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20/02/2018 18:39 CET | Aktualisiert 20/02/2018 19:41 CET

Es ist eine Schande, dass in Deutschland die Rechten am lautesten für Frauen kämpfen

Wir dürfen den rechten Hetzern dieses Feld nicht überlassen.

Die ganze Welt spricht über #MeToo, über sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt an Frauen. Die ganze Welt? Nein. Denn ein gar nicht mal so unbedeutendes Land, ein Land, in dem mehr als 80 Millionen Menschen leben, scheint diese Debatte in großen Teilen auszublenden: Deutschland.

Während die Verleihungen von Golden Globes und Grammys in den USA sowie die britischen Bafta Awards ganz im Zeichen von Frauenrechten und #MeToo stehen, während andernorts Millionen-Fonds ins Leben gerufen werden, um Frauen zu unterstützen, die wegen sexueller Gewalt vor Gericht ziehen wollen, passiert hier: kaum etwas.

Von der Berlinale, dem großen deutschen Filmfest, das seit letzten Donnerstag in der Hauptstadt stattfindet, hört man in Sachen Frauenrechte äußerst wenig. Obwohl der Missbrauchsskandal um Regisseur Dieter Wedel die Branche gerade erst erschüttert hat.

“Die vergessenen Frauen”

Nur eine Aktion hat für Aufmerksamkeit gesorgt:

Während einer kleinen, am Rande der Berlinale stattfindenden Veranstaltung, die sich mit sexueller Gewalt in der Filmbranche beschäftigte, stürmten Aktivistinnen der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften “Identitären Bewegung“ die Bühne.

Die Frauen hatten ein Transparent dabei, auf dem stand: “Die Stimme der vergessenen Frauen #120dB“. Außerdem verteilten sie Flyer, auf dem “Den Opfern importierter Gewalt eine Stimme geben” zu lesen war.

Die #120db-Kampagne wurde von Martin Sellner, einer Führungsfigur der Identitären, ins Leben gerufen. Und auch wenn sich die Kampagne augenscheinlich für Frauen einsetzt – dahinter steckt rechte Hetze unter dem Deckmäntelchen der Frauenrechtsbewegung.

Kann es wirklich sein, dass die, die in diesem Land am lautesten nach “Frauenrechten” schreien, rechte, gefährliche Hetzer sind?

Schon nach dem deutschen Fernsehpreis ging ein Raunen durch die weibliche Bevölkerung des Landes. Der Fall Wedel fand keinerlei Erwähnung. Dafür tanzten zur Eröffnung fast nackte Frauen auf der Bühne.

Wo bleibt der Aufschrei?

Auch im Karneval, der es sich eigentlich auf die Fahne geschrieben hat, gesellschaftspolitische Missstände anzuprangern, fand #MeToo nicht statt. Dafür Zoten, Altherrenwitze und Frauen als schmückendes Beiwerk. Und jetzt die Berlinale, die das Thema Alibi-mäßig am Rand behandelt.

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Wieso findet hier nicht der große Aufschrei statt? Hat es unser Land nicht nötig, für Frauenrechte zu kämpfen?

Deutschland wird zwar von der mächtigsten Frau der Welt regiert. Mit Andrea Nahles wird bald auch eine Frau an der Spitze der SPD stehen. Annegret Kramp-Karrenbauer wird CDU-Generalsekretärin. Hört sich gut an.

Also – brauchen wir den Kampf für Frauenrechte hier nicht?

Zahlen sagen etwas anderes:

► 43 Prozent der deutschen Frauen wurden schon einmal sexuell bedrängt oder belästigt. Das ergab eine Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur vom Oktober.

► Rund ein Drittel der Jungpolitikerinnen gab in einer exklusiven Umfrage der HuffPost mit 95 Teilnehmerinnen an, während ihrer politischen Arbeit Opfer von sexueller Belästigung geworden zu sein. Auch von Vergewaltigungen berichteten sie.

► Laut einer Umfrage des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 haben außerdem 40 Prozent der Frauen schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Bei 25 Prozent der Frauen geschah das in einer Beziehung.

In Deutschland herrscht die Stammtisch-Kultur

Natürlich gibt es auch in Deutschland viele Frauen und Männer, die sich für Gleichberechtigung und gegen Gewalt gegen Frauen einsetzen. Es gibt tolle Projekte, tolle NGOs, tolle Aktionen.

Aber es fehlt dieses große Aufbäumen, das so viel Aufmerksamkeit erzeugt, wie eine komplett in schwarz gekleidete Hollywood-Riege oder ein Millionen-Fonds, hinter dem die deutsche Schauspielelite steht.

Denn es sind diese Aktionen, die den Unterschied machen können. Es sind diese Aktionen, die das Thema groß machen, ihm den Buzz verschaffen, den es braucht, damit die Diskussion darüber nicht abebbt.

In Deutschland – so scheint es – regiert die Angst, die Skepsis, der Zweifel. Viele Frauen, die an die Öffentlichkeit gehen, finden sich kurze Zeit später am Pranger vieler Medien wieder. Und: Irgendwie wollen wir Deutschen nur schwer glauben, dass es auch unter uns viele Vergewaltiger und Gewalttäter gibt.

Ja, unser Land ist ein Land der Stammtischkultur. Ein Land, das sich zwar gerne als fortschrittlich sieht, aber immer noch wahnsinnig konservativ ist. 

Wir müssen kämpfen

Dass wir uns in einer Art konservativer Renaissance befinden, bestätigte auch Kulturwissenschaftler Günther Hirschfelder von der Uni Regensburg, der hauptsächlich über Karneval forscht, der HuffPost.

Im Karneval könne man sehen, was das Land gerade beschäftige. “Der Karneval spielt eine heile Welt von früher“, sagt Hirschfelder. Dieses Jahr zeige sich vor allem die Sehnsucht nach einer alten, konservativen Gesellschaft, welche bereits überholte Rollenbilder zelebriert.

Und nun schlagen genau die Rechten, die sich diese Gesellschaft herbeiwünschen, in diese Kerbe. Und tun zumindest so, als würden sie sich für Frauenrechte einsetzen.

Wir dürfen den Rechten dieses Feld nicht überlassen. Denn so entsteht der Eindruck, das Problem sexueller Gewalt in Deutschland sei nur ein “importiertes”. Und dann werden wir nie an der Wurzel des Übels ansetzen können.

Was ist denn dann mit all den Frauen, die Dieter Wedel belästigt, bedrängt und vergewaltigt haben soll? Was ist mit all den Frauen, die Gewalt durch ihre deutschen Partner erfahren haben?

Wenn wir keine gesamtdeutsche Bewegung auf die Beine bekommen, die sich mit dem Thema beschäftigt, dann ignorieren wir ein riesengroßes Problem in diesem Land. Und, so viel sollte klar sein: Zur Lösung eines Problems hat es noch nie beigetragen, es einfach nicht zu beachten.

Wir dürfen das Thema Frauenrechte nicht von rechten Hetzern kapern lassen. Wir müssen kämpfen. Und wir müssen zeigen, wie groß das Problem von sexueller Gewalt und Belästigung in Deutschland wirklich ist.

Alles andere wäre eine Schande.

(ll/tb)