POLITIK
01/02/2018 06:27 CET | Aktualisiert 01/02/2018 11:56 CET

"Maischberger": Gauland und Wagenknecht verbrüdern sich gegen Stegner

"Bleiben Sie uns fern mit so einem Quark!”

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Sahra Wagenknecht und Alexander Gauland argumentierten ähnlich.
  • Bei “Maischberger” giften Gauland und Wagenknecht gegen die GroKo
  • CSU-Mann Herrmann und SPD-Kollege Stegner geraten in Bedrängnis

Politologen warnen seit Jahren: In Deutschland, wie fast überall in Europa, werden die politischen Ränder stärker. Die Mitte erlebte bei der Bundestagswahl im September einen Aderlass. Die Wähler straften das Bündnis des breiten Konsensus, die sogenannte Große Koalition, ab.

Doch nun, rund vier Monate später, erlebt Deutschland, wie sich erneut eine GroKo formt. Und die politischen Hardliner, links wie rechts, bereiten sich auf eine ideologische Schlacht vor, für die sie vielleicht besser gerüstet sind denn je.

Der ARD-Talk von Sandra Maischberger am Mittwochabend lässt sich als Generalprobe für die politische Auseinandersetzung lesen, auf die sich die Große Koalition in den kommenden vier Jahren einstellen kann.

Mehr zum Thema: In 6 EU-Ländern scheiterten Rechtspopulisten bisher - was wir davon über den Umgang mit der AfD lernen können

► SPD-Vize Ralf Stegner und Bayerns CSU-Innenminister Joachim Herrmann müssen die GroKo gegen AfD-Fraktionschef Alexander Gauland und seine Linken-Kollegin Sahra Wagenknecht verteidigen. Für Stegner und Herrmann wird es ein anstrengender – und nicht immer rühmlicher Abend.

Stegner reagiert genervt auf Juso-Angriff

In einem Einspieler zeigt der Sender noch einmal den Zick-Zack-Kurs der SPD in den vergangenen Monaten. Nach dem klaren “Nein“ zur GroKo wirbt der Bundesvorstand nun vehement für Schwarz-Rot. Aus der Absage von SPD-Chef Martin Schulz, kein Ministeramt unter Angela Merkel (CDU) zu übernehmen, ist ein offener Flirt um einen Kabinettsposten geworden.

Stegner gerät da bei “Maischberger” in Bedrängnis – und druckst etwas herum: “Man kann sich nur leisten, seine Meinung nie zu hinterfragen, wenn man in der Opposition ist.” Das ist auch eine Spitze gegen Gauland und Wagenknecht, die bereits begonnen haben, den SPD-Mann ins Visier zu nehmen.

Mehr zum Thema: Warum ein Bündnis aus Union und SPD ein Desaster für Deutschland wäre

Doch der hat zunächst vor allem mit Moderatorin Maischberger und sich selbst zu kämpfen. Maischberger bringt ein Scheitern des Mitgliedsentscheid ins Gespräch, den die SPD vor der Bildung einer GroKo angekündigt hat. Gegner der Koalition treten seitdem in die SPD ein, um dagegen zu stimmen.

“Mit 450.000 (Mitgliedern) werden wir doch nicht unterwandert, wenn ein paar eintreten. Wenn wir jetzt Angst vor den Jusos haben, dann, mein Gott“, entgegnet Stegner genervt. Die Jusos kritisieren die GroKo vehement.

Herrmann bekennt sich nicht zu Merkel

Auch Herrmann gerät ins Schwitzen. Denn Maischberger fragt unentwegt nach der kriselnden CDU-Chefin Merkel – ein Thema, das der bayerische Politiker sichtlich gerne umschifft hätte. “Sie als die mächtigste Frau des Westens sieht immer schwächer aus, je länger dieser Regierungsbildungsprozess dauert“, sagt Maischberger.

► Wie loyal zur Kanzlerin ist Herrmann? Er muss sich kurz sortieren.
“Wir haben gesagt als CSU, wir unterstützen die Kanzlerkandidatur der CDU“, flüchtet sich Herrmann in Allgemeinplätze. “Stehen Sie immer noch hinter dieser Kanzlerin?“, setzt Maischberger erneut an.

Jetzt wird Herrmann deutlich: “Es geht doch nun nicht drum, wer irgendwen anderes gerne mag, es geht um die Zukunft dieses Landes.“ Das Wahlergebnis sei “sehr enttäuschend“ gewesen.

► Die Gemüter sind erregt. Die Diskussion erreicht ihren Höhepunkt, als sich Wagenknecht in Rage redet.

Wagenknecht wird wütend

Die Sondierungspapiere von GroKo und Jamaika seien fast identisch, poltert die Linken-Fraktionschefin, die vor allem in sozialen Fragen Nachholbedarf sieht. Herrmann, die Hand am Kinn, starrt seine Gegenüber an. Er will wohl spöttisch wirken, doch über gruselig kommt er nicht hinaus, als seine Augen fast eine Minute lang das Gesicht der Linken-Frau fixieren.

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Joachim Herrmann starrt Sahra Wagenknecht an

Aber die lässt sich nicht irritieren. “Dann sagt Frau Nahles, wir haben 80 Prozent unseres Wahlprogramms in diesem Papier“, poltert sie mit Verweis auf die SPD-Bundestagsfraktionschefin, “da ist doch keine Unterscheidbarkeit mehr“. SPD und Union würden mit ihrem Konsens der Demokratie schaden. “Demokratie heißt, dass man zwischen verschiedenen Regierungsprogrammen wählen kann.“

Deshalb seien so viele Menschen in Deutschland so wütend, glaubt Wagenknecht. “Dann wählen sie aus Wut möglicherweise auch noch Herrn Gauland.“

Wagenknecht findet: “Der Mindestlohn, den wir jetzt haben, ist demütigend.” Deutschland brauche eine Vermögenssteuer und ein besseres Rentensystem. Herrmann murmelt ein bisschen trotzig: “Da arbeiten wir ja dran.”

► Doch es ist Wagenknechts Auftritt. “Wenn Sie jetzt eine Grundrente von 890 Euro für Leute, die über 35 Jahre gearbeitet haben, verkaufen als ‘sensationelle Verbesserung’, ist das entwürdigend. Also das finde ich echt unglaublich.” Die Frau im roten Hosenanzug ist im Rage-Modus.

► Jetzt schaut sie Stegner und Herrmann für ihren argumentativen Gnadenstoß an: “Sie haben ja gar keine Visionen mehr, Sie haben gar nichts, wo man den Ansatz sieht, dass sich fundamental etwas ändert.” Das könne die Leute “natürlich nicht begeistern”.

Gauland springt Wagenknecht zur Seite

Nun ist auch Gauland aus seinem Sekundenschlaf erwacht, in den er immer wieder zu fallen scheint. 

► “Wenn ich lese, dass für die SPD der Familiennachzug das Wichtigste ist, frag ich mich: ’Wo leben wir eigentlich?”, setzt er an. “Welche Verkäuferin in Dortmund, welcher Bandarbeiter bei Volkswagen will so etwas überhaupt?”

Nun unterstützt er die Linke zu seiner rechten Seite: “Bestimmte soziale Probleme, da hat Frau Wagenknecht recht, werden nicht angesprochen. Aber wir reden über etwas, das es seit Jahren gar nicht gab.”

Stegner schaut mürrisch, Herrmann hat die Hand am Kinn. Gauland haut noch einmal drauf: “Dass eine Partei, die die Arbeiter vertritt, das zum Maßstab macht ihres Erfolges, ist für mich völlig unfassbar. Deshalb gebe ich Frau Wagenknecht recht.” Dazu komme: Auch die CDU habe keine Inhalte mehr.

Der Vorwurf, den der AfD-Mann in bester Populisten-Manier am Thema Flüchtlinge hochzieht. ist kein neuer: Die Volksparteien entfernten sich durch elitäre Debatten von den Anliegen der Bürger.

Stegner wird sauer

Stegner will das nicht gelten lassen. Doch seine Verteidigung ist vor allem Trotz. “Wir brauchen uns von Links- und Rechtsparteien wirklich keine Ratschläge geben lassen, was die SPD tun sollte.” Seine Gegenrede gerät zur Floskel: “Wir setzen uns dafür ein, dass sich das Leben der normalen Menschen verbessert.”

“Was Sie sagen”, Stegner zeigt auf Wagenknecht und Gauland, das ungewöhnliche Team auf der Maischberger-Couch, “was Sie noch garnieren mit antihumanitären Sprüchen, können sie handhaben, wie sie wollen.”

Jetzt wird er ausfallend: “Bleiben Sie uns fern mit so einem Quark!”

► Irgendwie ist das bezeichnend. Die Populisten geben sich forsch und werfen Debatten auf, in denen sie selbst keine Antworten haben.

► Doch auch aus der Mitte hört man solche dieser Tage zu selten.

(sk)