POLITIK
20/01/2018 14:08 CET | Aktualisiert 22/01/2018 15:57 CET

Fußball-WM - "Putin braucht einen Sieg wie die Luft zum Atmen"

Kreml-Kritiker Igor Eidman warnt, der russische Geheimdienst könnte das Turnier mit brutalsten Mitteln manipulieren.

Sputnik Photo Agency / Reuters
Russlands Präsident Wladimir Putin (Mitte) und Fifa-Präsident Gianni Infantino (links) im Luzhniki-Stadion, einem der Austragungsorte der Fußball-WM
  • Russlands Präsident Putin will die Fußball-WM im Land für sich nutzen
  • Ein Kenner Russlands und Kritiker Putins warnt vor “massivem Foulspiel“ des Kremls beim Turnier - bis hin zu Mord

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ist in Russland Chefsache. Präsident Wladimir Putin höchst selbst versprach der Welt im Dezember ein “großartiges Turnier“.

Bei seiner Rede zur Gruppenauslosung im Dezember kündigte Putin im Kreml vor 1300 Gästen, darunter viele Fußball-Legenden wie Diego Maradona oder Miroslav Klose, “allerhöchstes Niveau” für die Spiele an. Mitsamt “traditioneller Gastfreundschaft und Offenheit”.

In den Ohren vieler Kreml-Kritiker klang das wie Hohn. Sie warnen vor miesen Tricks des Kremls.

Losglück ist Anlass für Gerüchte

Fortuna jedenfalls meinte es auffällig gut mit Russland – das Land bekam eher weniger gefürchtete Gegner zugelost in seiner WM-Gruppe: Saudi-Arabien, Ägypten und Uruguay.

Kritiker erinnerten sich angesichts derartigen Losglücks an frühere Gerüchte, wonach die Fifa dem Glück bei den Gruppen-Ziehungen mit vorgewärmten Kugeln nachhelfe. Der Verband dementierte vehement.

Präsident in Feierlaune

Putin will sich die Feierstimmung nicht vermiesen lassen. Schon gar nicht jetzt, zwei Monate, bevor er im März seine Wiederwahl inszenieren lässt. Da passt das Großereignis gut ins Konzept.

Man könne es kaum erwarten in Russland, bis die Spiele beginnen, beteuerte der Staatschef denn auch im Beisein von Fifa-Chef Giovanni Infantino bei der Auslosungs-Show im staatlichen Kremlpalast: einem weißen Beton- und Glaskasten, der 1961 an der Stelle extra abgerissener historischer Gebäude für die Parteitage der Kommunisten errichtet wurde und den historischen Kreml verschandelt.

Die Milliarden für den Fußball würden andernorts dringend gebraucht

So ungeteilt wie von Putin behauptet ist die Vorfreude in seinem Land aber nicht.

Denn nach den bisherigen Pleiten der russischen Nationalmannschaft schauen viele Russen – wenn überhaupt – eher mit gemischten Gefühlen auf die WM und fürchten ein Debakel ihrer “Sbornaja”, wie das Team auf Russisch heißt.

Viele Menschen in dem Land, das nicht mal Patienten mit schwersten Krebserkrankungen ausreichend mit Schmerzmitteln versorgen kann, hätten sich auch lieber weniger Kürzungen im Gesundheitswesen oder mehr Kindergärten, Schulen und Universitäten gewünscht als Milliardenausgaben für ein Sport-Großereignis.

Und so ist es wohl eher Putin selbst, der die große Show im Juni und Juli nicht erwarten kann: Geht es ihm doch darum, Russland als modernes, weltoffenes Land zu präsentieren – und damit auch zu verschleiern, dass er es wieder zu einer Diktatur gemacht und Krieg angezettelt hat.

Insider: hohe Bestechungsgelder im Spiel

Fifa und russischen Behörden beteuern, die Vorbereitung liefe bestens. Kritiker bezweifeln das. Von zwölf Stadien sind erst fünf fertig.

10 Milliarden Euro wurden in die Spiele investiert – wobei sich hartnäckig das in Russland allgegenwärtige Gerücht hält, große Teile seien in dunkle Korruptions-Kanäle verschwunden.

Insider berichten, schon bei den Ausschreibungen seien “Otkaty” – wie Bestechungsgeld für Beamte und Politiker auf Neu-Russisch heißt – großzügig einkalkuliert worden. Bei westlichen Partnerfirmen wie etwa Ingenieursbüros habe das für manche Irritation gesorgt.

Schon vor dem Turniert legendär sind etwa die Skandale um das WM-Stadion in Putins Heimatstadt Sankt Petersburg: Eine der teuersten Fußball-Arenen der Welt – mit großen Problemen. So wurden etwa die Pressepavillons dorthin gebaut, wo eigentlich das ausfahrbare Spielfeld verstaut werden sollte.

Schon vor dem Confed-Cup musste der Rasen ausgetauscht werden, weil er nicht wuchs. Auch viele Arbeiter bekamen ihre Löhne nicht ausgezahlt

Kreml-Kritiker fordern den Boykott der WM

Nicht zuletzt wegen solcher Skandale fordern Kreml-Kritiker den Westen zu einem Boykott der WM auf. Unter anderem glauben sie, dass Putin die Vorbereitung auf das Turnier nutzt, um sein Image vor den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im März aufzupolieren.

Bereits im Dezember hatte das oppositionelle “Forum des freien Russlands“ um den ehemaligen Schachweltmeister Garry Kasparow in der litauischen Hauptstadt Wilna an die FIFA und die Politiker im Westen appelliert, die WM zu boykottieren. Eine Teilnahme an den Spielen, so eine Resolution der Teilnehmer, würde Putins aggressive Außenpolitik fördern.

Zu einem Boykott hat jetzt auch das “Forum russischsprachiger Europäer” aufgerufen.

Soziologe warnt vor Foulspiel des Kremls

In dem Verein haben sich im vergangenen Herbst in Europa lebende Putin-Kritiker, darunter Schriftsteller, Journalisten, Musiker und Künstler, zusammengeschlossen, um sich gegen Putins Einmischung im Westen zu wehren.

Der Vorsitzende des Forums, der russische Soziologe Igor Eidman, warnt nun im Gespräch mit der HuffPost Deutschland vor massivem Foulspiel des Kremls bei der WM.

Putins gesamte Propaganda im Inland sei auf einem “Siegeskult” aufgebaut, so der Cousin des 2015 in Moskau ermordeten Oppositionsführers Boris Nemzow, der heute in Berlin im Exil lebt: “auf historischen Siegen wie im zweiten Weltkrieg und aktuellen wie der Annexion der Krim, dem Krieg in der Ost-Ukraine und in Syrien”.

Putin werde der eigenen Bevölkerung als “Garant” und Quelle “aller Siege Russlands” verkauft.

Ohne diesen “Siegeskult” würde das System Putin zusammenbrechen, glaubt Eidman.

“Das Putin-Regime braucht einen neuen Sieg”

Deshalb sei es so gefährlich für den Kreml, dass in jüngster Zeit keine Siege mehr zu vermelden gewesen sein; und im Sport statt Erfolgsmeldungen Hiobsbotschaften vorherrschen, wie der Doping-Skandal oder unerfreuliche Misserfolge etwa der Fußball-Nationalmannschaft.

“Das Putin-Regime braucht deshalb einen neuen Sieg wie die Luft zum Atmen”, sagt Eidman: “Und es wird mit den ihm eigenen Mitteln für diesen Sieg kämpfen – mit den Mitteln der Geheimdienste, die in Russland de facto an der Macht sind.”

Wie diese Mittel aussähen, habe man in Sotschi sehen können, mahnt der Soziologe. Aber Doping allein werde diesmal nicht reichen, um ein erfolgreiches Abschneiden Russlands in einer Mannschafts-Sportart sicherzustellen.

Warnung vor Erpressung und Gift

“Deshalb kann zu vielfältigeren Methoden aus der Giftkiste für Geheimoperationen gegriffen werden”, sagt Eidmann. “Das kann von Bestechung über Erpressung von Schiedsrichtern und Spielern bis hin zu leichten, schwer nachweisbaren Vergiftungen reichen – Stoffe dafür gibt es in den Giftlaboratorien des FSB, also des früheren KGB, genug.”

Eidman, der früher in Moskau selbst als Wahlkampfmanager tätig war und Insider-Kenntnisse aus dem System hat, malt sich aus, wie diese Methoden aussehen könnten: “Ein Torwart und ein Stürmer nehmen einen Schluck Wasser aus der Pulle vor dem Spiel gegen Russland – ersterer sieht plötzlich den Ball doppelt, letzterer kann kaum noch laufen.”

“Mord - das ist für sie keine Schande”

Solche Szenarien seien zwar fiktiv – aber nicht auszuschließen, da das “Foul-Spiel“ eine der Grundlagen des Systems Putins sei, beteuert der Soziologe.

“Bei nüchterner Betrachtung muss man sich daher klar machen, dass solche Gefahren bestehen. Die Geheimdienst-Leute, die heute die Macht haben im Kreml, sind es gewohnt, ihre Ziele mit allen Mitteln durchzusetzen – auch mit illegalen und grob unfairen.”

“Betrug, Provokationen, Morde, Fälschungen – das ist für sie keine Schande, wenn es ihrer ‘Sache’ dient”, mahnt Eidman: “Genau mit diesen Mitteln agieren sie, vom Erobern fremder Territorien wie auf der Krim bis hin zu den unerwarteten Siegen von russischen Außenseitern etwa in Sotschi, aber auch in anderen Wettkämpfen.”

Das “Forum russischsprachiger Europäer” sehe es als seine Pflicht an, die Menschen im Westen vor diesen Gefahren zu warnen: “Wir kennen diese Situation aus erster Hand, und haben diese Geheimdienstmethoden selbst erleben müssen. Wenn der Westen sie ignoriert und wegsieht, ist das sehr gefährlich.”

(sk)