LIFESTYLE
13/07/2018 16:00 CEST | Aktualisiert 13/07/2018 16:19 CEST

Traut euch endlich, eurem Friseur zu sagen, wenn er Scheiße gebaut hat!

Ein Plädoyer fürs Pöbeln.

“Ich kann nie wieder das Haus verlassen. Ich ziehe in eine Höhle. Ich werde zu Gollum. Aber selbst Gollums fünf Haare waren wenigstens noch schulterlang!!”

Jegliche Versuche, meine Freundin im Gruppenchat zu beruhigen, scheiterten kläglich. Sie kam gerade vom Friseur und hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, dem Friseur zu sagen, dass sie eigentlich etwas ganz anderes wollte. Sowohl ihr seitliches Haar als auch ihr Pony wurden viel kürzer, als sie es sich vorgestellt hatte, und ich will nicht lügen: Sie sah ein wenig aus wie Prinz Eisenherz. 

Ein paar Tage zuvor hatte sogar mein Vater, der seit 25 Jahren zum selben Friseur geht und wahrscheinlich zu ihm eine intensivere emotionale Bindung hat als zu mir, etwas an seiner Frisur auszusetzen. Doch auch er hatte sich nicht beschwert, sondern einfach hingenommen, was die Schere mit seinen Haaren angestellt hatte. 

Ich überlegte. Eigentlich hörte ich ständig solche Geschichten. Frisur wird verschnitten, man lächelt es im Salon weg und heult sich zu Hause in den Schlaf.

Ich brüste mich eigentlich auch damit, immer allen Menschen die Meinung zu sagen. Doch sogar ich werde im Friseursalon kleinlaut. Woran liegt das?

Danke für nichts 

Meine eigene Horror-Geschichte begann in einem Salon, den mir eine Freundin empfohlen hatte. Ich ließ mich weder davon abschrecken, dass meine Friseurin einen hellgrünen Irokesenschnitt trug, noch davon, dass mitten im Salon ein ausgestopftes Wildschwein stand. Der Laden war extrem teuer, weshalb solche Dinge ja als “hip” gelten, nicht als Sperrmüllverwertung. 

“Einfach nur ein bisschen die Spitzen schneiden und ein wenig aufhellen!”, war mein Wunsch. Was meine Friseurin gehört haben musste, war aber wohl eher: “Ich will aussehen, wie eine junge Cindy aus Mahrzahn!”

Meine Haare waren leicht orange und vom Schnitt her in etwa so, als wäre ich lachend in einen Mähdrescher gelaufen. Ich war am Boden zerstört.

Aber als die Friseurin mich dann laut Kaugummi-kauend fragte, ob es mir gefalle, sagte ich: “Ja, super, genau das wollte ich!” 

Meine innere Stimme tobte: WAS?! Du wolltest aussehen wie ein aufgerissener Sack Stroh? Sag ihr, dass es dir nicht gefällt!! 

Doch ich zwang mich zu einem Lächeln, zahlte einen abartig hohen Betrag für dieses Experiment, das (s)ich vor zwei Stunden noch Frisur nannte, und zog davon.  

Wieso fällt es uns so schwer, Friseuren die Meinung zu sagen? 

Im Internet gibt es inzwischen sogar elendslange Ratgeber wie man sich am besten mit Friseuren unterhält, um eine Katastrophe zu vermeiden. Es scheint sich dabei also um ein universelles Problem zu handeln. 

Eigentlich darf man sich doch von Bewohnern anderer Länder ständig anhören, dass die Deutschen immer nur Meckern. Dabei haben Studien bereits belegt: Mehr als die Hälfte der Deutschen Verbraucher beschweren sich nicht, selbst, wenn es bei Dienstleistungen oder Produkten tatsächlich Grund zur Reklamation gibt. 

Dabei ist doch niemandem geholfen, wenn man nicht die Meinung sagt?

Wir müssen mehr pöbeln! 

Vor allem beim Friseur wäre es doch so wichtig, ehrlich zu sein. Natürlich kann man an verschnittenen Haaren meist nichts mehr ändern. Aber wenn man nicht dazu steht, dass man das Endergebnis einfach nicht gut findet, wird der jeweilige Barbier weiterhin auf Menschen losgehen, wie Edward mit den Scherenhänden.

Es kann sogar ein wahrer Dienst am Nächsten sein: Deine Ehrlichkeit könnte andere Kunden davor bewahren, in einer Dumm-und-Dümmer-Fortsetzung als Haardouble gecastet zu werden!

Beschwerden sind unangenehm, aber wichtig 

Ich will hier auf keinen Fall bewirken, dass wir nun alle zu Horror-Kunden mutieren, die erst dann ruhen, wenn auch der letzte Mitarbeiter heulend seiner Mutter in die Arme fällt. Aber ehrliches Feedback ist einfach wichtig. 

Das geht auch weit über den Friseursalon hinaus: Lasst ruhig mal ein Essen zurückgehen, wenn es wirklich ungenießbar ist. Erklärt dem Postboten sachlich, aber bestimmt, warum es eben nicht okay ist, euer Paket aus sieben Metern Entfernung wie einen Basketball-Slam-Dunk auf euren Balkon zu befördern.

Auch die Sauberkeit eines Hotels kann man mal beanstanden. Und wenn ein Beamter euch behandelt, als hättet ihr seine Urahnen beleidigt, darf auch das zur Sprache gebracht werden. 

Um auf das eigentliche Problem zurückzukommen: Schluckt nicht immer alles runter. Sagt eurem Friseur, was euch stört. Ich weiß, es ist nicht immer einfach. Aber das Leben ist zu kurz, um herumzulaufen, wie ein Langfaser-Teppich. 

(jds)