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26/07/2018 16:16 CEST | Aktualisiert 26/07/2018 16:19 CEST

Gefangen in einer Sekte – was Angehörige tun können

Noch sind viele Aussteiger und Angehörige von Anhängern allein mit ihren Problemen.

Marga Frontera via Getty Images
Sekten-Anhänger geraten oft in eine seelische Abhängigkeit. (Symbolbild)

Es ist ein oft auswegloser Kampf: Wenn Menschen in eine Sekte geraten, dann brechen sie meist den Kontakt mit ihrer Familie und ihren Freunden ab – oder der Umgang mit ihnen wird so schwierig, dass Angehörige unter dem Verhalten des Sekten-Anhängers leiden.

Doch wer will schon aufgeben, wenn das eigene Kind oder der Partner sich einer Gruppierung verschreiben, die ihnen die Selbstbestimmung raubt und ihnen offensichtlich nicht gut tut?

Egal, ob es um eine Heilergruppe, die Zeugen Jehovas, eine Pfingstkirche oder Scientology geht: Betroffene Angehörige versuchen dann, das Familienmitglied oder den Freund mit Argumenten zu überzeugen, von der Sekte Abstand zu nehmen – und scheitern dabei allzu oft.

Motive für den Einstieg in eine Sekte

Udo Schuster von der Initiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus erklärt gegenüber HuffPost, dass Anhänger oft in eine seelische Abhängigkeit geraten können: “Sie finden in diesen Gruppen etwas, nachdem sie immer gesucht haben und können sich nicht mehr losreißen.”

“Das bisherige soziale Umfeld wird in nicht wenigen Fällen aufgegeben und die Gruppe tritt an dessen Stelle. Die Persönlichkeit wird dann im Laufe der Zeit immer mehr beeinflusst und die bisherige eigene Identität abgestreift.”

Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, führte gegenüber der HuffPost aus, was Menschen zu einem Einstieg in solche Gruppierungen veranlassen könnte:

“Die Mitgliedschaft in einer Sekte ist ein Symptom. Viele Motive führen dazu, dass man zu einer solchen Gruppe geht. Wer sich den Zeugen Jehovas anschließt, sucht Sicherheit; wer zu Scientology geht, will seine Persönlichkeit stärken.”

Und weiter: “Die Esoterik gibt vor, unterschiedliche Bedürfnisse zu stillen: Zum Beispiel können Frauen im mittleren Alter eine Umbruchsituation erleben und sich fragen: ‘Was mache ich jetzt?’ Dann stoßen sie auf Reiki oder ähnliche unwissenschaftliche Heilmethoden.”

Mehr zum Thema: Der Zorn Gottes - wie christliche Sekten Kinder misshandeln

Was Angehörige tun können

Pöhlmann rät Angehörigen in einem solchen Fall zur Ruhe und sich nicht zu “verkämpfen”:  Hilfreich sei es in jedem Fall, Kontakt zu einer Beratungsstelle aufzunehmen, um Unterstützung zu bekommen, auch für sich selbst. Für den Einzelnen sei es in jedem Fall eine belastende Situation.

“Erst einmal muss man die eigene Ohnmacht annehmen, auch wenn es sehr schwer fällt. Manchmal kann es sehr lange dauern, bis die Person aus der Gruppe wieder aussteigt. Man muss also auch auf sich selbst achten.”

Laut Schuster sei der Betroffene der Gruppierung “verfallen“. Es entstehe eine regelrechte „seelische Abhängigkeit“. – vergleichbar mit einer Sucht. Rationale Argumente zählen dann oft nicht mehr. Er rät, Kontakt zu halten und “emotionale Zuwendung zu zeigen, sich aber zu positionieren”. 

Außerdem sollten Angehörige dem Anhänger kein Geld zur Verfügung stellen, “dass er dann sowieso nur für die Gruppe ausgibt, weil diese beispielsweise Zahlungen einfordert oder er weitere Kurse besuchen muss“.

Hilfe von staatlicher Seite gibt es kaum, nur in Nordrhein-Westfalen gibt es mit Sekteninfo ein Projekt, dass offenbar sehr gut angenommen wird. Ein ähnliches Angebot in Berlin sei zuletzt abgespeckt worden, erzählt Theologe Axel Seegers, verantwortlich für den Fachbereich Weltanschauungsfragen bei der Erzdiözese München. 

Keine Hilfe von staatlicher Seite

In den anderen Bundesländern bleiben die Kirchen und Ehrenamtliche wie die Elterninitiative der einzige Ansprechpartner – die katholische und evangelische Kirche haben Beratungsstellen eingerichtet, an die sich Ratsuchende wenden können.

Seegers kritisiert, dass es keine bundesweiten staatlichen Angebote für Menschen gibt, die aus konfliktträchtigen Gruppen aussteigen wollen oder die Rat und Hilfe benötigen, weil deren Angehörige in eine abrutschen.

“In Österreich gibt es zum Beispiel eine Bundessektenstelle”, sagte er der HuffPost. “Am besten wäre es, wenn man die Menschen im Voraus möglichst umfassend für ihre Befindlichkeiten und Rechte sensibilisieren könnte.” So würden sie im Idealfall selbst rechtzeitig bemerken, wenn eine Gruppierung sie ausnutzen möchte.

Anlaufstellen und Tipps

Noch sind viele Aussteiger und Angehörige von Anhängern allein mit ihren Problemen. Eine Auseinandersetzung mit den sektenähnlichen Gruppierungen gestaltet sich aber für die meisten Menschen als sehr schwer und wird oft unterschätzt.

Seegers rät Angehörigen, sich vor einem Gespräch mit möglichst vielen Informationen zu der Gruppe zu wappnen. Diese könnte man auf den Webseiten der Beratungsstellen der Kirchen finden.

Außerdem sollten Angehörige:

  • Pauschale Verurteilungen wie “Gehirnwäsche” vermeiden; diese sorgen meist für eine Eskalation und möglicherweise sogar einen Kontaktabbruch.
  • Alternativen zum Leben in dieser Gruppierung aufzeigen – oft fühlen sich Menschen zu einer Sekte hingezogen, weil ihnen etwas fehlt, wie beispielsweise Geborgenheit.
  • Mit dem Anhänger in Kontakt bleiben, sich aber nicht aufdrängen.
  • Auf sich selbst achten und sich nicht überreden lassen, der Gruppierung beizutreten.
  • Auf finanzielle Zuwendungen verzichten – da das Geld sowieso nur an die Gruppierung fließt.
  • Hilfe bei einem Experten oder in einer Beratungsstelle suchen und sich zusammen weitere Schritte überlegen. 

Anlaufstellen für Angehörige und Aussteiger:

(kiru)