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04/11/2018 13:33 CET

Freiburg: Ein Satz des Polizeipräsidenten sorgt für Empörung

"Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen".

dpa
Der Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger.

Es ist eine schreckliche Tat, deren Details kaum zu ertragen sein.

Eine 18 Jahre alte Studentin soll in Freiburg nach einem Disco-Besuch am 14. Oktober brutal vergewaltigt worden sein – acht Männer wurden anfangs verdächtig, sich an dem Mädchen vergangen zu haben.

Am Freitag erklärten Polizei und Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz, dass noch zwei weitere Männer im Verdacht stehen, die Studentin missbraucht zu haben.

Bei den ersten mutmaßlichen Tätern, die identifiziert wurden, soll es sich um sieben Syrer im Alter von 19 bis 29 Jahren und einen 25 Jahre alten Deutschen handeln. 

Die Sexualdelikte steigen – “es gibt keine Vollkakso-Versicherung”

Dass die Behörden und Politik mit dem öffentlichen Umgang mit dieser grausamen Tat Schwierigkeiten haben, zeigt nicht nur ein anfangs nicht vollstreckter Haftbefehl gegen einen Verdächtigen, der den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) in Erklärungsnot brachte.

Sondern auch ein Satz, den der Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger in einem Interview mit dem “Spiegel” fallen ließ.

In der Pressekonferenz am Freitag, in der sich Polizei und Staatsanwaltschaft das erste Mal öffentlich zum Ermittlungsstand äußerten, konstatierte Rotzinger einen Anstieg von Sexualstraftaten in Freiburg, was auch an dem relativ neuen Tatbestand der sexuellen Belästigung liege.

Ein “Gut-gemeint-Ratschlag”, dem eine völlig falsche Kausalität zugrunde liegt

Dies würde zu vermehrten Anzeigen führen – rund 70 Prozent der zur Anzeige gebrachten Fälle würden auch aufgeklärt.

“Wir müssen uns klarmachen, dass in einer offenen Gesellschaft nicht jedes Delikt zu verhindern ist”, sagte Rotzinger dann im “Spiegel”-Interview. 

Der Satz, der dann folgte, sorgt nun für Empörung: 

“Wir können den Bürgern keine Vollkaskoversicherung bieten. Einen Ratschlag habe ich aber: Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.”

Ein Satz der ins Mark aller Frauen trifft, die sexuelle Belästigung erfahren mussten.

Es ist ein “Gut-gemeint-Ratschlag”, dem eine völlig falsche Kausalität zugrunde liegt. Es ist eine Aussage, die suggeriert, dass Opfer sexueller Gewalt auch vielleicht irgendwie selbst mit ihrem Verhalten den Nährboden dafür liefern würden, dass sie belästigt, begrapscht, vergewaltigt werden.

Auf Twitter schreibt “Handelsblatt”-Journalist Alexander Demling: ”Warum werden Polizisten im Einsatz eigentlich verletzt? Machen die sich etwa wehrlos?Oder sollte man hier die Schuld etwa nicht bei den Opfern suchen?”

Und Julian Dörr kommentiert in der “Süddeutschen Zeitung”: 

“Es ist problematisch und frustrierend, wenn Argumentationen wie diese wieder und wieder in alltäglichen Diskussionen auftauchen. Es ist traurig, wenn Frauen selbst dieses Narrativ so sehr verinnerlicht haben, dass sie ihr eigenes Verhalten im Falle eines Übergriffs hinterfragen. Wenn aber ein Polizeipräsident einer großen deutschen Stadt diese Argumentation bedient, dann ist es gefährlich.”

“Es bleiben Männer, die sich falsch verhalten!”

Auch zahlreiche Twitter-Nutzer empören sich auf Twitter über den Satz Rotzingers: “Ob es ein weißer deutscher Familienvater, der schwarze Opa, ein Syrischer Soldat, der narzistische gute Freund, der grauäugie Bischof usw. war: Es bleiben Männer, die sich falsch verhalten!”, schreibt eine Nutzerin,

Eine andere schreibt: “Es fehlt: Dass Mädchen und Frauen sich anständig und nicht aufreizend anziehen sollen. Diese Argumentation beschuldigt immer die Opfer. Und rechtfertigt die Tat. Das muss aufhören!”

“Zum Teufel! Typische Männerrede. Ich darf anziehen was ich will und trinken was ich will. Ein Mann ist immer stärker als eine Frau, auch ohne dass sie betrunken ist! Bitte! So eine Aussage ist nicht von einem Polizeipräsident zu erwarten!”, wettert eine weitere Twitter-Nutzerin.