ELTERN
29/06/2018 17:12 CEST

Mangelnde Frustrationstoleranz: Kinder leiden unter überfürsorglichen Eltern

Spätestens in der Schule können die Kinder große Probleme bekommen.

Oksana_Alex via Getty Images
Kinder leiden darunter, wenn Eltern sich zu stark einmischen. 
  • Experten beobachten seit Jahren, dass Kinder über eine immer geringere Frustrationstoleranz verfügen. 
  • Eine neue Studie stellt die Verbindung zu einem überfürsorglichen Erziehungsstil der Eltern her. 

Wenn Kinder sich wütend auf den Boden werfen, kreischen, schreien und weinen, weil etwas gerade überhaupt nicht so läuft, wie sie wollten, ist das nichts Ungewöhnliches. Es ist sogar Teil einer gesunden Entwicklungbei Kleinkindern. Ein Kind muss erst lernen, wie man mit Frustrationen umgeht.

Spätestens mit der Einschulung sollten Kinder allerdings gelernt haben, mit kleineren Rückschlägen umzugehen. Experten beobachten jedoch, dass es zunehmend auch ältere Kinder sind, denen diese Fähigkeit fehlt. Die gravierenden Folgen begleiten betroffene Kinder oft ein Leben lang.

Doch wie kommt es dazu, dass viele Kinder heute über eine so geringe Frustrationstoleranz verfügen?

Professor Klaus Hurrelmann sieht die Ursache im Verhalten der Eltern. Der Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsforscher glaubt, dass Kinder heute häufig unter einem überfürsorglichen Erziehungsstil der Eltern leiden und gleichzeitig einem immensen Leistungsdruck ausgesetzt sind.

Eltern geben zu wenig Freiraum 

“Es gibt immer mehr Eltern, die ihrem Kind nicht den Freiraum lassen, selbst Erfahrungen zu machen. Sie sind zu dicht an ihrem Kind dran und müssten eigentlich einen Schritt zurücktreten”, sagte Hurrelmann der HuffPost.

Das führe dazu, dass Kinder Aufgaben abbrechen, hinschmeißen, trotzig werden, oder sich in eine andere Handlung flüchten, um der Frustration aus dem Weg zu gehen.

Hurrelmanns Beobachtungen passen zu den Ergebnissen einer neuen Studie aus den USA und der Schweiz, die zeigen, dass Kinder von überfürsorglichen Eltern im Vergleich zu anderen über eine schlechtere Impulskontrolle verfügen, emotional instabiler sind und in der Folge schlechter in der Schule abschneiden.

Überfürsorglicher Erziehungsstil richtet Schaden an

Wissenschaftler der University of Minnesota Twin Cities, University of North Carolina und der Universität Zürich haben sich zusammengetan und insgesamt 422 Kinder über einen Zeitraum von mehr als acht Jahren immer wieder untersucht.

Die Forscher führten verschiedene Tests mit den Kindern und ihren Müttern durch.

Sie beobachteten dabei die zweijährigen Kinder beim Spielen mit ihren Müttern und untersuchten, wie stark die Mütter in das Spiel eingriffen und es zu kontrollieren versuchten.

Bei ihren Beobachtungen stießen die Forscher auf einige interessante Zusammenhänge. 

Kinder, bei denen im Alter von zwei Jahren ein überfürsorglicher Erziehungsstil der Mutter festgestellt wurde, hatten als Fünfjährige größere Schwierigkeiten, ihre Impulse und Emotionen zu kontrollieren und fielen als Zehnjährige durch schwächere schulische Leistungen und emotionale Probleme auf.

“Unsere Studie hat gezeigt, dass Kinder mit Helikopter-Eltern möglicherweise weniger in der Lage sind, die anspruchsvollen Anforderungen des Erwachsenwerdens zu bewältigen, vor allem wenn es darum geht, sich in einer komplexen Schulumgebung zurechtzufinden“, sagte Nicole Perry von der University of Minnesota Twin Cities in einer Pressemitteilung der American Psychological Association.

„Kinder, die ihre Emotionen und ihr Verhalten nicht effektiv regulieren können, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit im Unterricht stören, mehr Probleme damit haben, Freunde zu finden und häufiger Schwierigkeiten in der Schule haben.“

Viele Eltern sehen sich als Partner des Kindes

Professor Hurrelmann erklärte, woran es liegt, dass Kinder von überfürsorglichen Eltern sich häufig so schwer tun. Denn obwohl die Eltern nur helfen wollen und die besten Absichten haben, wird ein Aspekt häufig missverstanden:

“Viele Eltern machen den Fehler, dass sie sich als Partner des Kindes verstehen und alles mit dem Kind zusammen machen. Dabei kann das Kind nicht lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und es kann dann auch nicht lernen, mit einer Enttäuschung auf angemessene Weise umzugehen”, erklärte Hurrelmann.

Man stelle sich etwa ein Kind in der Grundschule vor, das im Mathematikunterricht nicht gut mitkommt. Die Eltern bemühen sich, machen zu Hause viel, achten darauf, dass die Aufgaben erledigt werden. Trotzdem gibt es eine schlechte Arbeit nach der anderen.

“Das ist etwas, das viele Kinder heute nicht aushalten können”, sagte Hurrelmann. “Das ist für sie einfach unerträglich, weil die Mutter oder der Vater so intensiv mit ihnen gearbeitet haben und trotzdem ist nichts draus geworden.”

Hohe Erwartungshaltung der Eltern belastet Kinder 

Durch das ständige Üben mit dem Kind haben die Eltern sich stark eingemischt. Mit ihrem Verhalten haben sie das Kind unbewusst unter Druck gesetzt und ihm das Gefühl vermittelt, dass sie etwas Besseres von ihm erwarten. 

“Es ist natürlich eine starke Belastung für ein Kind, wenn die Eltern so hohe Erwartungen haben”, sagte Hurrelmann.

“Und es verhindert, dass das Kind sich traut, auch mal einen Fehler zu machen und diesen einzugestehen. Viele haben das Gefühl, dass sie sich keinen Fehltritt leisten dürfen, weil sie sonst ihre Eltern verletzen und enttäuschen könnten”, erklärte der Wissenschaftler.  

“Kinder müssen um ihrer selbst willen geliebt werden”

Auch Neurobiologe Gerald Hüther sieht in einem solchen Verhalten der Eltern eine große Gefahr. Eltern, die durch so eine Überbehütung enormen Druck beim Kind aufbauen, verletzen seiner Ansicht nach die Grundbedürfnisse des Kindes und richten seelischen Schaden an.

“Ein Kind muss spüren, dass es um seiner selbst willen geliebt wird. Und nicht, weil es irgendetwas leistet”, sagte Hüther im Gespräch mit der HuffPost.

Wenn dies nicht der Fall sei – etwa, weil das Kind spürt, dass seine Eltern bessere Noten oder ein anderes Verhalten von ihm erwarten – würden seine Grundbedürfnisse nach Verbundenheit auf der einen und Autonomie auf der anderen Seite verletzt.

“Diese Grundbedürfnisse sorgen dafür, dass Kinder sich anstrengen, um ihren Eltern zu gefallen und zu zeigen, dass sie etwas drauf haben”, erklärte der Hirnforscher.

“Wenn man ein Kind jedoch zum Objekt seiner Kritik, oder seiner Belehrungen, seiner Ziele und Absichten oder gar Maßnahmen macht, werden beide Grundbedürfnisse gleichzeitig verletzt.”

Diese Verletzung vergleicht Hüther mit dem Entzug von Nahrung und Wasser:

“Das ist seelisch ungefähr so, als ob man gleichzeitig das Essen und das Trinken wegnimmt und die Kinder Hunger und Durst leiden.”

Wie Kinder lernen, mit Rückschlägen umzugehen

Was Kinder brauchen, um Rückschläge hinnehmen zu können und eine hohe Frustrationstoleranz zu entwickeln, sind also eine sichere Bindung auf der einen und viel Freiraum zur Persönlichkeitsentfaltung auf der anderen Seite.

“Für das Kind ist es wichtig, dass Signal zu bekommen: Ich vertraue darauf, dass du das selbst kannst. Deshalb halte ich dich nicht fest, sondern ich stehe einen Schritt hinter dir. Diese Haltung ist so wichtig, weil sie dem Kind signalisiert, dass es für sich selbst verantwortlich ist”, erklärte Hurrelmann.  

Eltern fällt es offenbar jedoch zunehmend schwer, dieses Vertrauen in ihre Kinder zu entwickeln. Stattdessen übernehmen sie die Kontrolle, halten lieber selbst die Fäden in der Hand. Hinter diesem Verhalten steckt etwas sehr Naheliegendes: Eltern haben heute schlichtweg mehr Angst als die Generationen vor ihnen.

Die irrationale Angst vor Gefahren

“Die Eltern spüren Unsicherheit in der Gesellschaft und glauben, die Gefahren lauerten an jeder Ecke und sie müssten ihr Kind beschützen. Deshalb mischen sie sich so stark ein”, sagte Hurrelmann.

Das sei jedoch gegen die Rationalität: “In Wirklichkeit passieren täglich immer weniger Übergriffe, das Risiko, dass man in einen Unfall verwickelt wird, ist sehr klein, die Gewalt auf den Straßen allgemein ist zurückgegangen”, betonte der Professor.

Das Ganze werde auch dadurch beschleunigt, dass Eltern heutzutage häufig nur ein Kind hätten, auf das sie all ihre Wünsche und Erwartungen projizierten.

Diesem Kind werden dann alle möglichen Hindernisse aus dem Weg geräumt, damit es einmal mehr erreicht als die Eltern selbst. Was sie damit jedoch erreichen, ist das Gegenteil.

Überfürsorgliche Eltern erziehen schwache Persönlichkeiten

“Wenn Kinder nie lernen, Enttäuschungen oder Rückschläge hinnehmen zu müssen, werden sie zu schwachen Persönlichkeiten”, glaubt Hurrelmann.

Kein Kind könne lebenstüchtig werden, wenn man ihm nie gestatte, auch mal ein Risiko einzugehen.

Es gibt daher nur eine naheliegende Lösung für ein Problem, das mehr und mehr unsere ganze Gesellschaft betrifft: Man muss den Eltern die Angst vor dem Versagen nehmen – zum Beispiel durch gezielte Eltern-Trainings:

Es gibt sehr viele Angebote heute und man kann auch beobachten, dass die Eltern diese Hilfe auch gerne annehmen”, sagte Hurrelmann.

Wenn Eltern verstehen, dass sie ihrem Kind am besten helfen, wenn sie ihm gestatten, so zu sein, wie es ist und nicht versuchen, es nach ihren Vorstellungen von Glück und Erfolg zu formen, werden die Kinder von ganz allein ihre Selbstständigkeit entwickeln. Denn dann lernen und arbeiten sie aus eigenem Antrieb. Sie lernen dann für sich – und nicht für ihre Eltern.

So entwickeln sich die starken Persönlichkeiten, die wir in Zukunft noch dringend brauchen werden. 

(kap)