwohl.

► Ich lebe von der Hand in den Mund. Genau wie sehr viele meiner Freunde. Dabei geht es mir noch gut.

Ich muss mich nicht von einem befristeten Job zum nächsten hangeln. Ich muss nicht mehr in einer WG wohnen.

Wir sind die Millennials, die Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen. Wir sind die Generation, die zumindest gefühlt nicht für ihren Einsatz in der Schule, in der Uni und im Job belohnt wird – anders als unsere Eltern und Großeltern. Wir sind die erste Generation seit 1945, der es schlechter als unseren Eltern gehen wird. 

Statt einem eigenen Haus zur Mitte unseres Lebens winken uns Unsicherheiten: beim Einkommen, den Jobs, der Altersvorsorge

Doch wie ist diese dramatische Situation zu erklären? Und warum trifft es besonders die Millennials?

Das sind die Antworten: 

1. Wie dramatisch ist die Situation?

In der Bundesrepublik machen Millennials 39 Prozent aller Arbeitskräfte aus – das ist ein höherer Anteil als in Großbritannien oder den USA. Ingesamt sind hierzulande etwa zwölf Millionen Menschen zwischen 20 und 35 Jahre alt.

Ein Vergleich verschiedener Altersjahrgänge zeigt, dass das Armutsrisiko für junge Menschen drastisch zugenommen hat. 

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat dafür Zahlen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ausgewertet. In der repräsentativen Erhebung werden seit 1984 jährlich 12.000 Privathaushalte in Deutschland befragt.

► Demnach lag im Alter von 30 Jahren die Armutsrisikoquote bei den in den 1960er Jahren Geborenen bei etwa 10 Prozent. Bei den in den 1970er Jahren Geborenen stieg diese auf etwa 15 Prozent, um bei den ersten Jahrgängen der Millennials (die, die zwischen 1980 und 1989 geboren sind) auf deutlich über 20 Prozent zu steigen

SOEPv32, Berechnungen des DIW Berlin
Die Armutsrisiko-Quote (in Prozent) für verschiedene zusammengefasste Jahrgänge.

Das DIW sieht all jene Personen von Armut bedroht, die weniger als 60 Prozent des mittleren verfügbaren Einkommens haben. Derzeit sind das für einen Singlehaushalt ungefähr 1050 Euro pro Monat. 

Von dieser Entwicklung seien besonders Migranten und Alleinerziehende betroffen, wie DIW-Forscher Markus Grabka der HuffPost erklärt. 

Weitere Indikatoren für eine schlechte Lage sind ...

► ... erstens eine niedrige Eigentümerquote. Bei den Unter-34-Jährigen  beträgt diese laut der Europäischen Zentralbank (EZB) nur 11 Prozent  – im europäischen Vergleich ist dies sehr gering. Auch für die Gesamtbevölkerung liegt Deutschland hier mit rund 44 Prozent am unteren Ende in der Eurozone.

► ... und zweitens eine hohe und ausgedehnte Verschuldung51,7 Prozent der deutschen Unter-34-Jährigen sind laut EZB verschuldet – im Median mit 5000 Euro. Die Verschuldungsquote liegt im europäischen Vergleich im Durchschnitt, der Schuldenbetrag ist aber vergleichsweise gering.

“All das deckt sich auch mit den mir bekannten biografischen Werten”, berichtet der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance.

Mehr zum Thema: Wie eine ganze Generation ihr Leben verdirbt, ohne Probleme zu haben

Er sagt: Wenn sich die heutigen Zwanzig- bis Dreißigjährigen mit ihren eigenen Eltern, den Babyboomern, vergleichen würden, dann würden die meisten einen Unterschied merken.

“Es ist für die Millennials fast unmöglich geworden, selbstständig große Anschaffungen zu machen, sei es ein Eigenheim oder bloß ein Auto”, erklärt Hurrelmann im Gespräch mit der HuffPost. 

► Millennials verdienen durchschnittlich rund 2300 Euro brutto (Gesamtbevölkerung: 3100 Euro). Etwa ein Drittel von ihnen hat eine Familie mit mindestens einem Kind und 26 Prozent sind verheiratet (Gesamtbevölkerung: 53 Prozent). 

► Dazu kommt: Die nach 1980 Geborenen werden wohl höhere Beiträge und Steuern in das staatliche Rentensystem einzahlen müssen, um dieses zu finanzieren. Doch diese Beiträge kommen zunächst nicht ihnen, sondern älteren Generationen zugute, unterstreicht die “Neue Zürcher Zeitung”.

Maximilian Stockhausen vom arbeitgebernahen Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) warnt aber vor allzu düsteren Prognosen. “Ob es den Millennials wirklich schlechter geht als den Babyboomern wird man erst wissen, wenn beide das Rentenalter erreicht haben”, schreibt er auf HuffPost-Anfrage.

2. Welche Ursachen hat diese Entwicklung? 

“Die Löhne und Gehälter sind heute auf einem viel niedrigeren Niveau als vor 30 Jahren, gerade bei den Berufsanfängern”, sagt Hurrelmann, der zu den renommiertesten Jugendforschern Deutschlands zählt.

Auch Grabka vom DIW sieht darin die Hauptursache für die Negativ-Entwicklung: “Die Löhne müssten höher sein.” Dazu kommen die immer noch schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein größer werdender Niedriglohnsektor, sowie eine zunehmende Zahl junger Menschen, die in der Leih- und Zeitarbeit und nicht gemäß ihrer Ausbildung beschäftigt sind. 

Eine weitere Ursache für das steigende Armutsrisiko ist die lang anhaltende Arbeitslosigkeit, die merklich erst vor wenigen Jahren zurückgegangen ist. “Diese historisch lange Phase, die fast 20 Jahre andauerte, erschwerte den Berufseinstieg für viele”, betont Hurrelmann.

3. Warum sind die Millennials besonders betroffen? 

Für Sozialwissenschaftler Hurrelmann steht fest: “Die Millennials sind die Loser-Generation – die, die viel Pech gehabt haben.”

Denn bei ihnen hätten sich gleich mehrere Krisen überlagert, politische und wirtschaftliche. Aus Sicht von Hurrelmann gab es drei Ereignisse, die die Unsicherheit verstärkt und die Generation erschüttert hätten:

► der Terroranschlag vom 11. September,

► die Nuklearkatastrophe von Fukushima

► und die Digitalisierung.

“Das sind drei riesige Kaliber, politisch übermächtig, die die Millennials sozioökonomisch ‘traumatisiert’ haben”, sagt Hurrelmann.

4. Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Die Millennials haben mit steigendem Druck in der modernen Arbeitswelt zu kämpfen: Über 70 Prozent der Millennials, die in einer im vergangenen Herbst veröffentlichten Studie der Allianz-Versicherung befragt wurden, sagen, dass die Welt im Vergleich zu der ihrer Eltern im gleichen Alter komplexer geworden ist. Ebenso viele glauben, dass der Druck auf dem Arbeitsplatz zugenommen hat.

Das belegen auch Zahlen: Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) machen 61 Prozent der unter 35-Jährigen regelmäßig Überstunden, 52 Prozent fühlen sich bei der Arbeit “sehr häufig” oder “oft” gehetzt.

► Die Folgen: Überlastung, Burn-out und im schlimmsten Fall Depressionen

Neben den bereits erwähnten höheren Rentenbeiträgen und Steuern ist eine weitere Folge der zunehmenden Unsicherheit und der finanziell prekären Lage, dass junge Menschen länger zu Hause wohnen als früher. “In Deutschland wohnen noch immer 12 Prozent der 30-Jährigen bei ihren Eltern, vor allem junge Männer”, weiß Hurrelmann. 

► Dieser Trend läge nicht nur an den steigenden Mieten, sondern laut dem Jugendforscher auch daran, “dass viele merken, dass sie nicht das Niveau der Babyboomer erreichen können und so lange wie möglich auf sicherer Basis leben wollen.” 

Allerdings verweist Volkswirtschaftler Stockhausen vom IW Köln darauf, dass sich die Ausbildungszeiten bei jungen Menschen aufgrund der Bildungsexpansion verlängert haben. Damit verzögert sich ihr Einstieg in das Berufsleben. “Das lässt die Einkommenssituation in jungen Jahren anders aussehen als in der Generation vor ihnen.”

In der Folge würden sich große Lebensereignisse wie Heirat, Geburt von Kindern oder der Hauskauf im Leben nach hinten verschieben, während gleichzeitig die Lebenserwartung oder das Renteneintrittsalter gestiegen seien.

► Stockhausens Fazit: “Daran passt sich individuelles Handeln an und ist per se nicht problematisch, auch wenn es in der vorherigen Generation noch anders war.”

5. Wie reagieren die Millennials?

Eine erst im Mai veröffentlichte repräsentative Studie der Nürnberger Versicherung in Zusammenarbeit mit dem FAZ-Institut offenbarte, dass die Hälfte der Millennials sich um die Sicherung ihres Lebensstandards im Alter sorgen. 

Rund 40 Prozent haben zudem Bedenken, dass sie nicht über
ausreichende Rücklagen verfügen oder für Notfälle abgesichert sind – auch, weil es dieser Generation schwerer fällt, ein Vermögen anzusparen

► Die Angst vor Altersarmut wird bei dieser Generation nur noch von der Angst vor Terrorismus übertroffen. Knapp 60 Prozent zählten diese zu den größten Zukunftsängsten. Angst vor Krieg wurde mit 48 Prozent am dritthäufigsten genannt. 

HuffPost / Marco Fieber

Allerdings ist Sozialwissenschaftler Hurrelmann überrascht, wie “erstaunlich nüchtern” die Millennials auf ihre Situation reagieren. “Es gibt keine Proteste, sie sind politisch äußerst zurückhaltend.”

► Hurrelmann erklärt das damit, dass die Generation still hält, weil sie keinen Schuldigen sieht und sie Eltern haben, die sie vor dem Schlimmsten bewahren.

6. Warum sind die Aussichten für die nächste Generation besser?

Ganz anders die Post-Millennials – also diejenigen, die nach dem Jahr 2000 geboren sind. Diese seien laut Hurrelmann weit politisierter. Obwohl sie ihm zufolge viel bessere Bedingungen vorfinden würden. “Es ist eine völlig andere Situation”, sagt Hurrelmann.

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt seien inzwischen deutlich besser als noch vor ein paar Jahren und die meisten Jobs “absolut sicher” – “das alles ist völlig neu”, erläutert Hurrelmann. Die Unternehmen würden händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern suchen, kurzfristig könnten sogar die Löhne und Gehälter steigen.

► Deshalb können die unter 20-Jährigen wieder positiver in die Zukunft blicken. Junge Menschen in Deutschland – auch die mit Migrationshintergrund – würden wieder hervorragende Möglichkeiten vorfinden.

Ähnlich positiv sieht auch Stockhausen vom IW Köln die künftige Entwicklung. Auch er verweist auf den Fachkräftemangel und die in jüngster Vergangenheit gestiegenen Reallöhne in allen Einkommensbereichen.

“Die Beschäftigung ist auf einem Rekordhoch und die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland weltweit mit am geringsten”, sagt Stockmann.

► Sein Fazit: “Insgesamt wäre ich daher eher skeptisch, US-amerikanische Verhältnisse in Deutschland zu sehen.”

Fazit:

Die Millennials stehen im Schatten ihrer Eltern. Die Generation der Babyboomer  besetzt nach wie vor viele Top-Posten und profitiert damit vom aktuellen Wirtschaftsboom – ebenso wie die Postmillennials.

Mit Blick auf die nach dem Jahr 2000 Geborenen, zeigt sich das Dilemma der Millennials umso mehr: Sie haben die Auswirkungen der Wirtschaftskrise beim Einstieg in das Berufsleben zu spüren bekommen – dazu müssen sie noch die Rente der geburtenreichen Jahrgänge schultern.

Die Folgen: Verschuldung, vergleichsweise unsichere und wenig einträgliche Jobs, sowie drohende Altersarmut. Doch immerhin bleibt ihnen die Hoffnung, dass es zumindest ihren Kindern wieder besser geht.