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07/08/2018 19:05 CEST | Aktualisiert 07/08/2018 22:23 CEST

Früher RTL-Moderator, heute Verschwörungstheoretiker? Ein Tag mit Hans Meiser

"Bevor ich Verschwörungstheoretiker bin, ist der Papst Mohammed persönlich."

“Mein Name ist Hans Meiser und das ist Watergate.TV – die Jagd nach der Wahrheit.”

Hans Meiser trägt Krawatte, Hemd und Sakko und blickt ernst in die Kamera. Hinter ihm sind Hochhäuser und eine Weltkugel auf dem Greenscreen zu sehen. Es könnte das TV-Studio einer ernstzunehmenden Nachrichtensendung sein. Würden im Anschluss nicht Beiträge kommen wie “11 Gründe für Deutschlands baldigen Untergang” oder “Weißkittelmafia verhindert Krebsheilung”.

“Watergate.TV-Redakteur Hans Meiser” steht in Meisers Bauchbinde. Das klingt nach einer Satire-Figur, die Jan Böhmermann unter der Dusche eingefallen ist.

Aber der “Watergate.TV”-Redakteur Hans Meiser ist keine Satire, er ist echt. Der einst gefeierte Fernsehmoderator hat sein Talent und seine Bekanntheit an eine Verschwörungsseite im Netz verschenkt. Nebenbei bewirbt Meiser aktuell dubiose Börsenbriefe im Internet und ein “Supervitamin ab 50”.

Es ist derselbe Mann, der seit 55 Jahren als Journalist arbeitet, seit 34 Jahren im Fernsehen auftritt und als Legende gilt, als erster großer deutscher Nachmittags-Talker. Der Interviews mit Prinz Charles und zahlreichen Prominenten und Politikern geführt hat, darunter das letzte TV-Interview mit Willy Brandt vor seinem Tod. Der als Vorgänger von Peter Klöppel “RTL aktuell” moderiert hat. Und dessen Nachmittagstalkshow “Hans Meiser” als Mutter aller deutschen Talksendungen gilt.

Über diesen Mann heißt es seit gut einem Jahr in den Medien, er sei ein Verschwörungstheoretiker, vielleicht auch ein Rechtspopulist.

Ist er das tatsächlich? 

YouTube/WatergateTV
Hans Meiser als Moderator der Verschwörungsseite "Watergate.TV".

Oder ist er einfach nur ein ehemaliger, ziemlich prominenter TV-Mann, der den Moment verpasst hat, aufzuhören? Der sich selbst und das Bild der Öffentlichkeit von ihm zerstört, ohne es zu merken, einfach weil er nicht aufhören kann, zu arbeiten? Weil er nicht aufhören kann, im Rampenlicht zu stehen – und sei es noch so zwielichtig?

Meiser und ich treffen uns in Scharbeutz an der Ostsee. Dort, etwa eine Stunde von Hamburg entfernt, hat der 71-Jährige gerade ein Haus gebaut – für sich und seine dritte Ehefrau Angelika.

Unser erster Stopp: Ein Promi-Lokal 

Meiser sieht erschöpft aus, so, als hätte er die Nacht kaum geschlafen. Er geht in langsamen kleinen Schritten. Dabei schnauft er, als würde ihn jede Bewegung große Anstrengung kosten. Die schmalen kurvigen Straßen der 11.000-Einwohner-Gemeinde fahren wir mit dem Auto entlang.

Meiser ist freundlich und spricht fast ununterbrochen mit seiner ruhigen Hörbuch-Stimme. Nichts in seinem Verhalten würde mich vermuten lassen, dass ich es hier mit einem möglicherweise irren Verschwörungstheoretiker zu tun habe.

“Meine Frau wollte, dass ich heute einen Anzug anziehe”, erzählt er und lacht. “So ein Quatsch, habe ich gesagt.”

Die rote Hose und das schlichte blaue Shirt mit Polokragen passen tatsächlich besser nach Scharbeutz.

Unser erster von drei Stopps in den Cafés und Restaurants der Kleinstadt ist das “Café Wichtig”. Hier sollen sich regelmäßig Promis treffen. Schon auf dem Weg dorthin grüßen uns Freunde und Bekannte von Meiser.

Amelie Graen
Hans Meiser vor einem seiner Lieblingslokale in Scharbeutz.

“Wie läufts denn so?”, fragt Meiser den Kellner. “Ich würde gerne mal eine Leiche spielen.” Der Kellner lacht. Er kommt mir bekannt vor. Und tatsächlich: Es ist der ehemalige “Verbotene Liebe”-Schauspieler Kay Böger. Im “Café Wichtig” muss sich der Seifenoper-Star etwas dazu verdienen. Nichts Außergewöhnliches für einen Schauspieler. Meiser scheint es vorzuziehen, sein Gehalt mit dubioser Werbung aufzubessern.

Er sieht aus dem Fenster des Cafés. Eine dieser kitschigen Holzbahnen mit Touristen fährt vorbei, dann Fahrradfahrer mit Hunden an der Leine.

Meiser folgt ihnen mit den müden Augen. “Fahrradfahren mit Hund ist nicht gut”, sagt er. “Die Hunde laufen dadurch weiter, auch wenn sie nicht mehr können. Irgendwann fallen sie tot um.”

Er schweigt kurz.

Seine eigene Hündin wollte Meiser einfach “Töle” oder “Hund” nennen, erzählt er. Nur seiner Tochter zuliebe habe er sie dann “Laika” genannt.

“Namen bedeuten mir nichts”, sagt er. Seine Talkshow “Hans Meiser”, die achteinhalb Jahre erfolgreich bei RTL lief, sei damals nur nach ihm benannt worden, weil ihnen nichts Besseres eingefallen sei. Tatsächlich scheint Meiser sich nicht viel auf seinen vergangenen Erfolg einzubilden. 

“Ich konnte mich nie anhören oder ansehen” 

“Ich hatte schon immer ein eher begrenztes Selbstbewusstsein”, sagt er. “Ich konnte mich auch nie im Radio anhören oder im Fernsehen anschauen. Da sind mir nur alle meine Makel aufgefallen.”

Meiser setzt sich jetzt etwas aufrechter hin, gestikuliert und erzählt eine Anekdote nach der anderen. Es ist fast, als würde er aufwachen, aus einem Alltag, der ihn ermüdet und langweilt.

Als er 15 war, habe ein Lehrer zu seiner Mutter gesagt: “Wenn Ihr Sohn mal sterben sollte, müsste man seine Klappe extra totschlagen.”

Meiser ist ohne Vater aufgewachsen. Als er sechs war, wurde der Pilot zum Militär eingezogen. “Ich werde nie vergessen, wie er mir über den Kopf gestreichelt und gesagt hat: ‘Bis zum nächsten Mal, mein Sohn.’ Ein nächstes Mal gab es nicht.”

Erst nach dem Tod seines Vaters erfuhr Meiser, dass er in der DDR eine neue Familie gegründet hatte. Auf einmal hatte er noch eine Halbschwester und einen Halbbruder.

Schon mit 18 stürzte Meiser sich in den Journalismus, begann 1984 bei RTL. Dort erfand er seine eigene Talkshow: “Hans Meiser”. Sie hatte an manchen Tagen 40 Prozent Marktanteil. So viel schafft heute nur noch das Dschungelcamp. Bis zu 4,8 Millionen Menschen sahen sich die Show zu ihrer besten Zeit an. Schließlich sei sie wegen angeblich schlechter Quoten abgesetzt worden, sagt Meiser. 

Bevor ich Verschwörungstheoretiker bin, ist der Papst Mohammed persönlich. Hans Meiser

2010 verlängerte RTL seinen Vertrag nicht. “Ich habe nie ein Danke bekommen. Das ist einfach kein Benehmen”, sagt Meiser heute.

Was er auch zugibt: Er sei nicht ganz einfach gewesen. “Ich kann sehr wütend werden, wenn ich will.”

Zum Beispiel dann, wenn der Begriff “Verschwörung” fällt.

“Bevor ich Verschwörungstheoretiker bin, ist der Papst Mohammed persönlich”, sagt Meiser mit erhobener Stimme. Den Satz wird er an diesem Tag dreimal wiederholen.

Über seine Zeit bei “Watergate.TV” will Meiser, der ansonsten über alles gerne spricht, eigentlich nicht reden. Immer wieder lenkt er vom Thema ab, kommentiert lieber die Menschen, die am Fenster vorbeilaufen. “Uh, der hat ein Sixpack”, sagt er über einen sonnengebräunten Schönling, der in Badehose vorbei schlendert. “Ich habe eher ein Onepack.”

“Zurück zu Watergate.TV…”

Meiser wedelt verärgert mit den Händen in der Luft herum.

“Ich wusste gar nicht so recht, was die da machen, bei Watergate.TV.”

“Aber Sie haben doch die Beiträge selbst anmoderiert.”

“Aber das heißt ja nicht, dass ich die Beiträge auch gesehen habe.”

Jan Böhmermann schmiss ihn raus

Er will sich nicht einmal darin erinnern können, ab wann und wie lange er genau für die Seite gearbeitet hat. Seine Ausreden klingen wenig plausibel. Er sei auf einer Kreuzfahrt gewesen und habe kein Internet gehabt. Deshalb habe er lange gar nicht sehen können, was “Watergate.TV” auf der Seite veröffentliche, behauptet er. 

Wenig später wird er mir im Auto erzählen, dass er nichts tue, von dem er “nicht vollkommen überzeugt” sei. Was Meiser sagt, passt nicht zusammen.

Das sah offensichtlich auch TV-Satiriker Jan Böhmermann so. In dessen ZDF-Sendung “Neo Magazin Royale” hatte Meiser 2015 bis 2017 eine Rolle als ‘der kleine Mann’. Er spielte einen Rechtspopulisten, der “gegen die da oben” wettert.

Bei dem Namen “Böhmermann” verzieht Meiser das Gesicht. “Böhmermann ist ein selbsternannter Moralapostel”, sagt er. “Und den türkischen Präsidenten als Ziegenficker zu bezeichen, finde ich eine Unverschämtheit, widerlich und dumm.” 

Geschickt versucht Meiser von seinem eigenen Fehlverhalten abzulenken. Denn als die Redaktion von Meisers Einsatz bei “Watergate-TV” erfuhr, schmiss Böhmermann ihn raus – mit einem ironisch formulierten Facebook-Post, ohne ihn privat zu informieren.

Das ärgert ihn noch immer. “Ich hatte nie einen Vertrag mit Böhmermann”, sagt er. “Eigentlich nicht einmal mündlich.”

Sein Rauswurf sei falsch kommuniziert und falsch in den Medien behandelt worden. “Auf einmal haben mich alle dargestellt, als sei ich ein Verschwörungstheoretiker oder gar ein Rechtspopulist”, klagt Meiser.

“Schon wieder hier?”, begrüßt die Bedienung Meiser im nächsten Restaurant, der “Fischkiste”. Es ist eines seiner Lieblings-Fischrestaurants in Niendorf, das eine kurze Autofahrt von Scharbeutz entfernt liegt. Draußen sitzen wir überdacht mit Blick auf den Hafen.

Neben uns nimmt eine Gruppe weißhaariger Frauen Platz. Sie mustern uns neugierig. Es kommt noch häufig vor, dass er auf der Straße erkannt und um ein Foto gebeten werde, zuletzt am Morgen beim Bäcker.

Neo Magazin Royale/ZDF Neo/Screenshot
Hans Meiser in seiner Rolle als "Kleiner Mann" mit Jan Böhmermann.

Umso verblüffender finde ich es, dass er es für nötig zu halten scheint, sein Gesicht für dubiose Sendungen und Projekte hinzuhalten. Beispielsweise für einen Börsenbrief, den er in einem Video damit anpreist, dass “der finale Crash” kurz bevorstehe. Wieder redet Meiser sich heraus.

“Mit Zahlen hatte ich es noch nie. Von Mathe habe ich keine Ahnung. Ich kann nicht rechnen. Ich kann froh sein, dass meine Frau sich meine Konto-Auszüge ansieht.”

Vorsichtig trennt er seinen Fisch von den Gräten.

“Aber Sie wussten doch, was Sie sagen.”

“Nein, ich habe die Hälfte davon gar nicht verstanden”, behauptet Meiser.

Auf die Frage, warum er es dann gemacht habe, sagt er: “Es war nur ein Job, nur Werbung, wie auch Jürgen Klopp Werbung macht.”

Hat er es also doch nur wegen des Geldes gemacht? Auch eine andere Geschichte, die er erzählt, legt das nahe.

Meiser: “Ich wurde von einem Fantasten betrogen” 

Meiser sagt, er sei betrogen worden. Von einem “Fantasten”. Er erzählt von einem Unternehmer, der im Jahr 2000 eine Raucher-Airline gründen wollte. Ohne Erfolg. Sein nächstes Großprojekt sei 2014 ein neuer TV-Sender gewesen. Auch der scheiterte. Meiser sollte Mitgründer des Senders werden.

“Durch den Typen habe ich 15.000 Euro verloren”, sagt Meiser heute.

Auf diesen Wert kommt Meiser, indem er sich selbst einen Stundenlohn von 50 Euro gibt und die Zeit hochrechnet, die er mit dem Unternehmer verbracht hat. Gemeinsam hätten sie sich immer wieder mögliche Fernsehstudios angesehen – “mit Kupferteppichen, gesichert gegen Abhörungen”.

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Der Unternehmer habe ihm gesagt, sein neuer Fernsehsender sei “ein Geschenk an das Volk”. Da hätte er eigentlich schon misstrauisch werden müssen, gibt Meiser zu.  

Aber er sei schon immer zu gutgläubig gewesen. Das sei seine größte Schwäche. Eine nicht ganz typische Eigenschaft für jemanden, der fast sein ganzes Leben als Journalist gearbeitet hat, denke ich.

ullstein bild via Getty Images
Hans Meiser als Moderator seiner Nachmittagstalkshow "Hans Meiser".

Vorbei sei die Zusammenarbeit mit dem Unternehmer erst gewesen, als der Angela Merkel als “ein Stück Scheiße” bezeichnet habe. Das fand Meiser unmöglich.

Auch hier habe ich wieder das Gefühl, dass Meiser verzweifelt jemanden sucht, der von seinem eigenen Scheitern ablenkt. Er stellt sich selbst als Opfer dar, der auf einen Verschwörungstheoretiker hereingefallen ist.

Nicht leben können, ohne zu arbeiten 

Meine Vermutung aber verstärkt sich: Meiser gehört zu den Menschen, die nicht leben können, ohne zu arbeiten. Die vielleicht auch etwas suchen, damit sie sich gebraucht und nützlich fühlen.

“Wie mein Tagesablauf aussieht? Na ja, wie ein ganz normaler Büroalltag eben”, sagt Meiser. “Ich wache auf, um halb fünf, dann sehe ich mir die Nachrichtenlage an, schreibe Mails, nehme Anrufe entgegen.”

Meiser spricht, als sei er noch immer Journalist, als müsste er um halb fünf eine Frühschicht im Büro antreten. Dabei hat er seit dem Rausschmiss bei Böhmermann keinen festen Job mehr. Aber er produziere immer noch Videos, gerade für eine befreundete Musikerin, und gebe Rhetorik-Seminare, sagt er.

Nachdem jeder von uns eine große Portion Fisch gegessen hat, fahren wir in die Hamptons. Die Hamptons sind ein weiteres Lieblingslokal von Meiser. Die Gäste können sich auch in einen Strandkorb oder in ein riesiges Bett am Meer legen, um sich von dort bedienen zu lassen.

“Den Kuchen müssen Sie sich an der Theke anschauen”, sagt die Kellnerin.

“Nee, dazu hab ich keine Lust. Komm, sach”, sagt Meiser zu ihr.

Vielleicht, überlege ich, ist es bei Meiser auch einfach Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit, warum er bestimmte Jobs annimmt und sich mit anderen Dingen gar nicht auseinandersetzt. Er ist einerseits arbeitswütig, scheint andererseits frustriert und medienmüde zu sein.

Immer wieder beklagt er sich an diesem Tag über einen angeblichen Niveau- und Professionalitätsverlust der Medien, vor allem im Internet und Fernsehen.

Von seinem Traumtod hat Meiser eine genaue Vorstellung 

Gar nicht mehr als Journalist zu arbeiten, kann sich der 71-Jährige aber nicht vorstellen. “Journalismus ist der schönste Job der Welt”, sagt Meiser. “Ich brenne immer noch dafür.”

Es klingt betrübt, als wünschte er, es könnte anders sein. Dass er sich seinem Beruf entziehen könnte. Aber er kann nicht, denn es war immer sein Leben und ist es auch jetzt noch.

Wahrscheinlich ist es das, was ihn zu fragwürdigen Entscheidungen treibt. Die Angst davor, am Ende nichts zu tun. Bevor der Tod ihn ohnehin zu Nichts werden lässt.

“Wir kommen aus dem Nichts und werden Nichts”, sagt Meiser. “Und eigentlich sind wir ja auch Nichts.”

Er sagt es trocken und bestimmt. So, als habe er sich damit abgefunden.

Wie sein perfekter Tod aussehen würde, ist für Meiser klar: “Ich würde hinter dem Mikro, mitten beim Sprechen, einfach tot umfallen. Das wäre traumhaft.”