POLITIK
30/10/2018 18:23 CET | Aktualisiert 31/10/2018 08:52 CET

Erdogan-Fans nutzen Vergewaltigung in Freiburg für krude Propaganda

Warnte Erdogan die Bundesregierung vor den Tätern? Die Antwort: Höchstwahrscheinlich nicht.

Im Video oben: Mutmaßliche Vergewaltigung bringt die Menschen in Freiburg auf die Straße

Es war ein schreckliches Verbrechen.

Nach einem Disco-Besuch soll eine 18-Jährige in Freiburg in der Nacht zum 14. Oktober von mehreren Männern vergewaltigt worden sein. Acht Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft – sieben Syrer im Alter von 19 bis 29 Jahren und ein 25 Jahre alter Deutscher.

Unter die berechtigte Empörung und das Unbehagen in der Bevölkerung mischt sich politische Wut. Nicht nur die Rechten nutzen den Fall dabei, um weiter Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. 

Auch in Kreisen nationalistischer Türken in Deutschland wird der Fall zum Politikum. Denn Unterstützer des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan behaupten in sozialen Medien: Vor den mutmaßlichen Tätern, einige von ihnen sind laut Informationen der “Bild” Kurden, hat Erdogan die Bundesregierung schon vor Monaten gewarnt.

“Acht von den Freiburger Vergewaltigern waren mit auf der von Erdogan an Deutschland übergebenen PKK-Terroristen-Liste, er wollte sie in der Türkei vor Gericht stellen, weil gefährlich.” (Post zur besseren Verständlichkeit leicht korrigiert.)

Weiter heißt es: “Doch der Verfassungsschutz reagierte nicht. So und nun schimpft alle weiter auf Erdogan, ihr Deppen!”

Facebook

 

Über 500 Mal wurde der Beitrag bereits geteilt. Ursprünglich hat ihn offenbar der Youtuber und Verschwörungstheoretiker Ali Iscitürk erstellt.

Wieso das sehr wahrscheinlich Unsinn ist:

Das Problem: Eine Quelle für seine Behauptung, die mutmaßlichen Täter seien in der Türkei per Liste gesuchte Terroristen, gibt der Autor des Posts nicht an.

► Bei der Freiburger Polizei nachgefragt, heißt es: “Eine solche Liste ist dem Staatsschutz des Polizeipräsidiums Freiburg nicht bekannt.”

Bekannt ist durch Medien lediglich: Vor dem Besuch des Erdogans in Deutschland im September soll die türkische Regierung Bundeskanzlerin Angela Merkel eine “Terrorliste“ mit 69 Namen übergeben haben.

Aufgelistet seien Menschen, die in der Türkei wegen Terrorvorwurfs gesucht werden – wie etwa der im deutschen Exil lebende Journalist Can Dündar.

► Dass die mutmaßlichen Vergewaltiger von Freiburg dazu gehören, darauf deutet nichts hin. 

Wo der Zusammenhang zwischen dem Sexualverbrechen und möglichen Verbindungen syrischer Kurden zu Milizen wie der YPG, zur verbotenen kurdischen Partei PKK oder der Gülen-Bewegung bestehen soll, bleibt offen.

Noch eine weitere Ungereimtheit ist in dem Post zu finden: So ist dort von acht Tätern die Rede, die auf Erdogans PKK-Liste stehen sollen. Die Polizei hat aber bislang nur über sieben syrische Täter berichtet, wie viele davon tatsächlich Kurden sind, ist nicht bekannt. 

Ebensowenig übrigens wie eine Verbindung zur PKK. 

Was noch über den Fall bekannt ist:

Verschiedene Medien berichteten am Dienstag, dass der mutmaßliche Haupttäter wegen zahlreicher anderer Vergehen, darunter exhibitionistische Handlungen und versuchte sexuelle Nötigung, aufgefallen sein soll.

Dazu machte die Staatsanwaltschaft am Dienstag keine weiteren Angaben. “Die Ermittlungen dauern an”, teilte eine Sprecherin der dpa mit. Zwischenergebnisse würden grundsätzlich nicht mitgeteilt. Die genaue Anzahl der mutmaßlichen Täter sei weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.