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14/06/2018 16:08 CEST | Aktualisiert 18/06/2018 10:14 CEST

Liebe Väter, darum solltet ihr mit euren Kindern nicht WM schauen

Ich freue mich auf die WM – weil ich kein Spiel gucken werde.

AI Project / Reuters
Arne Ulbricht wird mit seinen Kindern nicht die WM in Russland verfolgen – und er hat gute Gründe dafür. 

Juhu, endlich WM. Das bedeutet vor allem in Familien mit vielen Söhnen, dass Väter und Nachwuchs vor der Glotze oder dem Beamer sitzen und Fußball gucken.

Manchmal nur ein paar Spiele. Manchmal möglichst alle Spiele mit allem drum und dran: Vorberichterstattung, Interviews in der Halbzeit, Analysen nach dem Spiel.

Und zu den Deutschlandspielen lädt man noch andere Familien ein. Die Väter und Söhne fachsimpeln, die Erwachsenen haben dabei ein Pils in der Hand, und wenn das Spiel losgeht, sitzen alle vor der Glotze oder dem Beamer. Es ist dann tatsächlich ein Gemeinschaftserlebnis.

► Es wird gemeinsam gestöhnt, sich über den Schiedsrichter geärgert und gejubelt, nebenbei werden eimerweise Chips in sich reingestopft. Wenn alles gut gelaufen ist, dann fährt man anschließend noch eine Runde hupend um den Block oder gleich durch die Stadt.

Verzeihung, aber all das grenzt an Hysterie

Auf diese Weise demonstrieren Eltern ihren Kindern: Fußball ist nicht nur die schönste Nebensache der Welt, sondern die bedeutendste Sache überhaupt.

Und die Medien helfen fleißig dabei, diesen Eindruck zu verstärken: Kaum ein Tag vergeht kurz vor und während der WM ohne irgendeinen Fußball-Aufmacher. Es geht dabei längst nicht mehr nur um das Sportliche.

Mehr zum Thema: Medienkonsum bei Kindern: Was ist schlimm am Fernsehen?

Es wird auch exklusiv berichtet, was Thomas Müller und Mesut Özil nach dem Training alles so anstellen, als handele es sich bei ihnen um Mitglieder der Royal Family – und selbst da ist es lächerlich.

Verzeihung, aber all das grenzt an Hysterie. Ich wage es daher, ein WM-Alternativprogramm vorzuschlagen und den eigenen Kindern auf diese Weise zu vermitteln: So weltbewegend ist Fußball nun auch wieder nicht!

Vorschläge, besonders geeignet während der Deutschlandspiele:

► Eine Radtour – den Radweg dürfte man für sich haben!

► Ein Waldspaziergang – wahrscheinlich wird man im wirklich verlassenen Wald einige Rehe beobachten können.

► Während der 16-Uhr-Spiele bietet sich auch ein Zoo-Besuch an – endlich mal kein Gedränge vor dem Gehege mit dem Elefantenbaby. Oder ein Freibadbesuch – die Warteschlange an der Rutsche wird sehr kurz sein.

► Statt der 20-Uhr-Spiele empfehle ich einen Kinobesuch mit der ganzen Schule – das könnte zu einem esoterischen Erlebnis werden, da man allein im Kino sitzt und das Gefühl hat, einem gehöre das ganze Kino.

Was ich tun werde? Vermutlich all das!

Wir werden uns den neuen “Star-Wars”-Film ansehen

Ich habe tatsächlich vor, ins Kino zu gehen. Vielleicht schaue ich mir mit meinem Sohn und meiner TochterSolo” an. Wir drei sind “Star Wars”-Fans, haben aber noch keinen der Filme gemeinsam angesehen.

In Wuppertal gibt es einen herrlichen Radweg, die Nordbahntrasse. Dort wird man mich vermutlich oft sehen. Oder auch nicht: Denn ich gehe davon aus, dort niemandem zu begegnen.

Es gibt hier auch eine großartige Boulderhalle, die wir an einem solchen Tag für uns haben könnten. Und mit meiner Frau gehe ich vielleicht an einem Abend in eines unserer Lieblingsrestaurants, in denen man sonst nur einen Platz bekommt, wenn man zwei Monate vorher reserviert.

Ich freue mich auf die WM! Weil ich kein Spiel gucken, sondern in dieser Zeit meine Stadt mitsamt Umgebung neu entdecken werde.

Mehr zum Thema: Eltern, die ihre Kinder zu sehr behüten, erziehen spätere Versager

Und vielleicht gibt es ja andere, die auch vor dem Hintergrund ständiger Absonderlichkeiten im Weltfußball (Korruption, Fanausschreitungen schon bei Viertligaspielen, infantiles Machogehabe junger tätowierter Millionäre mit dicken Autos und albernen Frisuren, und so weiter) diesem Wahnsinn entfliehen wollen, um zum Beispiel mit den eigenen Kindern oder dem Partner unvergessliche Momente erleben wollen.

Arne Ulbricht, 46, hat früher selbst aktiv und gar nicht mal so schlecht Fußball gespielt. Er hat neben seinem eher brutalen Roman “Nicht von dieser Welt” (KLAK 2016) über einen Amok laufenden Lehrer auch einen höchst unterhaltsamen, heiteren Bericht über seine Zeit als Vollzeitvater geschrieben: “Mama ist auf Dienstreise”. (Vandenhoeck&Ruprecht 2017). Und im Herbst erscheint sein Erzählband “Vatertag”. Mehr über den Autor und seine Bücher: www.arneulbricht.de

 

(ks)