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08/01/2018 18:17 CET | Aktualisiert 09/01/2018 12:44 CET

Für viele muslimische Jugendliche bricht in Auschwitz eine Welt zusammen

Antisemitismus lässt sich nicht durch ein Crash-Pflichtprogramm abstellen

Die Jugendlichen stehen da, schauen das Foto an, sprachlos und entsetzt: ein Mädchen mit einer Spielzeug-Ente, harmlos eigentlich.

Bis man den Blick auf die Umgebung richtet: Betten, gemacht für zwei Erwachsene, in die bis zu 16 Kinder gepfercht worden sind. Betten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Seit 2012 fahren wir jedes Jahr mit zehn muslimischen Jugendlichen zu dem früheren KZ in Polen, wo 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden.

Im Video oben schildern die Jugendlichen ihre Eindrücke vom Konzentrationslager in Auschwitz.

Meine Kollegen und ich vom Projekt “Junge Muslime in Auschwitz” versuchen so, dem Antisemitismus in der muslimischen Community und auch dem gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus zu begegnen, von dem derzeit so viel die Rede ist.

“Es ist ein bisschen makaber”

Das Kinderfoto hat bisher jeden berührt. Manchmal sehe ich, wie dort Tränen fließen.

Vor drei Jahren trafen wir dort auf eine israelische Familie, deren Großvater in der Kinderbaracke gewesen war. Ihr Weinen war so entsetzlich, es traf uns körperlich.

Da sind zwei unserer Jugendlichen spontan hingegangen und haben ihr Mitleid ausgedrückt und draußen noch lange mit der israelischen Frau geredet. Es war für beide Seiten eine einschneidende Erfahrung.

Einer der Jungs sagte zu mir: “Es ist ein bisschen makaber, dass ich das erste menschliche Gespräch mit einer Jüdin ausgerechnet in Auschwitz geführt habe.”

Antisemitismus als Mittel zur Selbstdarstellung

Ich bin in Duisburg-Obermarxloh aufgewachsen. Für viele ist der Stadtteil mit seinen vielen muslimischen Jugendlichen eine sogenannte No-Go-Area.

“Du Jude, gibt doch mal den Ball ab”, ist ein typischer Satz, den Jugendliche hier verwenden, um andere zu demütigen. Israel und Juden gelten als Feinde, Muslime als Opfer.

Es ist ein einfaches schwarz-weiß-Geschichtsbild, das einige Eltern, Social-Media-Kontakte und Koranschulen da verbreiten.

Mehr zum Thema: Muslimischer Lehrer in Kreuzberg: “Mit diesem einfachen Mittel kann jeder Judenhass bekämpfen”

Wo der Geschichtsunterricht versagt

Der Geschichtsunterricht kommt nicht dagegen an.

Einerseits, weil er sich nur auf die Zeit bis 1945 konzentriert und genau das nicht thematisiert, was viele Jugendliche im Zusammenhang mit Antisemitismus besonders umtreibt: der aktuelle Nahost-Konflikt mit den anti-jüdischen Erzählungen, wie sie etwa die Hamas verbreitet.

Andererseits, weil selbst viele Lehrer den muslimischen Jugendlichen das Gefühl geben, keine Deutschen zu sein.

Die Jungen suchen nach einer Identität – und greifen auf die antisemitischen Muster zurück, die ihnen einige Eltern und Freunde vorleben. Sie interessieren sich nicht für deutsche Geschichte, wenn sie nicht als Deutsche wahrgenommen werden.

Was wir anders machen

Deswegen sprechen wir mit den Jugendlichen ausführlich über ihre eigene Biografie. Die Neugier, endlich Fragen stellen zu können, bringt selbst Jugendliche aus reaktionären Haushalten dazu, bei uns mitzumachen.

Wir schauen uns die Geschichte des Nationalsozialismus hier in Duisburg an, rekonstruieren die Biografien von Juden, die hier gelebt haben.

Wir sehen uns den aktuellen Antisemitismus an, der immer seltener als offener Hass, sondern getarnt als Israel-Kritik codiert wird. Wir nehmen zum Beispiel die Charta der Hamas auseinander, zeigen den Jugendlichen wie sie die wahren Quellen hinter dubiosen Propagandavideos von Antisemiten erkennen können.

Erst dann fahren wir nach Auschwitz.

In Auschwitz werden sie als Deutsche gesehen

Viele sind schockiert von dem, was sie sehen.

Viele sind auch schockiert, dass sie eben jenen Schock nicht empfinden, wenn sie dort sind. Auschwitz ist teils so überlaufen von Besuchern, dass es schwerfallen kann, sich auf die Geschichte wirklich einzulassen.

Was aber auf jeder Fahrt wieder passiert: Jugendliche werden in der KZ-Gedenkstätte oder abends in den Restaurants der Altstadt von Auschwitz zum ersten Mal als Deutsche angesehen. Und von polnischen Nationalisten massiv beleidigt.

Und sobald sie wieder zurück in Deutschland sind, gelten sie wieder als “Ausländer“.

Das bringt sie unglaublich durcheinander. Was bedeutet Verantwortung, was bedeutet Deutschsein? Sie merken, wie vielschichtig Identität ist. Niemand ist nur Muslim oder Jude, nur Türke oder Deutscher.

Eltern beschimpften ihren Sohn als “Judensau”

Gerade Jugendliche aus reaktionären Familien sind verwirrt, weil ihr Weltbild durcheinander geraten ist. Sie fragen und hinterfragen das, was ihre Eltern ihnen erzählen.

Das führt mitunter zu heftigen Konflikten. Die Eltern eines Jugendlichen haben das Zimmer ihres Sohnes mit einen Edding mit David-Sternen beschmiert und ihn als “Judensau” beschimpft.

Wir haben die Eltern besucht und versucht, zu schlichten, ebenso zwei Cousins des Jungen, die auch bei uns gewesen waren. Zum Schluss war der Vater mit unserer Arbeit noch immer nicht einverstanden – vertraute uns aber so weit, dass er sagte: “Lieber macht der Junge bei euch mit, als dass er auf der Straße Mist macht.”

In ihrem Freundeskreis werden unsere Jugendlichen oft als Verräter beschimpft. Sie konzentrieren sich dann meist auf diejenigen Freunde, die ihre Neugier und Offenheit teilen.

Ein Jugendlicher hat es schön formuliert. Er sagte: “Nicht ich habe meine Freunde verloren. Sondern meine Freunde mich.”

Keine Pflicht zum KZ-Besuch

Meine Arbeit zeigt mir immer wieder, wie wichtig die Aufklärung zu dem Thema ist.  

Aber nicht so, wie es die SPD-Politikerin Sawsan Chebli eben forderte: mit einer Pflicht für Migranten, eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen.

Antisemitismus lässt sich nicht durch ein Crash-Pflichtprogramm abstellen. Man muss die Dynamiken verstehen, die zu Antisemitismus führen.

Flüchtlinge müssen die Chance haben, sich vom Terror zu erholen und von den Angriffen Rechter auf ihre Unterkünfte, bevor sie sich mit der Terror-Maschinerie der Nazis auseinandersetzen.

Um Vorurteile abzubauen, müssen wir erst einmal viel Alltäglicheres klären: Zum Beispiel, dass es hier normal ist, wenn ein unverheirateter 18-Jähriger von zu Hause auszieht. Man muss ein Bewusstsein für kulturelle Unterschiede schaffen, ohne dabei eine Sichtweise abzuwerten.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

Mehr zum Thema: Warum muslimische Kinder zu Antisemiten werden - und der Islam wenig dafür kann

 

(ll)