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11/03/2018 10:21 CET | Aktualisiert 12/03/2018 12:33 CET

Ich trage Größe 42 und war in einem bauchfreien Top feiern

Kann man mich mit meiner nackten Speckrolle wirklich ansehen, ohne sich zu ekeln?

Bianca Kübler Photography
Die Autorin Nunu Kaller wollte ausprobieren, wie weit sie in Sachen Body Positivity und Selbstliebe wirklich ist.

96 Prozent aller Frauen weltweit haben etwas an sich auszusetzen. Auch Nunu Kaller kennt das Gefühl, nicht attraktiv genug zu sein, seit Kindertagen. In ihrem Buch “Fuck Beauty!” geht die Österreicherin der Frage nach, warum sich immer mehr Frauen unwohl in ihrer Haut fühlen.

Ich beschließe einen meiner geplanten Selbstversuche zu starten: Ich werde heute Abend ein bauchfreies Top anziehen.

Die runden Frauen auf Instagram schwören darauf, schwärmen von ihren “Crop Tops” und sehen auf den Fotos auch ganz wunderbar aus. So mutig! So schön! So sexy!

Mein Top ist langärmlig und schwarz, ich habe es für wenige Euro bei einer Online-Tauschbörse erstanden. Das Teil endet knapp unter meinen Brüsten, ich kombiniere es mit einem knielangen Lederrock, der sehr weit oben in der Taille sitzt, und hohe Stiefel.

Man sieht also von Hals bis Fuß nur knapp zehn Zentimeter Haut am unteren Rand meines Brustkorbs, ich fühle mich dennoch komplett nackt.

Ich habe meinen Bauch noch nie gemocht

Der Look ist sehr kraftvoll – und sehr schwarz. Es ist ein Outfit, wie man es an einem Beauty-Model erwarten würde, das mit stark geschminkten Augen und strengem Blick direkt und kampflustig in die Kamera schaut, mit Händen in den Rocktaschen und einer in die Seite geschobenen Hüfte.

Ich probiere genau diesen Gesichtsausdruck und diese Haltung aus – und vor mir im Spiegel steht eine Fremde mit einem zu kurzen Shirt. Die Kraft ausstrahlt. Die stark aussieht. Bauchfrei, aber trotzdem stilvoll.

Meinen Bauch habe ich mein Leben lang versteckt. Er ist wabbelig, weich, hängt im Sitzen über jeden Rock- oder Hosenrand, und ich mochte ihn einfach nicht – und wenn ich ehrlich bin, mag ich ihn immer noch nicht.

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Und während Oberschenkel und Hintern in diesem Lederrock, ein Fund aus dem Secondhandladen in der Nähe, sehr gut kaschiert sind, sieht der obere Teil meines Bauchs zum ersten Mal seit letztem Sommer im Bikini Luft.

Da es kalt ist, ziehe ich noch eine Weste drüber. Kaum zippe ich sie zu, fühle ich mich wohler. Aber Selbstversuch ist Selbstversuch, ich will ausprobieren, wie die Umwelt auf meinen Look reagiert.

Und vor allem will ich ausprobieren, wie weit ich in Sachen Body Positivity und Selbstliebe wirklich bin – habe ich die nötige Kraft, meine “Schwachstelle” so zu zeigen?

Seid ihr alle blind?

Der Abend beginnt bei einer Freundin, Lisa. Es treffen sich dort ein paar Freunde, um nachher gemeinsam in ein Tanzlokal in der Innenstadt zu gehen. Ich kenne nur zwei der fünf Personen, Lisa und ihren Freund. Es ist noch ein weiteres Pärchen sowie eine weitere Freundin von Lisa da.

Ich überlege im Flur kurz, ob ich die Weste noch anbehalten soll, schließlich ist das ja erst eine Art Vorglühen und gilt ja gar nicht und so.

Doch dann reiße ich mich zusammen, ziehe die Weste aus und gehe ins Wohnzimmer, wo die anderen bereits rund um den Couchtisch sitzen und Wein trinken. Die Stimmung ist ausgelassen, bereits an der Eingangstür habe ich lautes Gelächter gehört.

Kaum habe ich alle mit Handschütteln oder einem Wangenküsschen begrüßt, habe ich schon ein Weinglas in der Hand und die Diskussion setzt dort fort, wo ich sie zuvor unterbrochen hatte – mit dem Unterschied, dass nun auch ich sofort nach meiner Meinung gefragt werde. Niemand schaut mich schräg an,
niemand hat das Entsetzen vor meinem dicken, weißen Streifen Bauch im Blick, niemand grenzt mich aus.

Ernsthaft? Hallo? Seht ihr das nicht? Ich bin fett und trage ein bauchfreies Top! Seid ihr alle blind?

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Ich sitze da, ziehe den Bauch ein, dass es fast wehtut, und versuche gleichzeitig, mich an den wirklich lustigen Gesprächen zu beteiligen. Irgendwann bekomme ich so einen Lachanfall, dass ich für einige Minuten das Baucheinziehen vergesse.

Und wieder: Keine Blicke, die ausgetauscht werden. Ich könnte genauso gut in Yogahose und Schlabberpulli dasitzen.

Zum ersten Mal an diesem Abend kommt mir der eigentlich schon gewohnte Gedanke, den ich aber trotzdem noch nicht so ganz verinnerlicht habe: Bin das vielleicht nur ich selbst, die sich da im Weg steht? Kann man mich mit meiner nackten Speckrolle wirklich ansehen, ohne sich zu ekeln?

Meine Freundinnen sind genervt von meinen Komplexen

Nach knapp zwei Stunden beschließen wir aufzubrechen. Im Flur sagt Lisa ganz nebenbei zu mir: “Du siehst fantastisch aus! Bist heute auf Aufriss oder wie?”

“Ich? Bitte? Du weißt ganz genau, dass mir die Kerle meistens eher
zufällig passieren, als dass ich mir einen gezielt ausspähe …” 

“Und warum dann das Outfit, in dem du unter Garantie sämtliche Blicke kassieren wirst?”

“Das ist für mich. Es ist ein Test, wie ich mich mit sowas fühle. Ja, anstarren werden sie mich, aber sicher nicht, weil sie mich so geil finden, sondern weil
ich einen Meter achtzig gerade um acht weitere Zentimeter an meinen Schuhen verlängere und meinen Schwabbelbauch rausstehen lasse – das werden mehr so die ‘Jö schau, ein rosa Elefant!’-Blicke werden.”

Lisa rollt mit den Augen: “Wenn du das glaubst, bitte, aber …. nein, ich diskutier das nicht mehr mit dir. Du kannst nicht gleichzeitig auftreten wie eine Mischung aus Wonder Woman und Mad Men und dir einreden, du bist so hässlich.“
Doch, kann ich. Wobei mich der Unterton in Lisas Stimme noch weiter verunsichert.

Meinen Freundinnen gegenüber gehe ich offen mit meinen Schwächen um, und ich nerve sie damit also gehörig. Na toll. Das ist ja ein feiner Dämpfer für diesen Abend.

Am liebsten würde ich heimgehen und das Crop Top verbrennen

Es ist ein schräges Tanzlokal, das wir uns ausgesucht haben – ein ehemaliges Kabarett, in dem in den Sechzigerjahren Helmut Qualtinger oder André Heller auftraten, und das inzwischen als Club am Leben gehalten wird.

Kristalllüster hängen von der Decke und schwere, rote Samtvorhänge an den Wänden. Freitags ist Rock- und Punkabend. Alle tragen schwarz. Kurz habe ich die Hoffnung, dass ich unter lauter schwarz Gekleideten einfach nicht auffallen werde, sofern das als Frau mit knappen eins achtzig plus hohen Absätzen möglich ist.

Doch als ich mich kurz in einem Spiegel neben der Tanzfläche sehe, erschrecke ich: In dem Raum hängen anscheinend mehrere Schwarzlichtlampen. Alles, was hell oder farbig ist, leuchtet stark aus der dämmrigen Umgebung heraus.

Manchmal find ich das ja ganz lustig, wenn beispielsweise die
eigenen Zähne leuchten oder man am Pullover des Gegenübers erkennen kann, dass er eine weiße Katze hat.

Doch wenn der eigene Bauch, das Körperteil, das man sich jahrelang am liebsten weggeschnitten hätte, heller leuchtet als die Glühbirne selbst, dann findet man das nicht mehr gar so lustig. Scheiße.

Am liebsten würde ich umdrehen, heimgehen und das Crop Top zu Hause rituell
verbrennen. Aber ich habe Eintritt bezahlt und sie spielen gerade eine meiner Lieblingsnummern, bei der ich absolut nicht stillsitzen kann. Aus. Von meinem Outfit werde ich mir doch nicht den Abend verderben lassen.

Da bin ich seit Monaten überzeugt, dass mein Körper ganz in Ordnung ist und ich mich viel zu sehr auf meine Makel konzentriert habe, und dann wirft mich so ein Stück Stoff (okay, genau genommen so ein Stück Stoff zu wenig) zurück in meine schlimmste Ich-bin- so-fett- und- hässlich-Phase?

Wie geht’s denn mir gerade schon wieder?! Pah. Was diese ganzen tollen Body-
Positivity-Frauen können, schaff ich doch auch! “Fuck Beauty!”, rufe ich laut aus (glücklicherweise ist die Musik noch viel lauter), stürme die Tanzfläche und gebe Vollgas.

Ich werde angeflirtet

Nach etwa einer Stunde tanzen, toben und springen, während der ich nur mich und die Musik wahrgenommen habe, bin ich komplett durchgeschwitzt und erkenne einen großen Vorteil des Crop Tops: ganz schön angenehm, wenn man
ein bisschen Luft rund um den Bauch hat!

Nur bei zwei Sachen hilft der freie Bauch nicht: Ich habe Durst und meine Füße tun bereits ordentlich weh. Aber auch das lässt sich lösen.

Auf dem Sofa neben der Bar sitzen Lisa und ihre Freundin. Ich bestelle mir ein Bier und lasse mich neben sie auf das Samtungetüm plumpsen, noch ganz vollgepumpt mit den Glückshormonen vom Tanzen.

Genüsslich lasse ich den Stoppelverschluss meines Bieres aufploppen und nehme einen großen Schluck. Herrlich. So gehört sich das. Neben mir sitzt Lisa.

“Nunu, du hast recht gehabt. Alle starren dich an.” 

“Danke auch. Gerade noch war ich so gut drauf.” 

“Sag mal, spinnst du? Hast du die Blicke überhaupt gesehen? Während du getanzt hast, haben dich diese beiden da an der Bar dauernd angeschaut, der Kerl da hinten beim Spiegel ebenso. Und du bist drei Mal angetanzt worden von Kerlen, hast aber genau nix gecheckt.”

“Bitte?!” Ich schaue mir die Typen an, auf die sie gezeigt hat. Zwei Mal erwische ich ihren Blick, weil sie immer noch her starren, und beide fangen sofort zu lächeln an. So … als … ob … die … flirten?

Moment mal, es ging mir darum, mir selbst zu beweisen, dass ich nicht angestarrt werde. Dass ich ganz normal aussehe, und dass so ein Crop Top nicht dafür sorgt, dass alle, die einen Blick auf meinen Bauch werfen müssen, von diesem Anblick geblendet werden und schreiend in alle Richtungen vor
mir weglaufen. Ich meine, hätte ja passieren können!

Okay, ich gebe es ja zu, gar so wahrscheinlich war ein solcher Weltuntergang aufgrund meines Outfits nicht. Aber ich hatte schlicht Angst vor abschätzigen Blicken, vor dem typischen “Wie schaut diiiiie denn aus?”.

Aber dass ich stattdessen auch noch anziehend wirke, hätte ich mir nie im Leben gedacht.

Zufrieden nippe ich an meinem Bier. Kennenlernen will ich übrigens keinen der Jünglinge.

Endgültig gerettet ist der Abend übrigens, als auf der Toilette eine Frau zu mir sagt, wie toll ich aussähe. Eine Frau! Wenn ich eines in den vergangenen Jahren gelernt habe, dann: Das Kompliment einer Frau ist sehr viel mehr wert als das eines Mannes. Evolution und so. 

Buchauszug aus “Fuck Beauty” von Nunu Kaller, das am 11. Januar im Kiwi-Verlag erschien. 

(amr)