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01/02/2019 18:05 CET | Aktualisiert 04/02/2019 12:57 CET

Für 5 Milliarden Menschen wird das Trinkwasser knapp – diese Frau will das verhindern

Alle zwei Minuten stirbt ein Kind im Alter unter 5 Jahren an einer über verschmutztes Wasser übertragenen Krankheit.

Mike Hutchings / Reuters
In Südafrika wurde 2018 das Wasser knapp.

Nicht mehr jeden Tag duschen können, keine Wäsche waschen, nach dem Toilettengang nur spülen, wenn es unbedingt notwendig ist, Trinkwasser mit Kanistern aus dem Supermarkt nach Hause schleppen. Und jeden Morgen die Angst, dass bald gar kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt.

Monatelang war das 2018 bittere Realität für die Menschen im südafrikanischen Kapstadt. Wasser wurde plötzlich zu einem raren Gut, es wurde rationiert. Schuld daran war eine drei Jahre andauernde Dürre.

Wäre es tatsächlich zur “Stunde Null” gekommen und die Stadt hätte das Wasser ganz abdrehen müssen, wären die Folgen lebensbedrohlich geworden. Wenn Toiletten nicht gespült werden, steigt das Risiko für Krankheiten immens, Bauern hätten ihre Felder nicht mehr bewässern können, Lebensmittel wären knapper geworden, auch zahlreiche Jobs sind an eine dauerhafte Wasserversorgung gebunden. 

Eine Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser

Was in Südafrika geschehen ist, ist kein Ausnahmefall. Es könnte bald vielen Regionen der Erde drohen. 

123 Liter Wasser hat ein Deutscher im Durchschnitt im Jahr 2017 verbraucht. Jeden Tag. Nur einen geringen Teil davon trinken wir wirklich. 44 Liter brauchen wir für Duschen und Körperpflege, 33 Liter für die Toilettenspülung, 15 Liter fürs Wäschewaschen.

Die Weltgesundheitsorganisation nimmt einen täglichen Mindestbedarf von 100 Litern pro Kopf an. Gleichzeitig schätzen die Vereinten Nationen, dass rund eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, 3,6 Milliarden Menschen leben in Gebieten, die mindestens einen Monat pro Jahr von Wassermangel bedroht sind, so der UN-Weltwasserbericht im März 2018.

“Alle zwei Minuten stirbt ein Kind im Alter unter 5 Jahren an einer über verschmutztes Wasser übertragenen Krankheit”, sagt Maude Barlow. Die 71 Jahre alte Kanadierin ist die bekannteste Wasser-Aktivistin der Welt. Seit Jahrzehnten warnt sie, dass uns das Wasser ausgeht. 

Seit 2010 ist der Zugang zu Trinkwasser ein Menschenrecht – auch dank Maude Barlow

“2010 haben wir einen evolutionären Schritt geschafft. Die Vereinten Nationen haben das Menschenrecht auf Wasser und sanitäre Versorgung anerkannt und vor allem auch die Tatsache, dass beides gegeben sein muss, um Menschenrechte im Allgemeinen durchzusetzen”, sagt Barlow im Gespräch mit der HuffPost.

Die Kanadierin war damals Sonderbeauftragte der UN-Vollversammlung für Wasser, bereits 2005 erhielt sie für ihren Kampf für das Recht auf Trinkwasser den alternativen Nobelpreis.

Bloomberg via Getty Images
Maude Barlow

Die UN-Generalversammlung hat die Weltgemeinschaft 2010 aufgefordert, finanzielle Mittel bereitzustellen, um insbesondere Entwicklungsländer dabei zu unterstützen diesen Zugang zu ermöglichen – sauberes, vor allem erschwingliches Trinkwasser für alle. Das war das Ziel. 

Doch stattdessen wird alles nur immer schlimmer. Wasser ist knapp. Sehr knapp. Und die Tatsache, dass Armen der Zugang zu Wasser verwehrt wird, ist auch immer stärker in entwickelten Länder der Erde zu beobachten.

Bevölkerungswachstum, Klimawandel und steigender Konsum sorgen für eine steigende Wasserknappheit

Eigentlich dürfte das nicht passieren, schließlich wird die weltweit verfügbare Wassermenge an sich nicht weniger. Die Erde verliert keinen Tropfen. Jedes Jahr fallen rund 110.000 Kubikmeter Regenwasser. Aber Wasser wird dann zu einer begrenzten Ressource, wenn wir es unbrauchbar machen. 

“Wir sind ein Planet in der Krise. Wenn der Wasserkeislauf endlos wäre, wäre alles gut. Aber so ist es nicht. Wir verschmutzen das Wasser und wir missmanagen es – bis irgendwas nichts mehr übrig bleibt. Fakt ist: Schon heute gibt es nicht ausreichend sauberes Trinkwasser für alle Menschen auf der Erde”, warnt Barlow im Gespräch mit der HuffPost.

Und die Zahl wächst unaufhaltsam. Die Vereinten Nationen schätzen, dass 2050 bis zu 5,7 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser sein werden. 

Schuld daran sind vor allem Bevölkerungswachstum, Klimawandel und steigender Konsum. 

News18
In Kapstadt war 2018 monatelang das Trinkwasser knapp.

“Mit dem Beschluss der UN haben wir uns dazu verpflichtet, dass es nicht akzeptabel ist, dass ein Mensch stirbt oder seinem Kind beim Sterben zusieht, weil sie sich kein sauberes Trinkwasser leisten können”, sagt Maude Barlow.

Am Ziel aber ist sie noch lange nicht. 

“Wasser darf keine Ressource sein wie Öl und Gas”

“Um das Menschenrecht auf Wasser wirklich zu garantieren, müssen wir dafür sorgen, dass es ein öffentliches Gut ist – und keine Ressource, die auf dem Markt gehandelt wird wie Öl und Gas”, sagt Barlow und betont, dass der Zugang zu Trinkwasser nichts mit Wohltätigkeit zu tun hat, sondern mit Gerechtigkeit.

In vielen westlichen Ländern wird seit einigen Jahren versucht, die Wasserversorgung zu privatisieren. In einigen Regionen mit Erfolg. Unternehmen argumentieren, dass sie eine bessere Qualität garantierten, für bessere Umweltschutz-Standards sorgten und effektiver seien. Und viele Kommunen sehen sich gezwungen, die Wasserversorgung aus der Hand zu geben, wenn Geld in den Kassen fehlt.

Allerdings beobachten das viele Bürger und Organisationen mit Argwohn. Denn private Versorgungsunternehmen wollen Gewinne erwirtschaften – dadurch wird Wasser oft teurer. 

Wenn Wasser privatisiert ist, erhalten Konzerne extreme Macht über eine elementare Resource. Wasser verkommt zur Ware.

Deshalb hat Barlow die Umweltschutzbewegung Blue Planet Project mitgegründet. Sie will Trinkwasser vor der Bedrohung durch Handel und Privatisierung schützen.

Teil dieser Bewegung sind die sogenannten Blue Communities. Städte und Gemeinden, die mitmachen, verpflichten sich zu…

► den Grundsätzen der Anerkennung von Wasser als Menschenrecht,

► dem Erhalt von Wasser als öffentlichem Gut und

► der Bereitstellung von gutem Leitungswasser an Stelle von Flaschenwasser.

Angefangen hat das Ganze in Kanada, inzwischen machen Kommunen auf der ganzen Welt mit, darunter Paris, Thessaloniki und seit März 2018 auch Berlin.

 

Öffentliches Trinkwasser für jeden – und weniger Plastik

Für Barlow ist die einzige Lösung des Wasserproblems: Machtstrukturen herausfordern, die den gleichberechtigten Trinkwasser-Zugang verwehren.

Wie das funktioniert, zeigt sich auch in Deutschland. 

Die deutsche Hauptstadt plant gemeinsam mit den Wasserbetrieben und Bürgerinitiativen, an Verkehrsknotenpunkten wie dem Hauptbahnhof zusätzliche öffentliche Trinkwasserbrunnen einzurichten. Auch an öffentlichen Toiletten sollen künftig frei zugängliche Trinkwasserhähne angebracht werden. Außerdem soll die Gastronomie dazu angehalten werden, Gästen preiswert Leitungswasser in Karaffen anzubieten.

Es sind kleine Schritte. Aber sie zeigen Wirkung.

“Unser Ziel muss sauberes, erschwingliches, zugängliches, öffentliches Trinkwasser für jeden für immer sein”, sagt Barlow. “Aber solange Wasser Quelle von Konflikt, Gewalt und Krieg ist, wird Wasser niemals als Menschenrecht realisiert sein.” 

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In vielen ländlichen Regionen Afrikas ist Wasser ein Luxusgut. Täglich laufen die Menschen kilometerweit, um an Trinkwasser zu kommen.

Die Privatisierung von Wasser zu stoppen ist das eine, die andere Sache sind Klimawandel und Umweltverschmutzung. “Viele Menschen flüchten aus ihrer Heimat aus unterschiedlichen Gründen, aber sehr oft ist der Grund schlichtweg Dürre und der Mangel an Trinkwasser”, erklärt Barlow.

Wasser ist ein Geschenk ohne das wir nicht leben können

Selbst wenn wir von heute auf morgen sämtliche Treibhausgasemissionen stoppen würden, würde die Welt noch immer in einer Wasser-Krise stecken.

Barlow fordert daher auch von jedem einzelnen von uns achtsamer zu sein: Aufhören, Wasser aus Plastikflaschen zu kaufen, Plastikmüll vermeiden. Wasser als etwas Kostbares ansehen und nicht zu verschwenden. 

“Wir behandeln Wasser miserabel. Wir sind damit aufgewachsen, endlos Wasser zu haben, wir nehmen es als gegeben an, aber müssen es dringend schützen”, sagt sie. “Es ist ein Geschenk. Ein Geschenk, ohne das wir nicht leben können.” 

(ll)