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19/06/2018 23:20 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 02:41 CEST

Genau wie wir damals laufen auch heute Menschen um ihr Leben

Karl Stein erzählt von seinem Weg von Polen nach Deutschland.

Mein Name ist Karl Stein. Geboren bin ich am 11.5.1934 in Prabuty, das damals Riesenburg hieß und zum Regierungsbezirk Westpreußen gehörte. Als die Deutschen 1939 in Polen einfielen, zog meine Familie als sogenannte “Reichsdeutsche” nach Bromberg (heute polnisch Bydgoszcz). 

Mit dem Einmarsch der Roten Armee 1945 wurden wir innerhalb weniger Tage zu Freiwild. Die deutsche Bevölkerung wurde von den Russen aufgegriffen und mehrheitlich in das berüchtigte Arbeitslager Potulitz verschleppt. Auch mir ist es so ergangen. Dort wurde ich wochenweise von Polen zur Arbeit, meist auf den Feldern “ausgeliehen”.

Der Anfang in Thüringen war schwer

1949 wurde ich von meiner Familie getrennt und von den Russen in ein Auffanglager nach Sonneberg in Thüringen transportiert, wo ich noch heute lebe. 

Der Anfang dort war sehr schwer. Ich musste zuerst einmal wieder deutsch lernen. Da ich über Jahre in polnischen Familien gearbeitet hatte, sprach ich fast nur noch polnisch und kaum ein Wort deutsch.

 

 

In meiner neuen Heimat habe ich viel Solidarität erfahren, ich bekam eine Wohnung zugewiesen, konnte meine mittlere Reife nachholen und habe Bäcker gelernt. Aber ich musste für alles hart arbeiten. So etwas wie Freizeit gab es damals weder für mich, noch für andere.

“Wir haben Solidarität erfahren - das sollten wir weitergeben”

Heute bin ich stolz auf Deutschland und auf das, was es erreicht hat. Dabei finde ich es aber traurig, dass viele so schnell vergessen haben, wieviel Schuld dieses Land auch auf sich geladen hat.

Wir haben nach dem Krieg viel Solidarität erfahren und das sollten wir weitergeben. Denn wir sollten nicht vergessen: Genau wie wir damals laufen auch heute Menschen noch um ihr Leben. Sie brauchen uns.

  • Polen im Jahr 1949: Das ehemalige Westpreußen fällt durch den Vertrag von Potsdam an die neu gegründete Volksrepublik Polen. Fast die ganze deutsche Bevölkerung wird von der neuen polnischen Regierung aus dem Gebiet vertrieben. Sämtlichen Besitz mussten sie zurücklassen.
  • Deutschland im Jahr 1949: Mit der Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai wird die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Wenige Monate später, am 7. Oktober, wird aus der “Sowjetisch besetzten Zone” die Deutsche Demokratische Republik.

In der DDR spielten wir Heimatvertriebenen keine Rolle, wir wurden totgeschwiegen. Es durfte uns nicht wirklich geben. Heute aber kann ich mich gesellschaftlich engagieren, nicht nur innerhalb des Bundes der Vertriebenen.

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts besuche ich Schulklassen, um mit jungen Leuten zu sprechen und sie zu sensibilisieren, für unsere Vergangenheit - aber auch für unsere Zukunft. Es macht mich stolz, dass ich etwas tun kann, für Demokratie und für den Frieden.

An die Jugend kann ich nur appellieren: Lasst die Flüchtlinge von heute nicht im Stich! Sie brauchen unsere Solidarität!

Im Video oben erzählt Karl Stein seine Geschichte.

Der Text wurde von Veit Lindner aufgezeichnet.

(ben)

1949 bis 1959