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30/03/2018 10:49 CEST

Niedersachsen: Wie Menschen das letzte Gasthaus in ihrem Dorf retten wollen

"Ich kann es nicht akzeptieren, dass wir diesen Mittelpunkt verlieren."

dpa
 Torsten Söder, Vorstandsmitglied der Genossenschaft Kirchboitzer Zukunft steht vor dem Eingang der Wirtschaft "Zum Domkreuger".
  • Bewohner eines kleinen Dorfs in Niedersachsen kämpfen für den Erhalt ihres Gasthauses
  • Ein weiteres Beispiel aus dem Bundesland macht vor, wie das gelingen kann

Maik Escherhaus will ein Gasthaus retten.

“Ich kann es nicht akzeptieren, dass wir diesen Mittelpunkt verlieren”, sagt der 40-jährige Mann, der mit seiner Frau und zwei Söhnen im niedersächsischen Dorf Handorf-Langenberg lebt.

Als klar war, dass es für die letzte im Ortsteil verbliebene Kneipe “Zum Schanko” keinen Nachfolger gibt, startete er mit zwei anderen Männern eine Aktion: Die Gründung einer Genossenschaft, um das Haus zu kaufen und über einen Pächter weiter zu betreiben.

Stammtisch, Kaffeeklatsch oder Vereinstreffen: Jahrzehnte war das Gasthaus Zentrum des dörflichen Miteinanders. Doch die Wirtshäuser verschwinden langsam.

Von den mehr als 70.000 Schankwirtschaften, die das Statistische Bundesamt noch 1994 verzeichnete, gibt es mittlerweile nicht einmal mehr die Hälfte. Escherhaus und seine Mitstreiter wollen das nicht hinnehmen. 

Hat das Gasthaus eine Zukunft? Die Menschen sind zuversichtlich

So sieht ihre Initiative aus: Bis 4. April können Bürgerinnen und Bürger Anteile von je 250 Euro für das Gasthaus zeichnen, für 200.000 Euro kann die Genossenschaft das Gasthaus dann kaufen.

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Niedersachsen: Die Tür zum Dorfgemeinschaftshaus "Zum Schanko" ist verschlossen.

“Wir brauchen 800 Anteile, bis das ganze Objekt übernommen werden kann”, sagt Escherhaus. Er ist zuversichtlich ist, dass es in Zukunft ein Dorfgemeinschaftshaus “Zum Schanko” geben wird.

“Wir haben einen herausragenden Zusammenhalt im Dorf. Viele haben den Wunsch, das zu erhalten”, betont der 40-Jährige. Räumlichkeiten für Stammtische, Vereine und geselliges Beisammensein seien enorm wichtig - auch die Kinder sollten später einen Treffpunkt haben. “Das muss klappen. Wir haben so viel Engagement reingesetzt.”

Initiativen zur Rettung von dörflichen Gasthäusern gibt es bundesweit.

“Die Menschen vor Ort sind entscheidend”

Die Wege, ein Wirtshaus wiederzubeleben, sind vielfältig. Neben Gemeinden, die Gasthäuser kaufen und mit Hilfe der Bürger zu Dorfgemeinschaftshäusern mit Restaurant umbauen, gibt es zunehmend auch Genossenschaften.

Das bestätigt auch der Genossenschaftsverband. Zwar schlüssele die Mitgliederstatistik nicht auf, wie viele Genossenschaften eine Gaststätte betreiben.

“Klar ist aber, dass es in der Tat zahlreiche Beispiele dafür gibt”, sagt Marcell Haag und berichtet von Initiativen zur “Rettung des Dorflebens” etwa in Nordrhein-Westfalen.

Entscheidend für den Erfolg solcher Projekte sind Haag zufolge die Leute vor Ort. “Ohne bürgerschaftlichen, ehrenamtlichen Einsatz sind solche Projekte meistens zum Scheitern verurteilt.”

Es gibt aber auch Kritiker des Modells.

Bringen Genossenschaften das Gleichgewicht auseinander?

Der Geschäftsführer des Dehoga Niedersachsen, Rainer Balke, steht Genossenschaftsmodellen skeptisch gegenüber.

Diese änderten nichts an den schlechten Bedingungen für Gastronomen auf dem Land, sagt er. “Für kleine Betriebe ist die Lage enorm schwierig.” Der bürokratische Aufwand sei hoch, die Suche nach Personal und Kunden oft schwer.

“Problematisch ist, wenn Kommunen, die Angst davor haben, dass ihr letztes Gasthaus schließt, zulassen, dass andere Standards gelten.” Es dürfe zum Beispiel nicht sein, dass andere Bauordnungsvorgaben gelten, nur damit es noch eine Kneipe im Ort gibt. “Wir haben Angst davor, dass über Genossenschaftsmodelle das ganze Gefüge ins Ungleichgewicht gebracht wird.”

Kirchboitzen macht vor, wie es geht

Torsten Söder aus dem niedersächsischen Kirchboitzen kann diese Sorgen nicht verstehen. Er ist froh, dass es das Hotel und Restaurant “Zum Domkreuger” noch gibt.

“Als Dorf haben wir die Gefahr gesehen, wenn es einmal schließt, wird es hier kein Gasthaus mehr geben”, erzählt der 40-Jährige aus dem Ort, der zu Walsrode im Heidekreis gehört. “Aus dieser bierlaunigen Idee wurde dann schnell Realität.” 

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Ende 2015 gründeten Söder und andere Bürger die Genossenschaft Kirchboitzer Zukunft, kauften und renovierten das Gebäude, in dem es Söder zufolge seit rund 280 Jahren Gastwirtschaft gibt.

“Das war eine wahnsinnige Energieleistung des Dorfes und der Nachbardörfer”, sagt er. Seit Mai 2016 ist das Haus verpachtet, in diesem Mai übernimmt ein Ehepaar aus der Region den Betrieb. “Wir haben uns darum gekümmert, dass Geschichte erhalten bleibt.”

Ein Gasthaus mit Pfiff

In Handorf-Langenberg in Niedersachsen hoffen Maik Escherhaus und seine Mitstreiter auf einen ähnlichen Erfolg. “Wir erleben momentan eine große Welle der Begeisterung – bei Menschen, die Anteile zeichnen wollen und Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.” 

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ario Trumme (l) und Udo Schlarmann, Gründungsmitglieder der Genossenschaft für das Dorfgemeinschaftshaus "Zum Schanko" stehen am Tresen der Wirtschaft. 

Die Pläne für die Sanierung des Gebäudes liegen vor. “Es soll seinen Charakter behalten, aber mit Pfiff”, sagt Escherhaus. Ob es tatsächlich so kommt, wird Escherhaus bald wissen. 

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