POLITIK
15/03/2019 16:49 CET | Aktualisiert 15/03/2019 17:01 CET

#FridaysForFuture: So antworten die streikenden Schüler ihren Kritikern

"Wir sind die Generation, die etwas verändern kann."

HuffPost / Uschi Jonas
Schüler bei der #FridaysForFuture-Demo in Heilbronn.

“Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!”, brüllt ein junger, schlanker Mann durchs Megafon. Die dunkelblonden Locken kleben klatschnass auf seinem Kopf, Regen tropft in sein Gesicht. Doch all das scheint ihm egal, während er hunderten Gleichaltrigen im baden-württembergischen Heilbronn an diesem Freitagvormittag Parolen entgegenruft. 

In über 100 Ländern auf der ganzen Welt streiken an diesem Tag Hunderttausende Schüler für den Klimaschutz – auch in Deutschland sind in mehr als 220 Städten Kinder und Jugendliche im Rahmen von ”#FridaysForFuture” auf der Straße. So auch in Heilbronn.

Eigentlich wollen sie nur eins: Politiker, Unternehmer, einfach alle Erwachsenen aufrütteln. Sie wollen in Zukunft nicht auf einem Planeten leben, den die Menschheit mit ihrem rücksichtslosen Verhalten zugrunde gerichtet hat. 

Vor einigen Tagen unterstützten mehr als 1200 Wissenschaftler aus der ganzen Welt die Schülerstreiks in einem offenen Brief – dennoch ebbt die Kritik an den Demos nicht ab.

Nicht nur Vorkämpferin Greta Thunberg schlagen Unmut, Wut, Hass und Häme entgegen, sondern auch in Deutschland üben zahlreiche Politiker, Journalisten und Lehrerverbände Kritik an den streikenden Schülern.

Allen voran FDP-Chef Christian Lindner. Vergangenes Wochenende monierte er in einem Interview: Klimaschutz sei doch was für Profis. 

Oder da wäre CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor. Laut dem 26-Jährigen sollten die Proteste erst nach dem Unterrichtsende beginnen. “Politisches Interesse der Schüler finde ich immer gut. Dem können sie aber auch in ihrer Freizeit nachgehen”, sagte er in der Freitagsausgabe der “Heilbronner Stimme”. 

Wir waren auf der #FridaysForFuture-Demo in Heilbronn unterwegs und haben Jugendliche mit den Einwänden ihrer Kritiker konfrontiert.

1. “Du bist doch nur hier, um Schule zu schwänzen.”

Das britische Unterhaus will den Brexit verschieben – und

HuffPost / Uschi Jonas
Lynn

Die 15-jährige Lynn aus Offenau sagt, dass es ihr egal sei, ob sie für die Teilnahme an den Demos die Schule schwänzen müsse oder nicht.

“Unsere Zukunft hängt davon ab und Mutter Natur leidet darunter, was hier jeden Tag passiert, wie sich Konzerne verhalten. Und wir sind die Generation, die etwas verändern kann. Auch wenn uns jetzt drei oder vier Schulstunden fehlen – wir haben noch unseres komplettes Leben vor uns. Und wir müssen hier leben. Ich finde die Demos toll, damit können wir etwas bewirken.”

2. “Du streikst fürs Klima – machst aber selber nichts für den Schutz der Umwelt.”

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Der 15-jährige Fynn ist heute zum ersten Mal dabei. Er streikt, weil es ihm wichtig ist, sich für Umweltschutz einzusetzen. “Wie es gerade läuft, ist einfach nicht richtig. Wir sind hier, um etwas für die Umwelt zu tun, die Schule ist da zweitrangig.”

Dennoch sagt auch er, dass er wichtig findet, das eigene Verhalten zu hinterfragen.

“Wer demonstriert, muss auch im eigenen Alltag etwas verändern und darf nicht nur andere kritisieren.”

3. “Du bist doch noch ein Kind und hast keine Ahnung vom Klimawandel.”

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HuffPost / Uschi Jonas
Dennis

Dennis ist beim Klimastreik dabei, weil ihm eine Klassenkameradin davon erzählt hatte. “Es ist wichtig, dass wir an die Zukunft denken”, sagt der 16-Jährige aus Öhringen.

Wenn ihm jemand vorwirft, er habe keine Ahnung von Klimaschutz, weil er noch ein Kind sei, sagt er:

“Jugendliche haben manchmal mehr Ahnung als Erwachsene – man muss sich nur richtig informieren.”

4. “Klimaschutz ist eine Sache für Profis.” 

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Emily und Joana

Joana, 15, und Emily, 14, aus Bad Wimpfen, streiken, um den großen Politikern klar zu machen, dass sie sich endlich stärker um den Umweltschutz kümmern müssen. “Unsere Jugend wird immer als rebellisch angesehen und wir hängen angeblich immer nur am Handy. Deshalb finde ich es cool, dass sich die Jugend jetzt erhebt und kämpft. Und davon wollte ich ein Teil sein”, sagt Emily.

Joana stimmt ihr zu und gibt aber zu, sie wäre jetzt lieber in der Schule als hier im Regen zu stehen.

Beide finden es Quatsch, wenn jemand sagt, Klimaschutz sei nur etwas für Profis. Joana sagt:

“Man kann sich schließlich informieren und so auch zum Profi werden. Und mit den Demonstrationen wollen wir den Profis ja auch ein Zeichen geben, dass wir Veränderung wollen – damit die auch endlich mal etwas machen.”

5. “Du gehst fürs Klima demonstrieren, aber sonst tust du dafür nichts.”

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Jana, 16 Jahre alt, aus Flein, sagt dazu: “Viele von uns machen auch schon Dinge, wie kein Fleisch zu essen oder Plastik-Verpackungen zu vermeiden. Man kann vieles machen.”

Sie betont auch:

“Ich denke, hier sind genügend, die es ernst meinen und etwas bewirken wollen. Das Wichtigste ist, dass jeder weiß, dass er etwas verändern kann. Jede Kleinigkeit kann etwas bewirken.”

6. “Du bist noch zu jung, du verstehst die globalen Zusammenhänge gar nicht.”

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Marco (links) und ein Freund

Für Marco aus Heilbronn gibt es viele Gründe, um für Klimaschutz zu demonstrieren. Vor allem will er einen Appell an jene Menschen richten, die viel Plastik vebrauchen oder sich respektlos gegenüber der Umwelt verhalten.

Wenn jemand dem 19-Jährigen sagen würde, er sei zu jung, um die globalen Zusammenhänge zu verstehen, lautet seine Antwort:

“Ich würde fragen, was er denn über das globale Klima weiß, dass er sowas behauptet. Ich beschäftige mich in meiner Freizeit sehr viel damit, habe auch Vorträge an meiner Schule zum Thema Klimawandel gehalten.” 

7. “Du gehst auf die Straße, aber eine Lösung für funktionierenden Klimaschutz hast du auch nicht.”

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Fiona und Katharina

Katharina ist 17 Jahre alt und aus Bad Wimpfen. ”Ich hab von den Demos gehört und fand es gut, dass sich die Jugendlichen einsetzen und interessieren und wollte jetzt auch mal dabei sein.”

Ihre Freundin Fiona findet, dass Konzerne und Fabriken am stärksten Verantwortung für Umweltverschmutzung tragen. Aber jeder müsste auch selbst Maßnahmen ergreifen. “Ich bin zum Beispiel Vegetarierin,” sagt die 17-Jährige.

Und sie hat sehr wohl Ideen, wie Klimaschutz funktionieren kann.

“Ich finde, dass man zum Beispiel mehr Steuern auf Fleisch erheben sollte, damit weniger Leute Fleisch essen. Der Staat muss eingreifen. Und wir gehen zur Demo, damit die Politik aufwacht.”

Hier pflichtet ihr auch Katharina bei: “Es ist wichtig, dass Jugendliche herkommen. Aber man muss auch davon überzeugt sein, selbst etwas im Alltag umzusetzen und nachhaltig zu leben.” 

8. “Geht doch lieber samstags demonstrieren, dann bekommen auch mehr Leute von eurem Streik mit.”

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Linea, 18 Jahre alt, und Stephan, 15 Jahre alt, kommen beide aus Heilbronn und sorgen sich um ihre Zukunft. “Ich finde, man sollte trotz des Wetters ein Zeichen setzen, um zu sehen, dass Jugendlichen nicht alles egal ist”, sagt Linea. Sie findet, dass die Politik endlich mal handeln müsse.

Stephan sagt: “Ich will in einer Umwelt leben, die gesund ist.” Dass die Demos freitags und nicht am Wochenende stattfinden, finden beide wichtig. “Eben gerade weil wir schwänzen, bekommen wir diese Aufmerksamkeit”, ist sich Stephan sicher. Linea sagt:

“Ich denke auch, es ist kein Schwänzen an sich, sondern wir streiken ja. Zu Lokführern sagt ja auch keiner, ihr dürft nicht freitags streiken. Das kommt auf dasselbe raus am Ende. Wenn Arbeitnehmer streiken, setzen sie ja auch etwas aufs Spiel.”

Sie steht kurz vor dem Abitur und schwänzt gerade Französisch, eines ihrer Hauptfächer.

9. “Du demonstrierst hier, aber mit 18 willst du trotzdem deinen Führerschein und ein eigenes Auto haben und fliegst mit deinen Eltern in den Urlaub.” 

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HuffPost / Uschi Jonas
Hendrik

Der 17-jährige Hendrik aus Wüstenrot streikt, weil er es wichtig findet, für unseren Planeten zu kämpfen. “Wenn die Politiker nichts machen, dann müssen wir es eben tun.”

Er fliegt nicht in den Urlaub, aber ja, seinen Führerschein macht er auch.

“Aber das ist heutzutage, wenn man auf dem Land wohnt, auch kaum anders möglich. Aber ich finde, jeder muss zumindest an irgendeinem Punkt schauen, dass er etwas fürs Klima macht.”

Auch Kleinigkeiten würden da manchmal schon genügen. “Wenn das jeder macht, dann hilft das viel.” Jeder müsse versuchen, sich im Alltag klimabewusster zu verhalten.

10. “Du bist doch nur hier, weil du damit auf Instagram und Facebook prahlen willst.”

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HuffPost/ Uschi Jonas
Luisa und Anna-Maria

“Wenn wir alle zusammenhalten, dann schaffen wir es, die Älteren zu überzeugen, dass es so, wie es gerade ist, nicht weitergehen kann. Wenn wir nur zuhause rumsitzen, dann bringt das auch nichts”, sagt die 14-jährige Anna-Maria aus Heilbronn. Wer stattdessen demonstriere, könne ein Zeichen setzen. 

Ihre Freundin Luisa glaubt schon, dass es manche Jugendliche gibt, die vor allem da sind, um später damit auf Instagram zu prahlen.

“Aber so gewinnen wir trotzdem noch mehr Leute, die davon mitbekommen und dann vielleicht auch herkommen. Umso mehr Leute Posts teilen, desto größer wird auch die Reichweite.” 

Die beiden Mädchen sind sich einig: Am Ende zählt, wer dabei war und seinen Teil zum Ganzen beigetragen hat.