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16/01/2018 17:47 CET | Aktualisiert 17/01/2018 11:30 CET

Fritzl-Experte: Das geht in Eltern vor, die ihre Kinder gefangen halten

Beschützerinstinkt und Machtgefühl.

dpa
Josef Fritzl hielt 24 Jahr lang seine Tochter gefangen, ein kalifornisches Ehepaar unbestimmte Zeit 13 ihrer Kinder
  • Ein Ehepaar aus Kalifornien hat seine Kinder gefangen gehalten und gefoltert
  • Psychiater und Autor Thomas Stompe erklärt, was Eltern dazu antreibt, ihren Kindern so etwas anzutun

Es klingt wie ein schrecklicher Psycho-Thriller – doch es ist bittere Realität: Ein Ehepaar in Kalifornien hat seine 13 Kinder unter grausamen Bedingungen gefangen gehalten. Vermutlich jahrelang. Kinder waren an Betten gekettet, wurden gefoltert, hatten kaum zu essen und zu trinken. Als Beamte sie befreiten, waren sie unterernährt und schmutzig. Ihre Umgebung war dunkel und roch faulig.

13 Kinder, im Alter zwischen 2 und 29 Jahren werden von den eigenen Eltern gefangen gehalten. Wie kann so etwas passieren?

Und vor allem: Warum tun Eltern ihren eigenen Kindern so etwas Grausames an?

Im Wesentlichen stecken dahinter zwei Rahmenbedingungen, sagt Thomas Stompe im Gespräch mit der HuffPost. Er ist, Psychiater und Autor des Buches: “Vom Wahn zur Tat” über Josef Fritzl, Anders Breivik und andere Fälle, die die Welt erschüttert haben.

Ein vermeintlicher ‘Beschützerinstinkt’

“Zum einen wollen Menschen, die so handeln, ihre Angehörigen vor etwas bewahren”, sagt er. “Sie betrachten ihre Kinder vermutlich als ihr Eigentum. Und dieses Eigentum wollten sie vor der Außenwelt beschützen.”

Tatsächlich: Das Ehepaar aus Kalifornien ist laut ersten Ermittlungen streng religiös. Die beiden seien der Auffassung gewesen, dass Gott sie dazu aufgerufen habe, so viele Kinder zu bekommen, sagten die Eltern des Mannes dem Fernsehsender “ABC News”.

Zum Vergleich: Josef Fritzl, der 24 Jahre lang seine Tochter gefangen hielt und regelmäßig missbrauchte, wollte nach heutigen Erkenntnissen seine Tochter davor bewahren, sich mit jungen Männern herumzutreiben.

Dieser vermeintliche ‘Beschützerinstinkt’ sei die erste Rahmenbedingung. Die andere sind Stompe zufolge narzisstische Persönlichkeitszüge.

“Ein Gefühl von Macht”, sagt der Experte. “Das Ehepaar aus Kalifornien betrachtete ihre Kinder als einen Teil von sich selbst.” Und zwar als einen, “mit dem sie tun und lassen konnten, was auch immer sie wollten”.

Schuldgefühle? Dafür ist kein Platz

Hinzu würden häufig paranoide Vorstellungen von der Außenwelt kommen. Platz für Schuldgefühle sei da selten.

“Die Dinge bekommen im Laufe der Zeit eine Eigendynamik. Irgendwann gibt es keinen Weg zurück mehr – zumindest keine unauffälligen, weil die Täter begreifen, dass sie dafür bestraft werden würden”, sagt Stompe.

Also machen sie einfach weiter. Einerseits werde das Foltern, Gefangenhalten und Unterdrücken immer mehr zur Lebensroutine.

Andererseits gerate der ursprüngliche Antrieb für ihr Handeln immer mehr in Vergessenheit, erklärt der Psychiater. Stattdessen entwickle sich auch immer mehr eine sadistische Motivation.

Das Umfeld bekommt nichts davon mit

All das geschieht unbemerkt vom Umfeld. Im Fall der 13 Kinder aus Kalifornien berichteten Nachbarn, sie hätten die Kinder nur selten oder gar nicht gesehen. Kimberly Milligan, eine Nachbarin, sagte der “LA Times”, sie habe nur ab und zu beobachtet, wie Kinder in ein Auto gestiegen seien.

Sie habe sich gewundert, weil diese so blass ausgesehen hätten. “Ich dachte, diese Kinder werden zu Hause unterrichtet. Man weiß, irgendetwas ist komisch, aber man will nichts Schlechtes von anderen Leuten denken.”

Psychiater Stompe beschreibt es so: “Häufig leben diese Menschen zurückgezogen, mischen sich wenig in das gesellschaftliche Leben ein. Sie leben in einer eigenen Blase mit einem eigenen Wertesystem, blenden vieles aus der Außenwelt aus und halten sich deshalb von sozialen Kontakten fern.

Für die Täter steckt dahinter eine Form von Liebe

Wie die “New York Times” berichtet, hatte der Vater vom Staat Kalifornien die Genehmigung erhalten, in seinem Haus eine Privatschule zu betreiben. Die Familie war vor einigen Jahren von Texas nach Kalifornien gezogen.

Die Eltern des festgenommenen Mannes sagten dem Sender ABC News, sie seien “überrascht und schockiert” von den Vorwürfen. Die Großeltern, die im Bundesstaat West Virginia leben, hatten demnach ihren Sohn und seine Familie zum letzten Mal vor vier oder fünf Jahren besucht.

Eltern lieben ihre Kinder. Das könne auch bei den Horror-Eltern aus Kalifornien so sein, sagt Stompe.

“Der allererste Ausgangspunkt und Ansporn ihres Handelns war der für uns unvorstellbare Gedanke: ‘Wir tun ihnen damit etwas Gutes.’

(jds)