BLOG
18/01/2019 13:35 CET | Aktualisiert 18/01/2019 13:35 CET

Pigmentstörung: "Früher war ich schwarz – so werde ich nun als Weiße behandelt"

Ich verstehe jetzt, warum einige Weiße nicht merken, dass es Rassismus gibt.

Paula / HuffPost UK
Früher war Paulas Haut dunkel – wegen ihrer Krankheit wurde sie immer blasser.

Paula kam in jungen Jahren aus Indien nach Großbritannien. Zunächst fiel sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe auf – dann allerdings bekam sie Vitiligo: Das ist eine seltene Hauterkrankung, bei der die Pigmentierung stellenweise oder flächendeckend verloren geht. Es entstehen weiße Flecken auf der Haut.

Mittlerweile wird Paula als weiße Frau wahrgenommen. Erst nachdem sich ihre Hautfarbe gewandelt hat, hat sie verstanden, wie präsent Rassismus in unserem Alltag ist.

Ich bin als Mädchen mit dunkler Haut in Indien aufgewachsen, aber seit 18 Jahren lebe ich als weiße Frau in Großbritannien.

Als wir in den 70er-Jahren hierher zogen, hatte Enoch Powell erst wenige Jahre zuvor seine ”Rivers of Blood-Rede (“Ströme von Blut”) gehalten. Das bedeutete, dass man damals als Asiate auf jeden Fall mit Rassismus konfrontiert werden würde – in welcher Form auch immer. Erst, nachdem wir Indien verlassen hatten, wurde mir bewusst, dass ich dunkelhäutig war. Meine Mitschüler nannten mich “Paki”. Anfangs verwirrte mich das, und ich erinnerte sie immer wieder daran, dass ich aus Indien und nicht aus Pakistan kam.

In meiner Familie taucht seit drei Generationen Vitiligo auf. Bei dieser Krankheit führt Melanin-Mangel dazu, dass sich blass-weiße Flecken auf der Haut bilden. Nachdem ich aus Indien ausgewandert war, entstanden weiße Flecken um meine Augen, am Hals und an den Händen.

Mehr zum Thema: 20-jähriger Flüchtling: “Liebe Rassisten, ich bin echt und werde nicht schweigen”

Auch mein Vater hat seine Pigmente verloren

Die Verwandlung von Braun zu Weiß schien in meiner Familie normal zu sein – bei meinem Vater war genau dasselbe passiert. Er hatte eine universelle Vitiligo, was bedeutete, dass er all seine Pigmente verloren hatte und weiß geworden war. Er sprach selten darüber, aber wir wussten, dass das Leben in Indien für ihn schwer gewesen war.

► Menschen spuckten ihn an, wenn er vorbeikam.

► Türen wurden ihm vor der Nase zugeschlagen.

► Andere Leute wollten nicht mehr anfassen, was er berührt hatte.

Vitiligo wurde als eine Form der Lepra angesehen. Das einzige Foto, das wir von ihm haben, zeigt ihn als gut aussehenden, dunkelhäutigen indischen Mann.

Um mir das Leben zu erleichtern, schlugen meine Eltern vor, eine “Milch- und Fischdiät” zu beginnen, die die Vitiligo beschleunigen sollte. Ich musste ein kaltes Stück Fisch (ohne Teigmantel) essen und werktags ein Glas Milch trinken. Ich gewöhnte mich so sehr an diese Diät, dass ich sie von meiner Teenagerzeit bis in meine frühen 30er Jahre fortführte. 

In meiner Teenie-Zeit fing ich an, meine Flecken abzudecken

Meine Eltern unterstützten mich in dieser Zeit sehr. Als sie in meinen Teenagerjahren merkten, dass mir meine Flecken zusetzten, zeigten sie mir eine “Abdeck”-Methode. Für eine 14-Jährige war sie nicht gerade einfach umzusetzen, und man musste ein wenig herumprobieren.

Man muss eine winzige Menge Kaliumpermanganat-Kristallen in Wasser auflösen und in eine kleine Flasche abfüllen. Wenn den Kristallen etwas Wasser hinzugefügt wird, ändern sie ihre Farbe.

Die Kunst bestand darin, die Farbe so zu wählen, dass sie meinem Hautton am nächsten kam. Dann färbte ich mit einem Wattestäbchen die Flecken um meine Augen, auf meinem Körper und meinen Händen und deckte meine Haut zusätzlich mit Make-up ab.

Das zu perfektionieren war zeitaufwendig und gelegentlich auch schmerzhaft: Wenn sich die Kristalle nicht vollständig aufgelöst hatten, verätzten sie die Haut. Die fertige Masse durfte man nicht anfassen, also kein Augenreiben, kein Kratzen der Nase, und Gott bewahre, wenn ich vom Regen erwischt wurde. Dazu noch die zahlreichen Krägen, die vom Make-up verfärbt wurden.

So anstrengend es war, dieses Prozedere jeden Tag aufs Neue durchzumachen, so sehr gab es mir letztlich auch die Möglichkeit, ein erfülltes Leben zu führen: Kontakte zu knüpfen, ausgiebig um die Welt zu reisen, zu arbeiten, zu heiraten, eine Familie zu gründen, von meinen späten Teenager-Jahren bis in meine frühen 30er. Ich vergaß die Flecken, sobald ich sie verdeckt hatte.

Paula / HuffPost UK
Paula, bevor ihre Haut blass wurde.

Der Nachteil des ”Übertünchens” war, dass ich einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt hatte und jedem, der mir Komplimente für mein Aussehen machte, nicht glaubte. In meiner Jugend hatte sich mir ein Satz tief ins Hirn gegraben: “Vom Weiten seh’ ich gut aus – aus der Nähe ist‘s ein Graus.”

“Schmink dich einfach nicht”, sagte ein Freund

In der Schwangerschaft und nach der Geburt meines zweiten Kindes beschleunigte sich meine Vitiligo. Ich verlor mehr als 60 Prozent meiner Pigmentzellen und fand es schwierig, meine Flecken zu abzudecken. Die Situation spitzte sich zu, als wir einige Jahre später in Frankreich waren. Angesichts der extremen Hitze und der großen Hautpartien, die betroffen waren, wurde es unmöglich, alles abzudecken.

“Schmink dich einfach nicht“, riet der Freund, den wir besuchten.

Es fühlte sich so befreiend an, ohne Grundierung ausgehen zu können – ich hatte Großbritannien als Angehörige einer ethnischen Minderheit verlassen und kehrte mit dem Aussehen einer englischen Rose zurück.

In den ersten Tagen, Wochen und Monaten fühlte es sich surreal an, so herumzulaufen. Ich schaute in den Spiegel und sah eine völlig fremde Person. Ich wünschte, mein Vater hätte sehen können, wie weiß ich geworden war. Ich hätte ihn gerne gefragt, wie er mit dem Verlust nicht nur seines Pigments, sondern eines Teils seiner Identität umgegangen ist.

Meine Eltern hatten mir damals erklärt, dass ich weiß werden würde. Aber jetzt, da ich weiß geworden war, war mein Vater nicht da, um mir zu sagen, was ich als Nächstes tun sollte. Ich kann nur annehmen, dass es für ihn in Indien schwieriger gewesen sein muss, weiß zu werden.

Mehr zum Thema: Rassisten wollten mich “nach Hause” schicken, also lief ich 2000 Kilometer durch Europa

Ich hatte mein indisches Aussehen abgelegt

Früher war es normal gewesen, zum Beispiel an der Bushaltestelle ein Gespräch mit jemand anderem zu beginnen, der einer ethnischen Minderheit angehörte. Jetzt nickten sie mir nur noch zu und lächelten höflich. Ich fragte mich, was passiert wäre, wenn ich im Alltag einen Sari statt Jeans und Shirt getragen hätte. Aber ich hatte in meinem Erscheinungsbild alles Indische abgelegt.

Nachdem ich mit dem Übermalen aufgehört hatte, änderte sich alles. Besonders schwierig war es in der Schule meiner Kinder – den Blick nach unten gerichtet, lächelte ich als Reaktion auf die neugierigen Blicke der Lehrer und Eltern. Ich wollte nicht über mein verändertes Aussehen sprechen. Die Frage eines neugierigen Lehrers beantwortete ich stolz mit: “Das muss wohl an der neuen Brille liegen.”

Plötzlich war alles neu und ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte – welche Farbe, Kleidung und welches Make-up passten jetzt zu mir?

Als weiße Frau begann ich, mich einzumischen. Etwas, das ich schon seit Jahren tun wollte. Ich musste nicht mehr ständig lächeln, um die Menschen freundlich zu stimmen. Ich könnte ich selbst sein. In Geschäften war ich willkommen, die Angestellten waren hilfreich, nichts war zu viel verlangt. Ich verstehe jetzt, warum einige Weiße nicht merken, dass es Rassismus gibt.

Mir fielen sämtliche Formen von Alltagsrassismus auf

Mir fielen eher subtile Formen von Rassismus auf. Die Verkäuferin, die mich anschaut und mit den Augen rollt, wenn eine asiatische Dame vor mir etwas fragt – und dabei auf meine stille Zustimmung zählt; der Typ im Fotoladen, der glaubt, seine engstirnigen Ansichten über den Inder, der sein Auto draußen parkt, interessieren mich.

Wenn ich mit meiner dunkelhäutigen Schwester einkaufen gehe, beobachte ich ständig Rassismus. Es besteht ein großer Unterschied darin, wie wir behandelt werden. Vor einigen Jahren beschuldigte eine Frau meine Schwester indirekt, einen Schal gestohlen zu haben – es kam eine ganze Gruppe von Menschen infrage, und sie wählte die einzige dunkelhäutige Person aus.

Nachdem sie den Schal schließlich gefunden hatte, wollte sie sich nicht einmal bei meiner Schwester entschuldigen, also fragte ich sie provozierend: “Hätten Sie jemand anderem hier dieselbe Frage gestellt?” Sie sah nur perplex drein und murmelte etwas davon, dass sie unterbesetzt seien, während ich sie bat, es sich zweimal zu überlegen, bevor sie unbegründete Anschuldigungen macht.

Ich hatte große Schuldgefühle, als ich entdeckte, dass meine Tochter ebenfalls Vitiligo hat. Zum ersten Mal suchte ich Hilfe. Ich schloss mich der Vitiligo-Society an, die meinen Mann und mich unterstützte. Wir beschlossen, dass unsere Tochter keine Behandlung durchlaufen oder Make-Up verwenden sollte, damit sie eine starke, selbstbewusste und unabhängige Frau wird.

Ist es Angst, Unwissenheit, Ekel, Neid oder etwas anderes, das den irrationalen Hass auf einen anderen Menschen aufgrund seiner Hautfarbe schürt?

Als Angehörige einer ethnischen Minderheit fühlte ich mich nicht in der Lage, auszudrücken, wie sehr mich die Kommentare und Verhaltensweisen von Menschen verletzten. Nun hoffe, dass wir alle gemeinsam mutiger sein und unsere Stimmen gegen den ekelhaften, alltäglichen Rassismus, den wir erleben, erheben werden. Er höhlt die Seele des Menschen aus.

Dieser Text erschien ursprünglich in der HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übersetzt von Sandra Tjong. 

(jg)