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06/09/2018 11:36 CEST | Aktualisiert 06/09/2018 14:02 CEST

Früher Soldatin, heute Friedensstifterin in Israel: Gegen Hass hilft nur Streiten

“Unser Ziel ist es, die Menschen dazu zu bringen, selbst Verantwortung zu übernehmen."

Nava Sonnenschein / Reuters
Nava Sonnenschein.

Ein sanfter Hügel, gespickt mit saftig grünen Palmen, Tannen und Dutzenden strahlend weißen Häuschen. Mitten im Nirgendwo, genau in der Mitte zwischen Jerusalem und Tel Aviv, liegt Neve Shalom/Wahat al Salam (NSWAS), die “Oase des Friedens”.

Der französisch-israelische Priester Bruno Hussar hat das Dorf vor nunmehr 46 Jahren gegründet. Es sollte ein Ort werden, in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam wohnen und ihren Alltag teilen. Ein Leben, das auf Gleichberechtigung und Respekt basiert – fernab von Gewalt, Hass und Krieg.

Heute leben mehr als 260 Menschen in NSWAS, Juden und Palästinenser haben sich ineinander verliebt, immer im Wechsel stellen Juden und Palästinenser jedes Jahr einen neuen Bürgermeister, Kinder wurden in der Oase des Friedens geboren, es gibt einen bilingualen Kindergarten, eine bilinguale Schule – und die “School of Peace”.

Die Israelin Nava Sonnenschein hat sie 1979 gegründet. Anfang der 1970er-Jahre kämpfte sie als Soldatin im Jom-Kippur-Krieg, fünf Jahre später wollte sie etwas gegen Gewalt, Hass und das Sterben tun. Viele ihrer Freunde bezahlten den Krieg mit ihrem Leben.

Inzwischen haben über 40.000 Menschen aus Konfliktregionen in aller Welt ihre Friedensschule besucht. Dort lernen die Menschen etwas über die zwei Theorien, die Sonnenschein mit anderen Wissenschaftlern entwickelt hat.

Es geht darum, wie Gruppenkonflikte entstehen:

  1. Konflikte entstünden entweder, wenn es Konkurrenz um Ressourcen gebe – in Israel sei das der Kampf um die Verteilung von Land. Damit habe alles begonnen, und auch heute noch sei das einer der Hauptkonfliktgründe, sagt Sonnenschein.
  2. Nach der zweiten Theorie liegt Konflikt schon in der Natur des Menschen. Demnach gehört es zur Identität, dass jedes Individuum Teil einer Gruppe sein will – und dieses Selbstwert- und Gruppengefühl kann durch Vorurteile und Hass auf andere bestärkt werden.

Um Konflikte zu lösen, müsse das Bewusstsein für diesen psychologischen Mechanismus beim Einzelnen geschaffen werden – und so könne das Konfliktpotenzial gemindert werden, sagt Sonnenschein und hat vor diesem Hintergrund die School of Peace aufgebaut.

Juden und Palästinenser treffen aufeinander, die zuvor noch nie miteinander gesprochen haben

“In die Friedensschule kommen Menschen, die meistens noch nie jemanden von der anderen Seite getroffen haben. Sie kommen zu uns und beginnen, miteinander zu sprechen, in einen tiefen Dialog zu treten”, sagt die Pädagogin der HuffPost.

Sie bringt Israelis und Palästinenser in einen Raum, an einen Tisch. 

Nicht nur, damit sie sich höflich zuhören. Sondern auch, damit sie sich richtig zoffen können.

“Unser Gefühl sagt uns, Menschen müssten sich nur richtig kennenlernen, um Hass und Vorurteile abzubauen – doch Verständnis und Mitgefühl allein können Konflikte zwischen Gruppen nicht lösen”, sagte Sonnenschein gegenüber Peace Counts.

 

Nava Sonnenschein
Nava Sonnenschein (2. v. rechts) im Gespräch mit medizinischen Fachkräften.

Es geht nicht darum, Probleme auszublenden, nur weil man den Gesprächspartner auf der anderen Seite des Tisches persönlich ganz nett findet. Es geht nicht oder nicht nur um persönliche Freundschaften. 

Es geht geht darum, Strukturen zu verstehen. Darum, nicht nur die Gegenseite, sondern auch ihr eigenes Verhalten zu durchschauen. Die Teilnehmer sollen sich bewusst machen, welche Rolle sie im Konflikt spielen. “Danach können sie sich nicht länger nur als Opfer sehen.”

Sonnenschein ist überzeugt, dass die Dynamik des Konflikts spürbar sein muss, um etwas zu verändern. Deshalb will die Israelin, dass sich die Workshop-Teilnehmer streiten, ja sogar anbrüllen – auch über Themen, die schmerzhaft sind. Das hilft gegen Hass.

Jeder Einzelne muss Verantwortung übernehmen, um Konflikte zu überwinden

Tausende Menschen hat die School of Peace einander näher gebracht, hunderte Begegnungszentren in der gesamten Region aufgebaut.

Dennoch: Die allgemeine Situation ist nicht gut, sagt Sonnenschein.

“Es fehlt an demokratischen Strukturen, die Regierungen schüren Hass gegen die andere Seite und die Friedensgespräche liegen schon zu lange auf Eis”, sagt die Pädagogin der HuffPost. Auch die Landverteilung zwischen Palästinensern und Israelis sei weiterhin ein massives Problem. “Wir können nicht länger weitermachen wie bisher.”

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Deshalb bringt die Friedensschule nicht nur beliebige Palästinenser und Israelis zusammen, sondern auch Experten der gleichen Fachrichtungen und vernetzt sie. “Zum Beispiel treffen sich bei uns in der Schule einmal im Monat israelische und palästinensische Mediziner”, sagt Sonnenschein.

So können Netzwerke entstehen, die viel mit dem Alltag zu tun haben. 

“Unser Ziel ist es, die Menschen dazu zu bringen, selbst Verantwortung zu übernehmen, es gibt viele Wege, Gerechtigkeit zu fördern, Menschen zu helfen.”

Aus junge Israelis und Palästinensern werden führende Kämpfer für Menschenrechte 

Ihre Methode ist äußerst unkonventionell – aber erfolgreich. Das Israel Institute of Applied Social Research veröffentlichte eine Studie, die darlegt, dass die Methode der School of Peace die effektivste für jüdisch-arabische Begegnungen darstellt.

Hunderte Friedensstifter, die in Projekten auf der ganzen Welt arbeiten, hat die School of Peace bereits ausgebildet. Sie halten auf der ganzen Welt Vorträge, konzipieren Workshops, um Rassismus und Ungleichheit zu bekämpfen und den Frieden voranzutreiben.

Sonnenschein ist stolz auf die starken Persönlichkeiten, die sich entwickelt haben.

Da ist der junge Mann, der mit 22 zum ersten Mal in die School of Peace gekommen ist und heute als Menschenrechtsanwalt arbeitet, oder die junge Frau, die Schäferin war, dann einen Workshop in der Friedensschule besucht hat und inzwischen eine NGO gegründet hat.

Es sind nur zwei Schicksale. Aber Sonnenschein hat Hunderte solcher Geschichten zu erzählen. “Es gibt so viele Menschen, die zu uns gekommen sind, damit begonnen haben, einen Dialog mit der anderen Seite zu führen. Und dann werden sie führende Kräfte und Sprachrohre, die für Menschenrechte, Dialog und Frieden in unserer Region kämpfen.”

Nava Sonnenschein ist Teilnehmerin des globalen Friedensgipfels, der im September 2018 in Paretz in Brandenburg stattfindet. Zahlreiche führende Friedensstifterinnen und Friedensmacher aus aller Welt treffen sich beim Global Peacebuilders Summit und beraten darüber, wie ihre Arbeit in Krisengebieten noch wirksamer werden kann. Die Organisation Culture Counts Foundation organisiert diesen Gipfel jährlich, um Friedensstifter zu unterstützen.

Wenn ihr den Gipfel und die Friedenstifterinnen und Friedensmacher unterstützen wollt, könnt ihr das hier tun:

(sk)