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07/08/2018 14:44 CEST | Aktualisiert 09/08/2018 21:21 CEST

Geburtstrauma: Hört auf zu sagen, "Hauptsache, das Baby ist gesund"

Nach der Geburt meines Babys wurde ich von Angst- und Schuldgefühlen überwältigt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei P.S. It’s A Mum Thing

Oben im Video: Intensivstation für Neugeborene – so verläuft ein Tag auf der Frühgeborenenstation.

Mein Baby ist am Silversterabend 2016 zur Welt gekommen, nachdem ich nur 28 Wochen schwanger war. Früh am Morgen hatte ich Unterleibsschmerzen und bin zum Arzt gegangen, der meinte, ich hätte lediglich Verdauungsprobleme. Er sagte, ich solle nach Hause gehen, mich ausruhen und entspannen.

Stunden später im Krankenhaus wurde das HELLP-Syndrom bei mir diagnostiziert, eine lebensbedrohliche Schwangerschaftskomplikation. Man sagte uns, wir können das Fortschreiten der Erkrankung nur aufhalten, indem wir einen Notkaiserschnitt machen

Nach der Diagnose verschwamm alles vor meinen Augen, es herrschte ein Durcheinander aus Infusionsschläuchen, Spritzen und Röhrchen. Ich weiß noch, als sie meinem Sohn vom OP auf Intensivstation für Neugeborene brachten, dachte ich: So hätte die Geburt nicht verlaufen dürfen.

Phoebe Shields

Ich war überwältigt von Angst und Schuldgefühlen

Jeden Tag habe ich diese Erinnerung in meinen Gedanken wieder und wieder durchgespielt. Ich habe versucht, mir jedes Detail vor Augen zu führen, als wäre ich auf der Suche nach irgendeiner Art von Hinweis, damit endlich alles einen Sinn ergibt.

Nach der Geburt meines Babys wurde ich von Angst- und Schuldgefühlen überwältigt. Ich trauerte um das frühe Ende meiner Schwangerschaft und den Verlust einer natürlichen Geburtserfahrung. Ich schämte mich, dass ich nicht in der Lage gewesen war, mein Kind sicher zu tragen und zu gebären. Ich hatte das Gefühl, dass ich gleich zu Beginn meiner Mutterschaft gescheitert wäre.

Sie brachten mich zum Schweigen

Egal mit wem ich über meine Gefühle sprach – ob mit Freunden und Verwandten, oder sogar mit medizinischen Fachkräften – alle versicherten mir, das Wichtigste wäre, mein Baby sei gesund und am Leben. Sie glaubten, ich sollte dankbar sein, dass mein Sohn die Pflege bekäme, die er bräuchte und bald nach Hause kommen würde. Sie glaubten, mich zu ermutigen, doch was sie im Grunde taten, war mich zum Schweigen zu bringen und mir zu sagen, meine Gefühle seien falsch.

Meine Erfahrung und meine Gefühle zu diesem Thema sind nicht einzigartig. Ich bin nur eine von Millionen Frauen auf der Welt, die eine traumatische Geburt erlebt haben. Und den Gedanken, das einzige, was bei einer problematischen Geburt zähle, sei ein gesundes Baby, lese ich seitdem immer wieder.

Als die Instagram-Influencerin Revie-Jane offen über ihre Geburtserfahrung und ihre Schwierigkeiten mit der Formulierung “Fehler beim Fortschritt (der Geburt, Anm. d. Red.)” schrieb, wurde sie mit negativen Kommentaren überschwemmt. Sie implizierten, Dankbarkeit sei die einzige Emotion, die eine Frau nach der Geburt empfinden sollte.

In einem Kommentar stand: “Ernsthaft, du und dein Baby habt die Geburt überlebt und seid gesund und du regst dich über Formulierungen auf?!?”

25 bis 34 Prozent der Geburten verlaufen traumatisch

Aber was, wenn man sich während der Geburt machtlos, verängstigt oder ungehört gefühlt hat? Was, wenn man Angst um sein Leben oder um das seines Babys hatte? Warum sollte dankbar sein für eine Erfahrung, die enttäuschend oder sogar traumatisch war?

25 und 34 Prozent aller Geburten verlaufen nach Angaben von PATTCH (Prevention and Treatment of Traumatic Childbirth, eine australische Organisation, gegen traumatische Geburtserlebnisse, Anm. d. Red.) traumatisch. Eine australische Studie aus dem Jahr 2017, durchgeführt von Safe Motherhood For All Inc, kam zu dem Ergebnis, dass nur 58 Prozent der befragten Frauen die Geburtserfahrung machen konnten, die sich sich gewünscht hatten.

Die Studie zeigte außerdem, ein Großteil der Frauen habe das Gefühl, dass ihre Geburtserfahrung einen direkten Einfluss auf ihr Selbstbild sowie ihre Fähigkeit habe, eine Beziehung zu Kind und Partner aufzubauen und zu erhalten. Die Ergebnisse beweisen, dass eine Geburt nicht nur einen einzigen Tag im Leben einer Frau, sondern ihr gesamtes Leben betreffen könne.

Selbstverständlich bin ich dankbar für mein gesundes Kind 

Es steht natürlich außer Frage, dass ich unglaublich dankbar dafür bin, ein gesundes Kind zu haben. Das heißt aber nicht, dass ich nicht trotzdem traurig und enttäuscht über meine Geburtserfahrung sein kann.

Phoebe Shields

Wenn ihr sagt, “Das Wichtigste ist, dass dein Baby gesund ist”, unterstützt ihr eine Kultur, die leidende Frauen zum Schweigen bringt. Eine Kultur, die sagt: Es ist egal, welche traumatischen Erlebnisse sich hinter den verschlossenen Türen des Kreißsaals abspielen, solange nur alle lebendig herauskommen.

Frauen, die sich von einer traumatischen Geburtserfahrung erholen, müssen in der Lage sein, ihre Gefühle über die Geburt anzuerkennen und zu akzeptieren. Sie benötigen die Bestätigung, dass ihre Emotionen verständlich sind und es nur natürlich ist, sich nach einer solchen Erfahrung schlecht zu fühlen.

Es hat ein Jahr gedauert, bis meine Heilung beginnen konnte

Seit der Geburt meines Sohnes sind schon zwölf Monate vergangen und ich spüre den Schmerz noch immer.

Dank Selbsthilfegruppen und den Austausch mit anderen Müttern, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, fühle ich mich nun endlich in der Lage, meine Gefühle zu akzeptieren. Ich habe mir endlich erlaubt, zu trauern und indem ich das tue, mache ich die ersten Schritte zur Heilung.

Also hört bitte auf zu sagen, “Das Wichtigste ist, dass dein Baby gesund ist.” Denn ich bin auch wichtig. Und meine Geburt ist wichtig.

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(ak)