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13/03/2018 15:07 CET | Aktualisiert 13/03/2018 19:23 CET

Ärztin: Dieses Foto sollten alle kennen, die gegen Abtreibungen sind

Der Tweet soll Abtreibungsgegnern den Wind aus den Segeln nehmen.

  • Das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche erhitzt derzeit die Gemüter im Bundestag
  • Jetzt zeigt eine Ärztin auf Twitter, wie wenig Abtreibungsgegner über Schwangerschaftsabbrüche wissen
  • Im Video oben: Werbeverbot für Abtreibungen – vor Groko-Start droht die Union der SPD vor Gericht zu ziehen

“Jetzt erst recht!”, dachte sich Kristina Hänel, nachdem das Urteil gesprochen war. Ein Gießener Gericht hat die Ärztin im November 2017 zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt, weil sie auf ihrer Webseite Abtreibungen anbietet. 

Durch den Rechtsspruch wurde die Gießenerin über Nacht zum Gesicht einer Protestbewegung, die fest entschlossen ist, den entsprechenden Passus, Paragraf 219a des Strafgesetzbuches, zu kippen. Dieser sieht Gefängnis- oder Geldstrafen vor, wenn Ärzte Dienste zur Abtreibung anbieten oder anpreisen. 

Viele Ärzte verzichten daher meist auf den bloßen Hinweis, dass sie Abtreibungen anbieten.

Ein Tweet nimmt Abtreibungsgegnern den Wind aus den Segeln

Immer wieder haben sich Abtreibungsgegner den Paragrafen zu Nutzen gemacht, um Kristina Hänel anzuzeigen. Doch die 61-Jährige lässt sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Ihre Verurteilung hat aus der zierlichen Frau mit der leisen Stimme eine unerschrockene Protestführerin gemacht. 

Unter anderem meldete sie sich auf Twitter an, um sich und ihrem Anliegen mehr Gehör zu verschaffen. Und um den emotionalen Appellen der Abtreibungsgegner Paroli zu bieten. 

“Niemand sieht mit bloßem Auge einen Embryo in der siebten Schwangerschaftswoche”, twittert Hänel am 12. März. Das Foto, das dem Tweet angehängt ist, zeigt eine feine weiße Masse, die leicht zu funkeln scheint – so sieht laut dem Tweet der Ärztin eine Fruchtblase in der siebten Schwangerschaftswoche aus.

► Abtreibungsgegner verbreiten dagegen immer wieder Bilder von Embryonen, die bereits die Form und das Aussehen eines Babys haben, um Abtreibungsärzte zu diffamieren. 

Mehr noch: Webseiten wie “Babykaust” listen Kristina Hänel und andere Ärzte namentlich und mit der Adresse ihrer Praxis. Hänel sei eine “Tötungsspezialistin für ungeborene Kinder”, deren Verbrechen nur mit denen der Nazis zu vergleichen seien, heißt es auf “Babykaust”. 

Mehr zum Thema: Ich hatte eine Abtreibung – das hat mir geholfen, eine bessere Mutter zu sein

Nach Angaben des “Spiegel” bekommen manche Ärzte sogar Todesdrohungen. Die Vorsitzende des Verbands “Pro Familia”, Davina Höblich, sagte dem Magazin: “Der Paragraf 219a trägt zu diesem gesellschaftlichen Klima bei – und sorgt dafür, dass immer weniger Medizinerinnen und Mediziner bereit sind, in dieser rechtlichen Grauzone zu arbeiten.”

Kristina Hänel lässt sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen. 

“Manchmal ist eine Abtreibung die einzige Lösung in einem Konflikt”, sagt die Medizinerin im Gespräch mit HuffPost. “Ich betrachte es als meine Pflicht, diesen Frauen zu helfen.”  

Noch vor Regierungsantritt: Hänels Petition führt die GroKo in ihre erste Krise

Für ihren mutigen Kampf für mehr Frauenrechte erfährt Kristina Hänel viel Zuspruch. 160.000 Menschen unterschrieben die Petition der Gießenerin – für eine Abschaffung des Paragrafen 219a. 

Die Bundestagsfraktionen der Linken, Grünen, FDP und zuletzt auch SPD haben seither Gesetzesentwürfe zur Abschaffung beziehungsweise Änderung des Passus im Bundestag vorgebracht. 

Mehr zum Thema: Wie die AfD mit Abtreibungsgegnern paktiert – und warum uns das beunruhigen sollte

► Die Union will allerdings an dem bisherigen Gesetzestext festhalten und zeigt sich empört über den Alleingang ihres zukünftigen Koalitionspartners. 

Wenige Tage vor der Vereidigung der neuen schwarz-roten Regierung sagte die rechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker dem “Spiegel”: “Ich hätte nicht gedacht, dass die neue Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles als Erstes ihren Namen unter einen Antrag setzt, mit dem der Schutz des ungeborenen Lebens vermindert werden soll.”

Es sei zu überlegen, “ob wir vor das Bundesverfassungsgericht ziehen”, sagte Winkelmeier-Becker.

Trotzdem rückt die SPD nicht von ihrem Vorhaben, den Paragrafen zu streichen, ab. “Frauen haben ein Recht auf frei zugängliche Informationen über die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch. Ärztinnen und Ärzte müssen darüber informieren dürfen”, hält die sozialdemokratische Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Dilek Kolat, gegenüber der HuffPost fest.

Mit Unterstützung der SPD wäre eine Mehrheit für eine Gesetzesänderung tatsächlich gegeben. Es scheint also, als habe die Verurteilung von Kristina Hänel den Weg geebnet für eine zeitgemäße Reform des Nazi-Paragrafen.

Mit Material der dpa.

(kap)